Galapagos-Schildkröten kehren nach 175 Jahren zurück
Im Februar 2026 betraten 158 Riesenschildkröten zum ersten Mal seit über 175 Jahren den Boden von Floreana. Die Insel hatte ihre ursprüngliche Schildkrötenpopulation im 19. Jahrhundert durch Walfänger, Brände und eingeführte Raubtiere verloren. Mit ihrer Rückkehr beginnt eines der ambitioniertesten Wiederansiedlungsprojekte in der Geschichte des Naturschutzes.
Eine Insel ohne ihre Schlüsselart
Floreana war einst Heimat von schätzungsweise 20.000 Riesenschildkröten. Ab dem frühen 19. Jahrhundert wurden die Tiere von Walfängern systematisch als Nahrungsvorrat auf Schiffen mitgenommen. Riesenschildkröten können monatelang ohne Wasser und Futter überleben, was sie zur idealen Konserve für lange Reisen machte. Dazu kamen Brände, mit denen Siedler Flächen rodeten, sowie eingeführte Ratten und Katzen, die Jungtiere fraßen. Um 1850 war die Art auf Floreana erloschen.
Was die Wissenschaft erst Jahrzehnte später entdeckte: Die Floreana-Linie war nicht vollständig verschwunden. Auf der benachbarten Insel Isabela lebten Tiere, die genetisches Material der Floreana-Unterart in sich trugen. Walfänger hatten Schildkröten verschiedener Inseln auf ihren Schiffen gemischt und einige dieser Hybridtiere überlebten. Genetische Analysen der Charles Darwin Foundation identifizierten diese Tiere. Ein Zuchtprogramm holte das ursprüngliche Erbgut so weit wie möglich zurück und selektierte über Generationen auf Individuen mit dem höchsten Floreana-Anteil.
Ein Projekt, das jahrelange Vorbereitung brauchte
Die 158 Tiere, die am 20. Februar 2026 auf Floreana freigelassen wurden, sind zwischen zwölf und vierzehn Jahren alt und damit stabil genug, um in der Wildnis zu überleben. Das Projekt wurde von Ecuadors Umweltministerium koordiniert. Beteiligt waren die Charles Darwin Foundation, die Organisation Island Conservation, die ecuadorianische Naturschutzorganisation Fundación Jocotoco und die Galápagos Conservancy.
Vor der Wiederansiedlung musste die Insel erst für die Schildkröten geeignet gemacht werden. In einer mehrjährigen Kampagne wurden Ratten und verwilderte Katzen, die als Hauptbedrohung für Jungtiere gelten, von Floreana entfernt. Ohne diese Maßnahme hätte die Wiederansiedlung kaum Aussicht auf Erfolg gehabt: Riesenschildkröten legen ihre Eier im Sand und die Schlüpflinge wären leichte Beute für die eingeführten Räuber.
Warum Schildkröten ein ganzes Ökosystem formen
Riesenschildkröten gelten als sogenannte Schlüsselarten, deren Einfluss auf ein Ökosystem weit über ihre bloße Zahl hinausgeht. Wenn sie durch die Vegetation wandern, schlagen sie Pfade, durch die auch schwächere Tiere an Nahrung gelangen. Sie fressen Früchte und scheiden die Samen unversehrt aus, oft weit entfernt vom Ursprungsort. Auf Inseln, wo diese Funktion über Jahrzehnte fehlte, verändern sich Pflanzenwelt und Artenzusammensetzung tiefgreifend.
Der Vergleich mit der Schwesterinsel Española zeigt, was möglich ist: Die dortige Schildkrötenpopulation war in den 1960er Jahren auf zwölf Individuen gesunken. Heute zählt sie wieder über 2.000 Tiere. Die Vegetation von Española hat sich sichtbar erholt. Der Unterschied zu Floreana besteht allerdings darin, dass dort die ursprüngliche Unterart vollständig ausgestorben war. Die jetzt freigelassenen Tiere tragen Floreana-Gene, sind biologisch aber Mischlinge. Die Charles Darwin Foundation sieht die funktionale Wiederherstellung des Ökosystems als vorrangiges Ziel und wertet genetische Annäherung als ausreichend.
Mehr als Schildkröten: Ein Modell für Insel-Restauration
Die Rückkehr der Schildkröten ist Teil eines größeren Restaurationsprogramms. Floreana soll insgesamt zwölf endemische Arten zurückerhalten, die dort ausgestorben sind oder stark unter Druck stehen. Die Schildkröte ist die erste und ökologisch wichtigste davon. Welche Arten folgen und in welcher Reihenfolge, hängt davon ab, wie sich die Vegetation unter dem Einfluss der Schildkröten in den nächsten Jahren entwickelt.
Das Projekt hat auch eine methodische Bedeutung für den internationalen Artenschutz. Es zeigt, dass Wiederansiedlung selbst nach mehr als einem Jahrhundert möglich ist, wenn genetisches Material erhalten bleibt und der Lebensraum gezielt wiederhergestellt wird. Ähnliche Programme laufen auf Inseln im Indischen Ozean, auf Neuseeland und auf Kanarischen Inseln.
Was als Nächstes kommt
Ein Teil der freigelassenen Schildkröten trägt GPS-Sender. Wissenschaftler der Charles Darwin Foundation beobachten, wie sich die Tiere über die Insel verteilen, wie sie die vorhandene Vegetation annehmen und ob sie sich erfolgreich fortpflanzen. Die ersten Daten sollen Ende 2026 veröffentlicht werden. Die nächste Phase der Wiederansiedlung weiterer endemischer Arten auf Floreana ist für 2027 geplant.