40 Jahre Tschernobyl: Die Zahlen hinter der Atomdebatte
Am 26. April 1986 explodierten Teile des Reaktorgebäudes im Kernkraftwerk Tschernobyl und radioaktiver Fallout verbreitete sich über weite Teile Europas. Vierzig Jahre danach streiten CDU, CSU und AfD im Deutschen Bundestag über kleine Kernkraftwerke als Antwort auf die Energiekrise. Was in dieser Debatte oft fehlt: konkrete Zahlen darüber, was der Wiedereinstieg tatsächlich bedeuten würde.
Ein Jahrestag im veränderten Klima
Frühere Jahrestage der Reaktorkatastrophe standen im Zeichen des Gedenkens. Der 40. Jahrestag findet in einem grundlegend veränderten politischen Klima statt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete den deutschen Atomausstieg am 10. März 2026 als «strategischen Fehler» und kündigte 200 Millionen Euro EU-Garantien für Investitionen in neue Kerntechnologie an. Die AfD hat im Bundestag Anträge eingebracht, die stillgelegten deutschen Kernkraftwerke zu reaktivieren. CDU und CSU fordern eine offene Debatte über Small Modular Reactors, kurz SMR, sogenannte Minikernkraftwerke.
Laut einer Umfrage aus dem März 2026 halten 53 Prozent der Deutschen den Atomausstieg für einen Fehler. Die letzten drei deutschen Kernkraftwerke wurden am 15. April 2023 abgeschaltet: Emsland, Neckarwestheim 2 und Isar 2. Eine Reaktivierung würde nach Einschätzung von Experten mindestens fünf bis acht Jahre Vorlaufzeit und Milliarden an Investitionen erfordern, selbst wenn der politische Wille vorhanden wäre.
Was Mini-Kernkraftwerke wirklich bedeuten
Physiker Prof. Harald Lesch hat beim Online-Event der Grünen-Bundestagsfraktion anlässlich des Jahrestages die SMR-Pläne mit konkreten Zahlen konfrontiert. Sein zentrales Argument: Die Bezeichnung «Mini» täuscht. Ein SMR hat etwa ein Drittel der Kapazität eines konventionellen Kernkraftwerks. Um Deutschlands Strombedarf zu decken, wären 225 bis 300 solcher Anlagen nötig. Zum Vergleich: Deutschland betrieb auf dem Höhepunkt der Kernkraft 17 Reaktoren. SMR lösen zudem das Atommüllproblem nicht: Sie produzieren pro erzeugte Kilowattstunde dieselbe Menge hochradioaktiven Abfalls wie konventionelle Anlagen.
Deutschland lagert bereits mehr als 1.700 Behälter mit hochradioaktivem Atommüll in Zwischenlagern. Ein Endlager existiert nicht. Die Suche läuft bis mindestens 2031; ein Betriebsbeginn gilt vor 2050 als unrealistisch. Neue Kernkraftwerke würden diesen Berg erhöhen, ohne eine Lösung für das bestehende Problem zu bieten.
Energieökonomin Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ergänzt die Kostenseite: Neue Kernkraftwerke verzeichnen weltweit massive Kostenüberschreitungen und Verzögerungen. Das britische Großprojekt Hinkley Point C ist von ursprünglich 18 auf inzwischen über 35 Milliarden Pfund gewachsen. Das SMR-Pilotprojekt des US-Unternehmens NuScale wurde 2023 eingestellt, weil die prognostizierten Kosten pro Kilowattstunde weit über dem Marktpreis lagen. Kemfert: Neue Kernkraft erfordere «massive staatliche Förderung» und biete keine Kostenvorteile gegenüber Erneuerbaren Energien.
Wohin die Energie tatsächlich fließt
Während die SMR-Debatte politische Aufmerksamkeit bindet, liefern Erneuerbare Energien bereits konkrete Ergebnisse: Im ersten Quartal 2026 deckten Wind- und Solarenergie 53 bis 54,5 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Im Jahresdurchschnitt 2025 lag der Anteil bereits bei 56 Prozent. Deutschland hat damit das Ziel von 80 Prozent Erneuerbaren bis 2030 noch nicht erreicht, ist aber auf dem Weg dorthin. Das bedeutet: Der Strombedarf des laufenden Jahrzehnts wird durch Erneuerbare gedeckt oder nicht, unabhängig davon, was im Kernkraft-Bereich entschieden wird.
Die Deutsche Umwelthilfe warnt vor dem, was sie als «Scheindebatte» bezeichnet: SMR-Anlagen werden nach optimistischen Prognosen frühestens Anfang der 2030er Jahre kommerziell verfügbar sein. Eine breite Installationswelle für Deutschland wäre vor 2040 nicht realisierbar. Wer heute auf SMR setzt, wählt damit faktisch eine Energiepolitik, die keine Antwort auf den Strombedarf des laufenden Jahrzehnts hat.
Positionen zum Jahrestag
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Harald Ebner erklärte anlässlich des 26. April: «Die Katastrophe von Tschernobyl hat gezeigt, dass Radioaktivität keine Grenzen kennt.» BUND und Ecoaction bezeichnen die aktuelle Debatte als politisch motiviert: Weder die Wirtschaftlichkeit noch der Zeitplan stützten einen Wiedereinstieg. Die SPD-Fraktion Hessen nennt Tschernobyl einen «Wendepunkt der Geschichte, der bis heute nachwirkt».
Im Bundestag wurde in dieser Woche auf Initiative der Grünen eine Aktuelle Stunde zum Jahrestag abgehalten. Eine Annäherung der Positionen ergab sich nicht. CDU und AfD fordern weiterhin eine offene Kerntechnikdebatte, Grüne und SPD lehnen den Wiedereinstieg ab. Das Bundesamt für Strahlenschutz dokumentiert auf seiner Internetseite anlässlich des Jahrestages die Folgen der Katastrophe bis heute: verstrahlte Gebiete in der Ukraine und in Weißrussland, erhöhte Schilddrüsenkrebsraten, anhaltende Sperrzone rund um den Reaktor.
Was als nächstes entschieden wird
Die Bundesregierung muss bis Ende 2026 festlegen, ob Deutschland an EU-finanzierten SMR-Pilotprojekten teilnimmt. Die 200-Millionen-Euro-Garantien der EU-Kommission stehen bereit. Von der Leyens Impuls, Kernkraft wieder in den europäischen Energiemix einzubeziehen, trifft auf eine deutsche Bundesregierung, die intern gespalten ist: CDU und CSU würden eine Beteiligung begrüßen, die SPD ist zurückhaltend. Eine Entscheidung bis Herbst gilt als wahrscheinlich. Parallel dazu läuft bis mindestens 2031 die gesetzlich vorgeschriebene Suche nach einem Endlager für den bereits vorhandenen Atommüll weiter, für die es bis heute keinen gesicherten Standort gibt.