DAX
S&P 500
NASDAQ
Dow Jones
MSCI World
Gold
Silber
Brent
BTC
Apple
Microsoft
NVIDIA
Amazon
Alphabet
Meta
Berkshire
Broadcom
Tesla
TSMC
← Zurück zur Übersicht
Politik
80.000 bei Demos für Erneuerbare Energien

80.000 bei Demos für Erneuerbare Energien

Etwa 80.000 Menschen demonstrierten am Samstag in Hamburg, Berlin, Köln und München für den schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien. Die Klimabewegung richtet ihre Kritik direkt an Wirtschaftsministerin Reiche, deren Pläne für neue Gaskraftwerke und das Ende der Solarförderung die Demo ausgelöst haben.

18. April 2026, 14:33 Uhr 748 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Etwa 80.000 Menschen demonstrierten am Samstag zeitgleich in Hamburg, Berlin, Köln und München für den schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien. Die Klimabewegung ist zurück auf der Straße und das mit einem Argument, das durch den Irankrieg eine neue Dringlichkeit bekommen hat: Wer Deutschland von fossilen Importen abhängig hält, riskiert genau das, was die vergangenen Wochen gezeigt haben. Diesel für 2,45 Euro, Kerosin dreimal so teuer wie vor dem Krieg. Die Mobilisierung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit konkreten Gesetzesvorhaben den Ausbau der Erneuerbaren bremst.

Wer demonstriert und worum es geht

Das Bündnis hinter den Demos umfasst sieben Organisationen: Campact, Deutsche Umwelthilfe, Fridays for Future, Greenpeace, Germanwatch, GermanZero und WWF Deutschland. Die Forderungen sind konkret formuliert: höhere Ausbauziele für Photovoltaik und Windkraft, ein Ausbauprogramm für Verteilernetze und Stromspeicher, Stärkung europäischer Produktionskapazitäten für Erneuerbare und deutlich günstigerer Strom für Wärmepumpen. Auf den Bühnen sprachen unter anderem Maja Göpel, Transformationsforscherin an der Leuphana Universität Lüneburg, in Berlin sowie der Astrophysiker Harald Lesch in München. VdK-Präsidentin Verena Bentele machte in München auf die soziale Dimension aufmerksam: Steigende Energiekosten träfen einkommensschwache Haushalte besonders hart und machten die Energiewende zur Frage sozialer Gerechtigkeit.

Was Reiche plant und warum das Bündnis dagegen ist

Der konkrete Auslöser der Mobilisierung ist ein Doppelvorhaben im Wirtschaftsministerium. Erstens will Reiche die feste Einspeisevergütung für Photovoltaikanlagen unter 25 Kilowatt ab 2027 abschaffen. Ihr Argument: Kleine PV-Anlagen seien inzwischen auch ohne staatliche Förderung wirtschaftlich tragfähig. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge nannte das einen „Solarkiller“. 15 von 16 Landesenergieministern haben sich öffentlich dagegen positioniert, dennoch hält das Ministerium an der Reform fest. Zweitens plant Reiche Ausschreibungen für zunächst 12 Gigawatt neue Gaskraftwerke ab Herbst 2026, mittelfristig sollen es mindestens 20 Gigawatt werden. Das Ministerium bezeichnet Gaskraftwerke als notwendige Brückentechnologie zur Versorgungssicherheit.

Das Bündnis sieht in beiden Vorhaben eine Weichenstellung zugunsten fossiler Infrastruktur für Jahrzehnte. GermanZero-Geschäftsführerin Carla Reemtsma formulierte es auf der Berliner Bühne: „Wer jetzt Gaskraftwerke für zwei Jahrzehnte baut, schließt damit die Tür zur Klimaneutralität 2045.“ Reiche hatte die Kritik vor der Demo als „Alarmismus“ bezeichnet und betont, die Energiewende müsse auch realistisch bleiben.

Der Irankrieg als ungewolltes Argument für die Demo

Was die Demonstrationen von früheren Klimaprotesten unterscheidet, ist der geopolitische Kontext: Der Irankrieg hat das abstrakte Argument für Energieunabhängigkeit in eine konkrete wirtschaftliche Belastung verwandelt. Seit die Straße von Hormus gesperrt ist, liegt der Ölpreis um mehr als 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute ifo, DIW, IfW, IWH und RWI haben ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,6 Prozent gesenkt und nennen die Hormusblockade als Hauptursache. Für 48 Millionen Kraftfahrzeughalter ist das keine abstrakte Statistik.

Dieser Kontext macht die politische Lage für das Demobündnis günstig, stellt die Organisatoren aber auch vor ein kommunikatives Problem: Kurzfristige Energiepreisnotlage und langfristige Energiewendepolitik werden in der öffentlichen Debatte leicht durcheinandergeworfen. Erneuerbare Energien, die heute gebaut werden, helfen gegen die aktuelle Hormuskrise nicht. Wohl aber gegen die nächste.

Was die Demos politisch bewegen können

Wie viel politisches Gewicht 80.000 Demonstrierende in die Waagschale werfen, hängt von den nächsten parlamentarischen Schritten ab. SPD-Fraktionschef Miersch hatte vor der Demo erklärt, die Teilnehmer träfen den richtigen Nerv zur richtigen Zeit. Das ist die eine Seite der Koalition. Die andere: Reiche gehört zur CDU, die über ihre Mehrheit im Kabinett die Richtung der Energiepolitik bestimmt. Selbst der CDU-Arbeitnehmerflügel CDA hat Reiches Ablösung gefordert, bislang ohne Konsequenz. Kanzler Merz hat Reiche in der Spritpreisdebatte zur Mäßigung aufgefordert, an ihrer grundsätzlichen Energiepolitik aber nichts geändert.

Die überraschende Erkenntnis der heutigen Demos liegt weniger in den Teilnehmerzahlen als in ihrer Zusammensetzung. Neben klassischen Klimaaktivisten marschierten laut Veranstalterangaben Solarinstallateure, Handwerksbetriebe aus der Erneuerbarenbranche und Wohnungsbaugenossenschaften, die auf günstigen Wärmepumpenstrom angewiesen sind. Die Klimabewegung hat sich eine wirtschaftliche Koalition aufgebaut, die über das klassische Umweltlager weit hinausgeht.

Die nächsten Entscheidungen

Im Mai 2026 ist die erste Lesung des EEG-Reformentwurfs im Bundestag geplant. Die Gaskraftwerksausschreibungen sollen im Herbst 2026 anlaufen. Zwischen diesen Terminen liegt die Koalitionsverhandlung über das neue Energiegesetz. Das Demobündnis hat angekündigt, seine Kampagne bis zur EEG-Lesung fortzusetzen. Ob 80.000 Menschen auf der Straße den parlamentarischen Ausgang beeinflussen, wird sich in der Bundestagsdebatte im Mai zeigen.

Weitere Artikel

Investigativ

Rüstungslobby: Wer an der Zeitenwende verdient

Fast die Hälfte des 100-Milliarden-Sondervermögens der Bundeswehr ging an Rheinmetall. Eine Analyse der Netzwerke zwischen Bundestag, Lobbyverbänden und Rüstungskonzernen zeigt schwache Kontrollen, systematische Drehtürwechsel und steigende Beschaffungspreise.

17 Quellen 8 Min. Lesezeit
International

Drei Tage vor Ablauf: Rubio fordert Iran-Sanktionen

US-Außenminister Rubio fordert Europa zu sofortigen Entscheidungen über Iransanktionen auf, während Teherans Parlamentspräsident am Armeefeiertag mit erneuter Hormusschließung droht. Drei Tage vor Ablauf der Waffenruhe am 21. April eskaliert das gegenseitige Säbelrasseln.

9 Quellen 5 Min. Lesezeit
Tech & Wissen

Krebsbluttest Galleri verfehlt Hauptziel in NHS-Studie

Die weltweit größte randomisierte Studie zur Krebsfrüherkennung hat ihr Primärziel verfehlt: Der Galleri-Bluttest von GRAIL konnte bei 142.000 Teilnehmern die Rate fortgeschrittener Krebserkrankungen nicht signifikant senken. Für die Milliardenwette auf Mehrkrebstests bedeutet das, dass der Weg zur breiten Einführung länger und unsicherer ist als erhofft.

8 Quellen 4 Min. Lesezeit
Politik Aktualisiert

17 Cent weniger pro Liter: Koalition beschließt Spritpreisentlastung für zwei Monate

Der Bundestag hat am 13. April ein Entlastungspaket über 1,6 Milliarden Euro beschlossen: Mineralölsteuer sinkt für zwei Monate um 17 Cent pro Liter, Arbeitgeber können 1.000 Euro Prämie steuerfrei zahlen. Ökonomen bezweifeln, ob das Paket ausreicht.

13 Quellen 4 Min. Lesezeit
International Aktualisiert

Ungarn vor der Wahl: Journalisten unter Druck, Vance stützt Orban

Wenige Tage vor der ungarischen Parlamentswahl am 12. April verschärft sich der Druck auf unabhängige Medien. US-Vizepräsident Vance wirft der EU Wahleinmischung vor, die Bundesregierung kontert scharf.

16 Quellen 4 Min. Lesezeit
Unterstütze uns!