Herkunft als Schicksal: Deutschland sortiert Kinder
Kinder, deren Eltern kein Abitur haben, landen in Deutschland mit einer Wahrscheinlichkeit von 28,2 Prozent auf dem Gymnasium. Kinder aus Akademikerfamilien schaffen das zu 75,3 Prozent. Beide Gruppen können dabei identische Schulleistungen vorweisen. Deutschland investiert je Schüler mehr als der OECD-Durchschnitt und erzielt damit seit zwei Jahrzehnten systematisch schlechtere Ergebnisse als Länder mit vergleichbarem Budget. Dieser Widerspruch ist das Ergebnis struktureller Entscheidungen, die Herkunft über Leistung stellen.
Schulgebäude, die niemand sanieren kann
67,8 Milliarden Euro. Das ist der Investitionsstau beim Schulbau in Deutschland, laut KfW Kommunalpanel 2025 der größte Einzelposten im kommunalen Investitionsdefizit von insgesamt 215,7 Milliarden Euro. 56 Prozent der Kommunen melden einen nennenswerten oder gravierenden Rückstand bei Schulgebäuden. In Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern sind es 90 Prozent. Und 17 Prozent aller Kommunen können nach eigenen Angaben nicht einmal mehr den regulären Unterhalt ihrer Schulgebäude finanzieren; 2024 waren es noch 11 Prozent.
Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu), das die KfW-Daten auswertet, hält ein strukturelles Muster fest: Die ärmsten Kommunen tragen den größten Rückstand. Wer in einer finanzschwachen Stadt oder einem strukturschwachen Kreis aufwächst, lernt in Gebäuden mit undichten Dächern, defekten Heizungsanlagen und Sanitäreinrichtungen aus den 1970er-Jahren. Ein Kind in Gelsenkirchen lernt buchstäblich in schlechteren Schulgebäuden als ein Kind in München. Diese Ungleichheit folgt der Steuerkraft der Kommunen.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) weist seit Jahren darauf hin, dass der Schulbau-Rückstand keine Naturkatastrophe ist, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen über Jahrzehnte. Der Bund stellt für Bildungsinfrastruktur Förderprogramme bereit, doch die föderale Finanzarchitektur schreibt das Schulgeld den Ländern und Kommunen zu, die bei strukturellen Haushaltsproblemen als erstes beim Schulunterhalt sparen.
26.300 fehlende Lehrer, 65 Prozent ohne Schulpsychologen
Der Schulbau ist das sichtbarste Problem, nicht das drängendste. Die Bertelsmann-Stiftung bezifferte den Fehlbedarf an Grundschullehrerinnen und Grundschullehrern für 2025 auf 26.300 Stellen, die fehlen, um steigende Schülerzahlen zu bewältigen, Pensionierungen zu ersetzen und den gesetzlich vorgeschriebenen Ganztagsausbau zu stemmen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) identifizierte für 2024 bundesweit 17.300 fehlende Lehrkräfte an allen Schulformen. Besonders betroffen sind ostdeutsche Bundesländer, in denen historisch wenig Lehrpersonal ausgebildet wurde, während die Schülerzahlen wieder steigen.
Noch gravierender ist die Unterversorgung mit schulpsychologischer Fachkompetenz. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) dokumentierte, dass in Deutschland im Schnitt eine Schulpsychologin oder ein Schulpsychologe auf 5.400 Schülerinnen und Schüler kommt. Der international anerkannte Richtwert der UNESCO und der OECD liegt bei 1:1.000. Österreich kommt auf etwa 1:2.000, die Schweiz strebt 1:500 an, Dänemark arbeitet mit 1:800. Deutschland liegt mehr als fünfmal schlechter als der empfohlene Wert.
65 Prozent der Schulen in Deutschland haben überhaupt kein schulpsychologisches Angebot. Dabei zeigen rund 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler laut BDP klinisch relevante Anzeichen psychischer Belastung. Angststörungen, Depressionen und Traumafolgestörungen werden in Klassen getragen, in denen weder Lehrkräfte noch die Institution strukturell zur Unterstützung befähigt sind. Diese Schülerinnen und Schüler fallen nicht auf, weil niemand systematisch hinschaut.
Die Selektion beginnt in der vierten Klasse
Mit der Grundschulempfehlung setzt das deutsche System seinen prägendsten Mechanismus in Gang. Jörg Dollmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim analysierte Übergangsempfehlungen aus ganz Deutschland und hielt fest: Die Selektivität dieser Empfehlungen folgt primär der sozialen Herkunft. Selbst nach Bereinigung tatsächlicher Schulleistungen erhalten Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Familien systematisch schlechtere Gymnasialempfehlungen. Die Diskriminierung ist sozial, nicht ethnisch.
Der ifo Chancenmonitor des Münchner ifo Instituts macht das in konkreten Zahlen sichtbar. 28,2 Prozent Gymnasialwahrscheinlichkeit für Kinder, deren Eltern kein Abitur haben. 57,9 Prozent, wenn ein Elternteil Abitur hat. 75,3 Prozent, wenn beide Elternteile Abitur haben. Diese drei Werte beschreiben drei verschiedene Bildungsrealitäten, die sich nicht durch Leistungsunterschiede der Kinder erklären.
Wer auf eine Privatschule ausweicht, kann dieser Logik zumindest teilweise entkommen. Nach Analysen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Hans-Böckler-Stiftung ist die Wahrscheinlichkeit, das eigene Kind auf eine Privatschule zu schicken, bei Haushalten mit mehr als 40.000 Euro Jahreseinkommen um 130 Prozent erhöht. Die Privatschulquote steigt, wodurch soziale Segregation zunimmt: Kinder von Gutverdienern verlassen das staatliche System, das damit für die Verbleibenden politisch weiter an Priorität verliert.
Welches Bundesland man besucht, macht dabei einen erheblichen Unterschied. Bayern gab 2024 nach Daten des Statistischen Bundesamtes rund 11.900 Euro je Schüler aus, Nordrhein-Westfalen rund 9.500 Euro. Die Differenz beträgt 25 Prozent. Diese ungleiche Ressourcenverteilung schlägt sich in Ergebnissen nieder: Der INSM Bildungsmonitor 2025 zeigt erhebliche Leistungsunterschiede zwischen den Bundesländern, die sich nicht allein demografisch erklären lassen.
Die PISA-Studie 2023 macht den internationalen Maßstab sichtbar. Zwischen Schülerinnen und Schülern mit und ohne Migrationshintergrund besteht ein Leistungsabstand von 59 Punkten in Mathematik und 67 Punkten beim Lesen. Dieser Abstand folgt überwiegend sozioökonomischen Mustern: 42 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund gelten als sozioökonomisch benachteiligt, gegenüber 25 Prozent ohne. Selbst nach statistischer Bereinigung dieser Faktoren bleiben 32 Punkte Rückstand in Mathematik und 40 Punkte beim Lesen. Migrationshintergrund ist damit kein eigenständiger Bildungsfaktor, sondern ein Proxy für strukturelle Benachteiligung im deutschen Schulsystem.
Warum 25 Jahre Reformen versagt haben
Im Dezember 2001 veröffentlichte die OECD die erste PISA-Studie. Deutschland landete unter dem OECD-Durchschnitt. Der Begriff PISA-Schock prägte sich ins kollektive Gedächtnis. Seitdem wurden Lehrpläne überarbeitet, Vergleichsarbeiten eingeführt, zentrale Abschlussprüfungen etabliert und Ganztagsschulen ausgebaut.
Olaf Köller, Leiter der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK), zog 2024 in einer viel beachteten Metaanalyse Bilanz: Nahezu alle schulpolitischen Maßnahmen seit PISA 2001 hätten keine messbaren Effekte auf Schülerleistungen gezeigt. TIMSS 2023 dokumentiert, dass die Naturwissenschaftsleistungen von Viertklässlerinnen und Viertklässlern gegenüber 2007 um 13 Punkte gesunken sind, statistisch signifikant. Der Anteil leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler in den Naturwissenschaften stieg von 23,7 auf 29,7 Prozent. Die einzige Reform mit belegtem Effekt ist der Ganztagsausbau, der jedoch chronisch unterfinanziert wurde.
Die Architektur des Problems liegt im föderalen System. Bildung ist in Deutschland primär Ländersache. 16 Schulsysteme mit 16 Lehrplänen, 16 Prüfungsstandards und 16 Finanzierungslogiken. Die KMK koordiniert, kann aber nicht verpflichten. Förderprogramme des Bundes wie der Digitalpakt 2.0 (5 Milliarden Euro über fünf Jahre, gestartet 2025) scheitern dabei nicht am Geld, sondern häufig an bürokratischen Hürden des föderalen Transfers und an fehlenden Kompetenzen vor Ort, wie das Deutsche Schulportal in einer Analyse des Vorgängerprogramms dokumentierte.
Ein weiteres, weniger diskutiertes Problem ist der Lobbyismus. LobbyControl dokumentiert in einem Diskussionspapier, wie Schulbuchverlage, Wirtschaftsverbände und Industrieunternehmen Unterrichtsmaterialien in Schulen einschleusen, die Unternehmensinteressen widerspiegeln oder politisch einseitige Wirtschaftsbilder vermitteln. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat konkrete Verbote für solche Materialien gefordert. Bundesweit existieren keine.
Was die Politik nicht diskutiert
Die öffentliche Bildungsdebatte kreist meist um Ressourcen: mehr Lehrerstellen, mehr Digitalpakt-Mittel, mehr Schulbauförderprogramme. Strukturelle Fragen fehlen fast vollständig.
Finnland hat das dreigliedrige Schulsystem aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium in den 1970er-Jahren abgeschafft und durch ein Gesamtschulsystem ersetzt, in dem alle Kinder bis zum 16. Lebensjahr gemeinsam unterrichtet werden. Finnland gehört heute zu den OECD-Ländern mit der niedrigsten Bildungsungleichheit. Die Schweiz garantiert durch föderale Mindeststandards eine Grundausstattung je Schüler, die extreme kantonale Differenzen verhindert. Deutschland hat keinen vergleichbaren Mechanismus, der die Lücke zwischen Bayern und Nordrhein-Westfalen schließt.
Österreich hat die schulpsychologische Versorgung auf etwa 1:2.000 ausgebaut, immer noch weit vom Optimum entfernt, aber deutlich besser als Deutschland. Das Vereinigte Königreich hat mit dem Independent Office for Police Conduct ein Modell unabhängiger Aufsichtsbehörden entwickelt, das strukturell auf Bildungsbehörden übertragbar wäre. In Deutschland fehlt eine unabhängige Schulinspektion mit echten Kontrollbefugnissen vollständig.
Das Grundgesetz lässt sich ändern. Der Bund könnte über eine Bundesratsmehrheit Mindeststandards für Bildungsausgaben und schulpsychologische Versorgung einführen. Das ist politisch schwierig, weil es Länderinteressen tangiert. Es ist aber keine rechtliche Unmöglichkeit. Dass diese Option in den regelmäßigen Bildungsdebatten kaum vorkommt, liegt nicht an verfassungsrechtlichen Grenzen, sondern an politischen.
Der nächste PISA-Schock kommt. Die Reaktion auch.
Die PISA-Erhebung 2025 findet statt; die Ergebnisse werden voraussichtlich Ende 2026 veröffentlicht. Die KMK hat für Herbst 2026 einen Aktionsplan zum Lehrkräftemangel angekündigt. Der Digitalpakt 2.0 läuft bis 2030 mit einem Gesamtbudget von 5 Milliarden Euro. Das entspricht weniger als 8 Prozent des aktuellen Schulbaurückstands.
Wenn das Muster der vergangenen 25 Jahre hält, wird die Reaktion auf die PISA-Ergebnisse 2025 bekannt sein: Schock, Reformversprechen, halbherzige Maßnahmen, keine strukturellen Veränderungen. Lehrplanreform hier, Vergleichsarbeit dort, Pressemitteilung fertig.
67,8 Milliarden Euro Schulbaurückstand. 26.300 fehlende Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer. 65 Prozent der Schulen ohne Schulpsychologin. Das sind nicht die Zahlen einer neuen Krise. Das sind die Zahlen eines Systems, das seit 25 Jahren weiß, was nicht funktioniert und trotzdem strukturell unverändert bleibt. Nicht weil die Lösungen unbekannt wären. Sondern weil die politischen Kosten ihrer Umsetzung höher bewertet werden als der Preis, den Millionen von Kindern für dieses System bezahlen.