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International
Santa Marta: 53 Länder für Ende der Fossilen

Santa Marta: 53 Länder für Ende der Fossilen

In Santa Marta, Kolumbien, endete die erste internationale Konferenz speziell für den Ausstieg aus fossilen Energien. 53 Länder nahmen teil, 24 unterzeichneten die Belém Declaration. Die USA, China, Indien, Russland und Saudi-Arabien fehlten.

30. April 2026, 0:36 Uhr 825 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am 29. April endete in Santa Marta, Kolumbien, die erste internationale Konferenz, die sich ausschließlich dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen widmete. 53 Länder und die Europäische Union nahmen teil, 24 von ihnen unterzeichneten die "Belém Declaration on the Just Transition Away from Fossil Fuels". Die USA, China, Indien, Russland und Saudi-Arabien waren nicht vertreten. Das Treffen ist kein Vertrag und bindet niemanden rechtlich. Es ist dennoch ein Wendepunkt: Erstmals bildet sich eine staatliche Koalition, die nicht über das Tempo des Übergangs streitet, sondern das Ende fossiler Energien als solches verhandelt.

Was in Belém scheiterte

Im November 2025 endete die Weltklimakonferenz COP30 in Belém, Brasilien, ohne ein einziges Wort zu fossilen Brennstoffen im Abschlusstext. Mehr als 80 Länder hatten ein explizites Mandat zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas gefordert. Petrostaaten blockierten jeden Formulierungsversuch. Für Delegierte aus Inselstaaten, afrikanischen Ländern und kleinen Ölimportstaaten war das der Beweis, dass der UN-Konsensmechanismus für diese Frage nicht funktioniert.

Santa Marta ist die direkte Antwort darauf. Kolumbien und die Niederlande organisierten die Konferenz als "Coalition of the Willing": Wer nicht will, hat kein Vetorecht. Gleichzeitig lieferte der Irankrieg, der am 28. Februar 2026 begann, einen unerwarteten Rückenwind. Die Sperrung der Straße von Hormus, durch die 20 Prozent des weltweiten Ölhandels fließen, hat fossile Abhängigkeit als Sicherheitsrisiko sichtbar gemacht. Die Weltbank prognostiziert für 2026 einen Anstieg der Energiepreise um 24 Prozent. Brent-Rohöl notiert im Jahresdurchschnitt bei 86 Dollar pro Barrel, gegenüber 69 Dollar im Vorjahr. Viele Delegierte in Santa Marta nutzten dieses Argument: Energieunabhängigkeit ist keine Klimafrage, sie ist eine Sicherheitsfrage.

Wer teilnahm und wer fehlte

Zu den Unterzeichnern gehören Länder, die man bei einer Ausstiegskonferenz nicht unbedingt erwartet hätte. Norwegen, dessen Staatsfonds sich zu erheblichen Teilen aus Einnahmen der Öl- und Gaswirtschaft speist, unterzeichnete die Deklaration. Kanada, Australien, Mexiko, Nigeria und Brasilien schickten hochrangige Vertreter und bekennen sich zu einem Ausstiegsprozess, auch wenn sie selbst bedeutende Fossil-Produzenten sind. Diese sechs Länder allein stehen für 80 Prozent der gesamten Fossil-Produktion aller Konferenzteilnehmer. Dass ausgerechnet Produzenten das Signal setzen, ist politisch ungewöhnlich.

Und doch bleibt die Abwesenheit der größten Akteure das strukturelle Problem der Konferenz. Die USA, China, Indien, Russland und Saudi-Arabien nahmen nicht teil. Sie sind gemeinsam verantwortlich für den weitaus größten Teil der globalen Fossil-Produktion und des Fossil-Verbrauchs. Die 53 Teilnehmerländer repräsentieren insgesamt nur ein Fünftel der weltweiten Fossil-Produktion. Als verbindliche Grundlage für globales Klimarecht reicht das nicht aus.

Die Belém Declaration: Produktion statt nur Emissionen

Der inhaltlich entscheidende Punkt der Deklaration liegt in einer Forderung, die in bisherigen Klimadiplomatie-Dokumenten nicht vorkommt: "supply-side restrictions", also verbindliche Obergrenzen für die Förderung fossiler Energien selbst. Das Pariser Abkommen und alle COP-Beschlüsse regeln Emissionsziele. Wer wie viel Öl, Gas oder Kohle aus der Erde holt, ist bisher keinem verbindlichen internationalen Regime unterworfen. Santa Marta fordert genau das: ein neues, rechtsverbindliches internationales Instrument, das die Produktion direkt begrenzt.

Zum Vergleich: Der Atomwaffenverbotsvertrag trat 2021 in Kraft, ohne dass ein einziger Kernwaffenstaat unterschrieben hatte. Normensetzung durch Minderheitskoalitionen kann auf lange Sicht politischen Druck erzeugen, auch ohne unmittelbare Bindungswirkung für die Hauptakteure. Der Klimaforscher Kevin Anderson von der Universität Manchester hat diesen Ansatz wiederholt als den realistischsten Weg bezeichnet, Produktionsbeschränkungen überhaupt auf die internationale Agenda zu setzen.

Der paradoxe Gastgeber

Gustavo Petro, Präsident Kolumbiens und früherer Guerilla-Kämpfer, hat sein Land als Gastgeber für eine Konferenz positioniert, deren Agenda er seit Jahren propagiert. Petro will die Vergabe neuer Explorationslizenzen für Öl und Gas in Kolumbien beenden, obwohl das Land rund 50 Prozent seiner Exporteinnahmen aus dem Fossil-Sektor zieht. Der Widerspruch ist kein Versehen, sondern Teil der Konferenzlogik: Auch Produzenten können einen geordneten Ausstieg wollen, wenn die internationale Gemeinschaft den wirtschaftlichen Umbau mitfinanziert.

Die erste Säule der Konferenzagenda behandelte genau diesen Punkt: wie ärmere Länder, deren Staatshaushalte von Fossil-Einnahmen abhängen, den Übergang finanzieren sollen. Eine verbindliche Klimafinanzierungsarchitektur fehlt bisher. Dieser Streit zwischen dem Globalen Norden, der den Ausstieg fordert und dem Globalen Süden, der die Kosten dafür einfordert, blieb in Santa Marta ungelöst.

Was als Nächstes kommt

Die Ergebnisse der Konferenz fließen in die Vorbereitung der COP31 im November 2026 ein. Kolumbien kündigte an, bei der UNFCCC formell eine Verhandlungsgruppe für ein neues Fossil-Instrument einzurichten. Die 24 Unterzeichner der Belém Declaration müssen bis Oktober erste nationale Umsetzungspläne vorlegen. Ziel ist es, die Koalition bis zur COP31 auf über 70 Länder auszubauen. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob sich mittelgroße Schwellenländer wie Indonesien, Südafrika oder die Türkei anschließen. Ohne sie bleibt Santa Marta ein starkes politisches Signal, das sich an den Staaten ohne Vetomacht wendet, während die Hauptverursacher außen vor bleiben.