Russland stoppt Kasachstans Öl für Schwedt
Ab 1. Mai will Russland den Transit kasachischen Rohöls über die Druschba-Pipeline nach Deutschland unterbinden. Das geht aus revidierten Exportplänen hervor, die Moskau an Kasachstan und die deutschen Abnehmer übermittelt hat. Betroffen ist die PCK-Raffinerie in Schwedt, die neun von zehn Autos in Berlin und Brandenburg mit Kraftstoff versorgt und rund 17 Prozent ihres Rohöls aus Kasachstan bezieht. Russland kann diesen Schritt unilateral vollziehen, weil die Druschba-Pipeline durch russisches Staatsgebiet verläuft. Das Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete die Berichte zunächst als ihm unbekannt.
Wie Kasachstan in die Druschba gelangte
Als Deutschland 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine den schrittweisen Ausstieg aus russischem Öl vollzog, stand die PCK-Raffinerie vor einem Versorgungsproblem. Schwedt war jahrzehntelang ausschließlich auf die Lieferungen des damals russischen Mehrheitseigentümers Rosneft ausgelegt. Die Bundesregierung übernahm die Kontrolle über Rosnefts deutschen Anteil, das eigentliche Versorgungsproblem blieb aber bestehen: Wie lässt sich eine Raffinerie am östlichsten Rand Deutschlands zuverlässig beliefern, wenn nicht über eine Pipeline aus dem Osten?
Die Lösung war kasachisches Öl. Kasachstan, das nicht Teil der westlichen Sanktionsarchitektur gegen Russland ist, liefert Rohöl über die russische Druschba-Pipeline nach Europa. Diese Vereinbarung erforderte Moskaus Duldung, denn die nördliche Druschba verläuft über russisches und belarussisches Territorium, bevor sie in Polen ankommt und Schwedt erreicht. 2025 exportierte Kasachstan rund 43.000 Barrel täglich auf diesem Weg nach Deutschland, 44 Prozent mehr als im Vorjahr. Für Kasachstan waren diese Lieferungen ökonomisch attraktiv, für Schwedt eine stabilisierende Versorgungsquelle, für die Bundesregierung ein Beleg dafür, dass die Energieversorgung auch ohne russisches Öl zu sichern sei.
Was ab 1. Mai passiert
Die Ankündigung bedeutet, dass Schwedt etwa 1,6 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr verliert. Das entspricht 17 Prozent der Jahreskapazität der Raffinerie. PCK verarbeitet rund 12 Millionen Tonnen Rohöl jährlich, der Ausfall kasachischer Lieferungen ist damit erheblich, aber nicht sofort existenzbedrohend. Die Raffinerie kann einen Teil des Ausfalls über den Hafen Rostock und Tanker aus anderen Regionen kompensieren, allerdings mit höheren Logistikkosten und einer geringeren Auslastung der Anlage.
Das Bundeswirtschaftsministerium hat sich bis Redaktionsschluss nicht zu konkreten Gegenmaßnahmen geäußert. Bundesnetzagenturpräsident Klaus Müller hatte zuletzt darauf hingewiesen, dass Schwedt seine Lieferketten seit 2022 breiter aufgestellt habe und heute resilienter sei als noch vor drei Jahren.
Warum jetzt
Russland hat keinen offiziellen Grund für den Stopp genannt. Die Vermutungen gehen in mehrere Richtungen. Eine naheliegende Erklärung ist wirtschaftlicher Natur: Kasachstan exportiert sein Öl am liebsten über russische Pipelines, was Russland Transitgebühren einbringt. Wenn die Preise stimmen, hat Russland wenig Interesse, diesen Fluss zu unterbrechen. Eine politische Erklärung hält für wahrscheinlicher, dass Moskau zeigen will, dass Deutschland energiepolitisch verwundbar bleibt.
Der Zeitpunkt ist bezeichnend: Die Druschba-Pipeline steht auch im Zentrum des Streits zwischen Ungarn und der EU über die Auszahlung des 90-Milliarden-Euro-Kreditpakets für die Ukraine. Budapest verknüpft seine Zustimmung mit dem Neustart der Öllieferungen über den südlichen Druschba-Strang nach Ungarn, den eine ukrainische Drohne im Januar beschädigte. Russland signalisiert damit: Es kann nicht nur die ukrainische Nutzung der Pipeline blockieren, sondern auch westliche Alternativrouten über das eigene Territorium.
Parallel läuft die Waffenruhe zwischen den USA und Iran am Mittwoch (22. April) aus. Der globale Ölmarkt ist ohnehin angespannt: Brent-Rohöl kostet aktuell rund 94 bis 96 Dollar pro Barrel, deutlich mehr als noch vor vier Wochen. Ein Ausfall kasachischer Lieferungen nach Deutschland würde den Druck auf die deutschen Kraftstoffpreise weiter erhöhen.
Was die Raffinerie Schwedt bedeutet
PCK Schwedt ist keine periphere Anlage. Die Raffinerie versorgt Berlin, Brandenburg und Teile Mecklenburg-Vorpommerns mit Benzin, Diesel und Heizöl. 9 von 10 Autos in der Region tanken indirekt dort. Die Anlage beschäftigt rund 1.200 Menschen direkt; die Gesamtregion Schwedt hat ihre wirtschaftliche Identität zu wesentlichen Teilen um die Raffinerie herum aufgebaut, was dem Ort bereits in der DDR seinen Charakter gegeben hat.
Eine vollständige Umstellung auf Seeweglieferungen über Rostock wäre technisch möglich, aber nicht in wenigen Wochen zu realisieren. Die Rostock-Pipeline hat begrenzte Kapazitäten und müsste für einen dauerhaften Schwedt-Betrieb ohne Druschba-Zufuhr erheblich ausgebaut werden. Infrastrukturinvestitionen dieser Größenordnung dauern Jahre.
Was als nächstes entschieden wird
Die Bundesregierung hat bis Ende April Zeit zu reagieren. Drei Optionen stehen im Raum: Erstens, diplomatischer Druck auf Moskau über Kasachstan als Vermittler, was angesichts der laufenden Sanktionspolitik illusorisch erscheint. Zweitens, kurzfristige Erhöhung der Seewegkapazität über Rostock mit staatlicher Förderung. Drittens, ein Notfalleinkauf kasachischen Öls über Alternativrouten, etwa über den Caspian Pipeline Consortium und türkische oder georgische Häfen, was deutlich teurer wäre.
Der Energiesicherheitsberater der Bundesregierung wird die Situation voraussichtlich bis Ende April bewerten. Verbrauchern und Unternehmen in der Region drohen für den Fall, dass keine rasche Lösung gefunden wird, höhere Energiepreise ab Mai.