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International
Iran-Krieg erschöpft halbes US-Raketenarsenal

Iran-Krieg erschöpft halbes US-Raketenarsenal

In sieben Wochen Iran-Krieg haben die US-Streitkräfte fast die Hälfte ihrer Präzisionsraketen verbraucht. Das Pentagon erwägt jetzt, 750 Millionen Dollar aus dem NATO-Hilfsprogramm für die Ukraine abzuzweigen, um eigene Bestände aufzufüllen. Für Kiew würde das den Verlust von 75 Prozent seiner Patriot-Abwehrraketen bedeuten.

23. April 2026, 6:33 Uhr 748 Wörter · 4 Min. Lesezeit

In sieben Wochen Krieg gegen den Iran haben die US-Streitkräfte fast die Hälfte ihrer einsatzfähigen Präzisionsraketen verschossen. Das Pentagon schätzt, dass eine vollständige Wiederauffüllung der Bestände vier bis fünf Jahre dauern wird. Die unmittelbare Konsequenz für die Ukraine: Das Pentagon erwägt, 750 Millionen Dollar aus einem NATO-Gemeinschaftsprogramm abzuzweigen, das Kiew seit Sommer 2025 mit rund 75 Prozent seiner Patriot-Abwehrraketen versorgt. Eine Nullsummenentscheidung zwischen zwei Kriegen.

Was der Iran-Krieg in sieben Wochen verbraucht hat

Die Zahlen, die das Pentagon dem Kongress übermittelte, sind außergewöhnlich. Seit Beginn des Iran-Krieges im Februar 2026 wurden rund 45 Prozent der amerikanischen Präzisionsangriffsraketen eingesetzt. Das Luftabwehrsystem THAAD verlor mehr als die Hälfte seiner Abfangraketen, ebenso das Patriot-System. Von den Tomahawk-Marschflugkörpern wurden rund 30 Prozent abgefeuert, von den JASSM-Weitstreckenbomben über 20 Prozent. Die Seeraketentypen SM-3 und SM-6, entscheidend für die Schiffsverteidigung im Persischen Golf, sind zu über 20 Prozent aufgebraucht.

Die Ergänzung ist industriell begrenzt. US-Rüstungskonzerne könnten selbst bei maximaler Produktionssteigerung die Verluste nicht innerhalb von vier bis fünf Jahren ausgleichen, schätzt das Pentagon. Die Situation war bereits vor dem Iran-Krieg angespannt: Seit 2022 lieferte Washington kontinuierlich schwere Waffen an die Ukraine, seit Oktober 2023 auch in erheblichem Umfang an Israel. Die kombinierten Abgaben an Verbündete hatten die US-Bestände auf ein historisch niedriges Niveau gedrückt, bevor der erste Angriff im Persischen Golf fiel.

Was das PURL-Programm ist und warum es für Kiew entscheidend ist

Das Prioritized Ukraine Requirements List-Programm, kurz PURL, ist kein US-Direkthilfeprogramm, sondern ein koordiniertes NATO-Beschaffungsverfahren. Verbündete stellen Mittel bereit, die gebündelt für ukrainische Rüstungskäufe eingesetzt werden. Seit Sommer 2025 lieferte dieses Programm der Ukraine nach Pentagon-Angaben rund 75 Prozent aller Patriot-Abwehrraketen. Für ein Land, das täglich russische ballistische Raketen und Marschflugkörper abwehren muss, ist das keine Marginalie.

Im März 2026 unterrichtete das Pentagon den Kongress über seine Absicht, rund 750 Millionen Dollar aus dem PURL-Budget umzuleiten, um eigene Bestände aufzufüllen. PURL wurde am 26. März suspendiert. Die Ukraine hat seither keine regulären Lieferungen mehr aus diesem Kanal erhalten. Zum gleichen Zeitpunkt hatte die Trump-Administration die meisten übrigen direkten Pentagon-Waffenlieferungen an die Ukraine eingefroren. Die Gleichzeitigkeit beider Maßnahmen ist kein Zufall.

Die Entscheidungslogik hinter der Umleitung

Die Überlegung, die hinter der möglichen Umleitung steht, ist nicht Gleichgültigkeit gegenüber der Ukraine, sondern eine Prioritätensetzung unter Knappheitsbedingungen. Eine Doppelbelastung, gleichzeitig die Ukraine zu versorgen und die eigenen Bestände aufzufüllen, ist mit den aktuellen Produktionskapazitäten nicht realisierbar.

Der politische Rahmen macht die Entscheidung leichter. Trump hatte die meisten Pentagon-Direktlieferungen ohnehin gestoppt. Das Argument, PURL-Mittel für US-Auffüllung zu nutzen, kostet politisch wenig, wenn das Programm de facto bereits suspendiert ist. Kritiker innerhalb der NATO sehen das anders: Eine dauerhafte Umleitung könnte das PURL-Konzept insgesamt beschädigen und andere Verbündete entmutigen, Mittel bereitzustellen. Finnlands Verteidigungsminister warnte nach Bekanntwerden der Pläne ausdrücklich davor, die Ukraine auf diesem Weg aufzugeben.

Was das für die ukrainische Luftverteidigung bedeutet

Die Ukraine verteidigt täglich Städte gegen russische Raketenangriffe. Patriot-Systeme sind dabei die erste Wahl gegen ballistische Raketen. Ein Ausbleiben von Patriot-Nachschub ist keine abstrakte Zahl: Es bedeutet, dass die Abfangkapazität sinkt, während russische Angriffsmuster konstant bleiben oder intensiviert werden.

Europäische Waffenpakete können den Ausfall teilweise kompensieren. Deutschland unterzeichnete im April 2026 ein Rüstungspaket mit der Ukraine, das mehrere hundert Patriot-Raketen und 36 IRIS-T-Startsysteme umfasst. Aber das Volumen europäischer Pakete ist kleiner als das, was PURL gebündelt lieferte und die Produktionszyklen sind länger. Das ukrainische Militär würde bei einer dauerhaften PURL-Umleitung auf absehbare Zeit weniger Abwehrmunition erhalten, als es verbraucht.

Was als nächstes entschieden wird

Das Pentagon hat dem Kongress seine Absicht zur Umleitung mitgeteilt, aber noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Im zweiten und dritten Quartal 2026 dürfte der Druck zunehmen: Die US-Bestände sinken weiter, die Ukraine benötigt Nachschub und der Iran-Krieg ist nicht beendet. Eine Entscheidung über PURL ist für das Frühjahr oder den Frühsommer 2026 zu erwarten. Ob das Programm reaktiviert oder dauerhaft umgeleitet wird, hängt von zwei Faktoren ab, die sich kurzfristig kaum verändern werden: dem Verlauf des Iran-Krieges und dem politischen Willen der Trump-Administration, die Ukraine prioritär zu versorgen. Beide Faktoren zeigen derzeit in dieselbe Richtung.

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