Kerosin-Krise: Lufthansa streicht 20.000 Flüge
Der Kerosinpreis hat sich seit Beginn des Irankriegs Ende Februar mehr als verdoppelt: von rund 85 auf über 170 Dollar je Barrel. Lufthansa zieht jetzt die schärfsten Konsequenzen seit der Coronapandemie. Die Regionaltochter Cityline stellt den Betrieb sofort ein. Bis Oktober werden 20.000 Kurzstreckenflüge gestrichen. Und die Internationale Energieagentur warnt, dass Europas Kerosinvorräte noch für etwa sechs Wochen reichen, was den Sommerflugbetrieb grundsätzlich infrage stellt.
Warum Hormus die Luftfahrt besonders hart trifft
Die Straße von Hormus ist die engste Flasche der globalen Ölversorgung: täglich passieren rund 20 Millionen Barrel Rohöl diese Meerenge. Seit der Blockade durch die US-Marine und der iranischen Eskalation ist der Durchfluss unterbrochen, der Rohölpreis hat sich um etwa 50 Prozent erhöht. Kerosin reagiert darauf stärker als andere Kraftstoffe, weil die europäische Luftfahrt strukturell abhängig von nahöstlichen Importen ist. Die IEA beziffert den europäischen Importbedarf bei Kerosin auf 30 Prozent des Gesamtverbrauchs. Drei Viertel dieser Importe kamen vor dem Krieg aus dem Nahen Osten. Ein schneller Ersatz aus anderen Regionen, etwa aus den USA, Westafrika oder Asien, ist logistisch und kapazitätsmäßig nicht in wenigen Wochen zu organisieren.
Deutschland ist in einer etwas günstigeren Position als viele EU-Nachbarn: Raffinerien, darunter der für Ostdeutschland zentrale Standort Schwedt, produzieren weiterhin auf normalem Niveau. Dennoch deckt die heimische Produktion nur einen Teil des Bedarfs. Was fehlt, muss importiert werden und dieser Markt ist gerade extrem angespannt.
Lufthansa: Cityline gestrichen, Flotte ausgedünnt
Der Lufthansa-Konzern hat zwei Maßnahmen gleichzeitig angekündigt. Erstens: Die Regionaltochter Lufthansa Cityline stellt den Betrieb mit sofortiger Wirkung ein. Betroffen sind die CRJ-Regionaljets der Cityline-Flotte sowie die konzerneigenen Airbus A340-600 und Böing 747-400, die alle als besonders verbrauchsintensiv gelten und sich bei den aktuellen Kerosinpreisen nicht mehr wirtschaftlich betreiben lassen. Zweitens: Bis Oktober werden konzernweit 20.000 Kurzstreckenflüge aus dem Programm genommen, was einer Einsparung von rund 40.000 Tonnen Kerosin entspricht.
Das Hedging-Problem macht die Lage für 2027 noch schwieriger. Für dieses Jahr hat Lufthansa rund 80 Prozent des Kerosinbedarfs durch Terminkontrakte abgesichert, ein vergleichsweise komfortables Polster. Für das nächste Jahr gilt das nur noch für 40 Prozent. Wenn die Hormustraße über den Sommer geschlossen bleibt und die Preise hoch bleiben, fehlt dem Konzern 2027 die Absicherung für die Hälfte seines Treibstoffs. Weitere Streichungen wären dann unvermeidlich.
Reiche sagt: Alles gesichert. Birol sagt: Sechs Wochen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) trat am Mittwoch Alarmberichten entgegen. Deutschland habe gemeinsam mit IEA-Partnerstaaten rund eine Million Tonnen Kerosin in strategischen Reserven eingelagert. Raffinerien produzieren stabil. „Es gibt keine Engpässe“, sagte Reiche nach einem Krisentreffen mit Branchenvertretern. Sie lehnte staatliche Direkthilfen für Fluggesellschaften ab.
IEA-Chef Fatih Birol sieht das anders. Er warnte öffentlich, Europas Kerosinvorräte reichten noch für etwa sechs Wochen. Der Unterschied zur Darstellung der Ministerin erklärt sich aus den Berechnungsgrundlagen: Reiche rechnet mit dem, was Deutschland bereits eingelagert hat. Birol rechnet mit dem, was Europa täglich verbraucht und was täglich nicht mehr aus dem Nahen Osten nachgeliefert wird. Beide Zahlen können gleichzeitig stimmen und genau das ist das Problem. Eine einmalige Reserve löst kein dauerhaftes Lieferproblem.
Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), fordert derweil staatliche Maßnahmen: Kerosinsteuerbefreiungen, beschleunigte Genehmigungen für synthetische Treibstoffe und direkte Überbrückungshilfen für kleinere Fluggesellschaften, die keine Hedging-Struktur wie Lufthansa haben. Lang sagte der Welt: „Viele Kurzstreckenflüge sind ökonomisch gar nicht mehr sinnvoll.“
Was Reisende jetzt wissen sollten
Für Urlauber sind zwei Entwicklungen direkt spürbar. Erstens: Das Angebot an Flügen schrumpft. Wer im Juli oder August innerhalb Europas fliegen will, findet weniger Verbindungen als in den Vorjahren, besonders auf Kurzstrecken innerhalb Deutschlands und zu den EU-Nachbarländern. Zweitens: Tickets werden teurer. Mehrere europäische Carrier haben Treibstoffzuschläge erhöht. Auf Strecken unter zwei Stunden Flugzeit sind die Spielräume ohnehin gering; dort schlägt der Kerosinanteil an den Gesamtkosten besonders stark durch.
Fernstrecken nach Asien sind von einer anderen Seite betroffen: Überflugrechte über den Iran entfallen, Flugzeuge müssen weiträumig umfliegen. Das erhöht den Kerosinverbrauch je Flug und verlängert die Reisezeit um bis zu drei Stunden. Die Mehrkosten durch die Umwegstrecken trägt letztlich der Passagier über den Ticketpreis.
EU-Energieminister tagen nächste Woche
Die EU-Energieminister kommen kommende Woche zur Notfallplanung zusammen. Auf der Tagesordnung stehen: gemeinsame Auffüllung strategischer Reserven, Beschleunigung von Importen aus den USA und Westafrika sowie eine Koordination nationaler Krisenreaktionen. Eine Rationierung von Kerosin ist derzeit nicht auf dem Tisch, aber Birol hat die Mitgliedstaaten aufgefordert, entsprechende Szenarien zu entwickeln für den Fall, dass die Blockade über den Sommer andauert.
Für die europäische Luftfahrt werden die nächsten acht Wochen entscheidend. Scheitern die Waffenruheverhandlungen in Pakistan und bleibt die Hormustraße gesperrt, stehen strukturelle Kapazitätskürzungen bevor, die über das bisher Angekündigte deutlich hinausgehen. Öffnet die Meerenge wieder, dürfte sich der Kerosinpreis rasch erholen, der Markt ist volatil genug, dass schon eine Entspannungsmeldung die Futures bewegt. Für Sommerbuchungen gilt: Wer noch nicht gebucht hat, sollte das jetzt tun, solange das Angebot noch vorhanden ist.