
Putins Kurilen-Besuch provoziert Tokio
Quellen (12)
- tagesschautagesschau.de
- Al Jazeeraaljazeera.com
- Euronewseuronews.com
- Washington Postwashingtonpost.com
- CNNcnn.com
- TRT Worldtrtworld.com
- NBC Newsnbcnews.com
- US Newsusnews.com
- South China Morning Postscmp.com
- Dekoder (Kurilenkonflikt)dekoder.org
- Epoch Timesepochtimes.de
- FPRI Japan-Russia Analysisfpri.org
81 Jahre nach Kriegsende haben Japan und Russland noch immer keinen Friedensvertrag. Putins Besuch auf der Kurileninsel Iturup heute macht unmissverständlich klar, dass das so bleiben wird. Was er in einer Fischfabrik tat und wie Japans Außenminister darauf reagierte, sagt mehr über diesen eingefrorenen Konflikt als jede diplomatische Note der vergangenen Jahre.
Die vier Inseln, die seit 1945 keinen Frieden erlauben
In den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs besetzte die Sowjetunion zwischen dem 28. August und dem 1. September 1945 die vier südlichsten Inseln der Kurilenkette: Iturup, Kunashir, Shikotan und die Habomai-Inselgruppe. Japan hatte am 15. August kapituliert. Auf den Inseln lebte damals eine japanische Zivilbevölkerung von rund 17.000 Menschen, die Moskau in den folgenden Jahren deportierte. Japan bezeichnet diese Gebiete seither als Nordterritorien und beansprucht sie als sein "inhärentes Territorium" nach historischem und internationalem Recht.
Einen formellen Friedensvertrag, der den Zweiten Weltkrieg zwischen Japan und der Sowjetunion beziehungsweise Russland offiziell beendet hätte, gibt es bis heute nicht. 1956 vereinbarten Moskau und Tokio eine gemeinsame Erklärung: Die Sowjetunion sagte zu, nach Abschluss eines Friedensvertrags die zwei südlichsten Inseln, Shikotan und die Habomai-Gruppe, an Japan zu übergeben. Japan bestand jedoch darauf, alle vier Inseln zurückzuerhalten. Der Vertrag blieb ungeschlossen, das Versprechen uneingelöst.
Die strategische Bedeutung der Inseln ist erheblich. Russland nutzt Iturup als Militärbasis und hat in den vergangenen Jahren neue Luftverteidigungssysteme sowie Infrastruktur auf der Insel errichtet. Die Inselkette kontrolliert den Zugang vom Pazifik in das Ochotskische Meer, ein Seegebiet, in dem Russland Teile seiner strategischen U-Boot-Flotte stationiert hat.
Kaviar und Staatsgebiet: Was Putin auf Iturup signalisierte
Der erste russische Staatschef, der Iturup besuchte, war Dmitri Medwedew, damals als Präsident, im November 2010. Japan protestierte scharf. Als Ministerpräsident kehrte Medwedew mehrfach zurück. Putins heutiger Besuch ist sein erster als Präsident und die russischen Staatsmedien orchestrierten ihn entsprechend sorgfältig.
Putin besuchte die Yasny-Fischverarbeitungsfabrik im Dorf Kitovoje, ließ sich Kaviar servieren, besichtigte ein Krankenhaus und eine Schule und sprach kurz mit Bewohnern. Als Gastgeber vor Ort fungierte Valery Limarenko, Gouverneur der Region Sachalin. Die Bilder vermitteln: russischer Alltag, Verwaltung, Normalität.
Genau das ist die politische Aussage. Putin behandelt die Inseln nicht als Verhandlungsmasse, sondern als gelebten Teil des russischen Staatsgebiets, der gepflegt und repräsentiert wird. Japans Außenminister Toshimitsu Motegi bestellte umgehend den russischen Botschafter Nikolay Nozdrev ins Außenministerium. Motegi erklärte, der Besuch werde "extrem negative Auswirkungen" auf die bilateralen Beziehungen haben. Japan bestehe darauf, dass die Nordterritorien einschließlich Iturup "historisch und aus Sicht des Völkerrechts" japanisches Staatsgebiet seien, eine Formulierung, die Tokio seit Jahrzehnten unverändert wiederholt, weil es diplomatisch keine andere Option besitzt.
Wie der Ukraine-Krieg den letzten Kanal versperrte
Noch bis 2021 existierte ein fragiler Rahmen für Gespräche. Japan und Russland verhandelten über gemeinsame Wirtschaftsprojekte auf den Inseln und über Reiseerleichterungen für japanische Staatsbürger. Tokio setzte auf wirtschaftliche Verflechtung als indirekten Weg zu einer territorialen Lösung: Wenn russische und japanische Unternehmen gemeinsam auf den Inseln investieren, steigt das beiderseitige Interesse an einem geregelten Status.
Mit der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 endete dieser Ansatz abrupt. Japan schloss sich den westlichen Sanktionen an und belegte 76 russische Einzelpersonen sowie Banken und weitere Institutionen mit Strafmaßnahmen. Russland reagierte im März 2022 mit der Aussetzung der Friedensvertragsverhandlungen. Premierminister Fumio Kishida nannte das "ungerecht und absolut inakzeptabel". Moskau strich zusätzlich die gemeinsamen Wirtschaftsprojekte auf den Inseln und beendete die visafreie Einreise für japanische Bürger in die Nordterritorien.
Japans amtierende Premierministerin Sanae Takaichi, die seit Oktober 2025 im Amt ist, setzt diesen Kurs fort. Die konservative LDP-Politikerin unterstützt die Sanktionen gegen Russland und hat der Ukraine wirtschaftliche und humanitäre Hilfe zugesagt. Das lässt keinen Spielraum für einen diplomatischen Neustart mit Moskau. Das Foreign Policy Research Institute (FPRI) beschrieb die Japan-Russland-Beziehungen nach 2022 als "Ende der Illusionen". Die Annahme, wirtschaftliche Kooperation auf den Inseln könne als Hebel für territoriale Fortschritte dienen, habe sich als Trugbild erwiesen.
Tokios nächste Weichenstellung: Sanktionsverlängerung 2027
Putins Besuch hat keine konkreten Verhandlungsangebote produziert, keine Geste Richtung Tokio, keinen neuen Rahmen. Es gibt auch niemanden, der ihn einfordern könnte: Die diplomatischen Kanäle sind weitgehend unterbrochen. Der russische Botschafter wird vorstellig, erhält eine Protestnote, kehrt heim. Das war es.
Für die Nachfahren der vertriebenen japanischen Inselbewohner, für Fischereibetriebe, die auf Grundlage eines bilateralen Abkommens in den Gewässern der Inseln operierten und für japanische Unternehmen, die auf eine wirtschaftliche Öffnung gehofft hatten, ist die Lage seit 2022 ohnehin klar. Der Zugang ist dauerhaft versperrt.
Der nächste konkrete Schritt in diesem Konflikt ist kein Gipfeltreffen und keine Verhandlung, sondern die routinemäßige Verlängerung der japanischen Sanktionen gegen Russland im Jahr 2027. Antwort: fast sicher ja, sofern der Ukraine-Krieg andauert. Japan und Russland befinden sich offiziell seit 1945 im Zustand des Nicht-Friedens. Putins Ausflug auf Iturup hat daran nichts geändert, außer den Abstand zur Lösung noch einmal zu verdeutlichen.
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