Erneuerbare erstmals seit 1919 vor Kohle weltweit
Zum ersten Mal seit mehr als hundert Jahren erzeugen erneuerbare Energiequellen mehr Strom als Kohle. Im Jahr 2025 stammten 33,8 Prozent der weltweiten Stromerzeugung aus Wind, Sonne und Wasser, während Kohle auf 33,0 Prozent zurückgefallen ist. Das zeigt der Ember Global Electricity Review 2026, der jährliche Bericht zur weltweiten Stromwirtschaft. Die letzte vergleichbare Situation gab es 1919, als Wasserkraft einen kleinen Teil eines winzigen Stromnetzes dominierte. Die Welt erzeugte damals etwa 300-mal weniger Strom als heute. Der Meilenstein ist deshalb weit bedeutender als eine bloße Prozentzahl vermuten lässt.
Was hinter dem Wendepunkt steckt
Der Ember-Bericht dokumentiert nicht nur, dass Erneuerbare Kohle überholt haben, sondern auch wie. Fossile Kraftwerke erzeugten 2025 erstmals absolut weniger Strom als im Vorjahr und zwar nicht wegen eines wirtschaftlichen Einbruchs wie in der Finanzkrise 2009 oder der Coronapandemie 2020, sondern weil Windstrom und Solarstrom schlicht die Nachfrage füllten. Ember nennt dies einen strukturellen Rückgang, einen Wendepunkt ohne wirtschaftliche Notsituation als Auslöser.
In absoluten Zahlen: Erneuerbare erzeugten 2025 rund 10.730 Terawattstunden (TWh), Kohle kam auf 10.476 TWh. Ein Terawatt entspricht einer Billion Watt. Die Differenz ist vergleichsweise klein, aber das Gefälle zwischen beiden Kurven nimmt rapide zu: Solarstrom wuchs 2025 um mehr als 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während neue Kohlekraftwerke kaum noch gebaut werden.
Solarstrom als eigentlicher Treiber
Hinter dem globalen Trend steckt vor allem eine Technologie. Photovoltaik ist inzwischen die am schnellsten wachsende Energiequelle der Geschichte. Die internationalen Agenturen verzeichneten 2025 weltweit über 600 Gigawatt neu installierter Solarkapazität. Ein einzelnes Gigawatt reicht aus, um etwa 750.000 deutsche Haushalte mit Strom zu versorgen.
Was dieses Wachstum möglich macht, ist in erster Linie ein Preisverfall ohne historisches Vorbild. Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) beziffert die durchschnittlichen Gestehungskosten für Solarstrom auf Projektbasis 2024 auf 0,044 Dollar pro Kilowattstunde, ein Rückgang um 90 Prozent gegenüber 2010. In den meisten Märkten ist neuer Solarstrom heute billiger als Strom aus bestehenden Kohlekraftwerken. Diese wirtschaftliche Realität, nicht Klimapolitik allein, treibt den Wandel.
Windenergie lieferte 2025 ebenfalls Rekordmengen. Zusammen decken Solar und Wind inzwischen mehr als 15 Prozent der globalen Stromerzeugung, eine Verdopplung gegenüber 2019. Das Ember-Team wertet dies als Bestätigung, dass die Energiewende globale Fahrt aufgenommen hat.
Warum der historische Vergleich mit 1919 trügt
Der Vergleich mit 1919 braucht einen Kontext. Damals dominierte Wasserkraft ein kleines, überwiegend US-amerikanisches und europäisches Stromnetz. Die 300-fach größere heutige Nachfrage deckt Milliarden Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Dass Erneuerbare heute in diesem Maßstab konkurrenzfähig sind, war vor zwanzig Jahren noch Wunschdenken von Klimaforschern.
Die CO2-Bilanz verbesserte sich 2025 um rund 12 Millionen Tonnen, ein Rückgang von 0,2 Prozent. Das klingt bescheiden und das ist es auch. Die absolute Menge an fossilem CO2 aus der Stromerzeugung bleibt enorm. Der Punkt ist nicht, dass das Problem gelöst ist, sondern dass die Trendlinie zum ersten Mal strukturell in die richtige Richtung zeigt.
Was dieser Trend für das Klimaziel bedeutet
Um das Pariser 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müsste die weltweite Stromerzeugung bis 2035 vollständig dekarbonisiert sein. Ember und IRENA sind sich einig: Beim derzeitigen Tempo ist das nicht erreichbar. Die Welt muss den jährlichen Zubau an erneuerbaren Kapazitäten von derzeit knapp 700 Gigawatt auf über 1.500 Gigawatt mehr als verdoppeln. Gleichzeitig fehlen in vielen Regionen Speicher und Netzinfrastruktur, die schnell wachsende Solarkapazitäten überhaupt nutzbar machen.
Geografisch verläuft die Wende ungleich. China installiert mehr Solarleistung als der Rest der Welt zusammen. Europa liegt beim Anteil erneuerbarer Energien an der tatsächlichen Erzeugung inzwischen bei fast 50 Prozent. Indien beschleunigt massiv. Die USA hinken bei der Netzinfrastruktur hinterher. In Teilen Afrikas und des Globalen Südens wächst Solarstrom rascher als in vielen Industriestaaten, weil es dort oft keine fossile Infrastruktur zu ersetzen gilt, sondern schlicht neue Kapazität gebraucht wird.
Ausblick
Der nächste symbolische Meilenstein ist absehbar: Wenn Solarstrom seinen aktuellen Wachstumspfad beibehält, könnte er in den nächsten zwei bis drei Jahren zur größten einzelnen Stromquelle weltweit werden, vor Kohle, Gas und Wasserkraft. IRENA erwartet im Bericht zur erneuerbaren Kapazität 2026, der im Frühjahr 2027 erscheint, erneut Rekordwerte beim Zubau. Was 2025 begann, ist keine Anomalie: Erneuerbare überholen nicht nur Kohle; fossile Energie verliert zum ersten Mal seit dem Beginn der Industrialisierung systematisch an Boden.