80.000 bei Demos für Erneuerbare Energien
Etwa 80.000 Menschen demonstrierten am Samstag zeitgleich in Hamburg, Berlin, Köln und München für den schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien. Die Klimabewegung ist zurück auf der Straße und das mit einem Argument, das durch den Irankrieg eine neue Dringlichkeit bekommen hat: Wer Deutschland von fossilen Importen abhängig hält, riskiert genau das, was die vergangenen Wochen gezeigt haben. Diesel für 2,45 Euro, Kerosin dreimal so teuer wie vor dem Krieg. Die Mobilisierung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit konkreten Gesetzesvorhaben den Ausbau der Erneuerbaren bremst.
Wer demonstriert und worum es geht
Das Bündnis hinter den Demos umfasst sieben Organisationen: Campact, Deutsche Umwelthilfe, Fridays for Future, Greenpeace, Germanwatch, GermanZero und WWF Deutschland. Die Forderungen sind konkret formuliert: höhere Ausbauziele für Photovoltaik und Windkraft, ein Ausbauprogramm für Verteilernetze und Stromspeicher, Stärkung europäischer Produktionskapazitäten für Erneuerbare und deutlich günstigerer Strom für Wärmepumpen. Auf den Bühnen sprachen unter anderem Maja Göpel, Transformationsforscherin an der Leuphana Universität Lüneburg, in Berlin sowie der Astrophysiker Harald Lesch in München. VdK-Präsidentin Verena Bentele machte in München auf die soziale Dimension aufmerksam: Steigende Energiekosten träfen einkommensschwache Haushalte besonders hart und machten die Energiewende zur Frage sozialer Gerechtigkeit.
Was Reiche plant und warum das Bündnis dagegen ist
Der konkrete Auslöser der Mobilisierung ist ein Doppelvorhaben im Wirtschaftsministerium. Erstens will Reiche die feste Einspeisevergütung für Photovoltaikanlagen unter 25 Kilowatt ab 2027 abschaffen. Ihr Argument: Kleine PV-Anlagen seien inzwischen auch ohne staatliche Förderung wirtschaftlich tragfähig. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge nannte das einen „Solarkiller“. 15 von 16 Landesenergieministern haben sich öffentlich dagegen positioniert, dennoch hält das Ministerium an der Reform fest. Zweitens plant Reiche Ausschreibungen für zunächst 12 Gigawatt neue Gaskraftwerke ab Herbst 2026, mittelfristig sollen es mindestens 20 Gigawatt werden. Das Ministerium bezeichnet Gaskraftwerke als notwendige Brückentechnologie zur Versorgungssicherheit.
Das Bündnis sieht in beiden Vorhaben eine Weichenstellung zugunsten fossiler Infrastruktur für Jahrzehnte. GermanZero-Geschäftsführerin Carla Reemtsma formulierte es auf der Berliner Bühne: „Wer jetzt Gaskraftwerke für zwei Jahrzehnte baut, schließt damit die Tür zur Klimaneutralität 2045.“ Reiche hatte die Kritik vor der Demo als „Alarmismus“ bezeichnet und betont, die Energiewende müsse auch realistisch bleiben.
Der Irankrieg als ungewolltes Argument für die Demo
Was die Demonstrationen von früheren Klimaprotesten unterscheidet, ist der geopolitische Kontext: Der Irankrieg hat das abstrakte Argument für Energieunabhängigkeit in eine konkrete wirtschaftliche Belastung verwandelt. Seit die Straße von Hormus gesperrt ist, liegt der Ölpreis um mehr als 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute ifo, DIW, IfW, IWH und RWI haben ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,6 Prozent gesenkt und nennen die Hormusblockade als Hauptursache. Für 48 Millionen Kraftfahrzeughalter ist das keine abstrakte Statistik.
Dieser Kontext macht die politische Lage für das Demobündnis günstig, stellt die Organisatoren aber auch vor ein kommunikatives Problem: Kurzfristige Energiepreisnotlage und langfristige Energiewendepolitik werden in der öffentlichen Debatte leicht durcheinandergeworfen. Erneuerbare Energien, die heute gebaut werden, helfen gegen die aktuelle Hormuskrise nicht. Wohl aber gegen die nächste.
Was die Demos politisch bewegen können
Wie viel politisches Gewicht 80.000 Demonstrierende in die Waagschale werfen, hängt von den nächsten parlamentarischen Schritten ab. SPD-Fraktionschef Miersch hatte vor der Demo erklärt, die Teilnehmer träfen den richtigen Nerv zur richtigen Zeit. Das ist die eine Seite der Koalition. Die andere: Reiche gehört zur CDU, die über ihre Mehrheit im Kabinett die Richtung der Energiepolitik bestimmt. Selbst der CDU-Arbeitnehmerflügel CDA hat Reiches Ablösung gefordert, bislang ohne Konsequenz. Kanzler Merz hat Reiche in der Spritpreisdebatte zur Mäßigung aufgefordert, an ihrer grundsätzlichen Energiepolitik aber nichts geändert.
Die überraschende Erkenntnis der heutigen Demos liegt weniger in den Teilnehmerzahlen als in ihrer Zusammensetzung. Neben klassischen Klimaaktivisten marschierten laut Veranstalterangaben Solarinstallateure, Handwerksbetriebe aus der Erneuerbarenbranche und Wohnungsbaugenossenschaften, die auf günstigen Wärmepumpenstrom angewiesen sind. Die Klimabewegung hat sich eine wirtschaftliche Koalition aufgebaut, die über das klassische Umweltlager weit hinausgeht.
Die nächsten Entscheidungen
Im Mai 2026 ist die erste Lesung des EEG-Reformentwurfs im Bundestag geplant. Die Gaskraftwerksausschreibungen sollen im Herbst 2026 anlaufen. Zwischen diesen Terminen liegt die Koalitionsverhandlung über das neue Energiegesetz. Das Demobündnis hat angekündigt, seine Kampagne bis zur EEG-Lesung fortzusetzen. Ob 80.000 Menschen auf der Straße den parlamentarischen Ausgang beeinflussen, wird sich in der Bundestagsdebatte im Mai zeigen.