23 Kälber: Nordatlantische Glattwale auf dem Weg zurück
In der Kalbsaison 2025/2026 haben Forscher des New England Aquariums und der US-Behörde NOAA 23 Neugeburten beim nordatlantischen Glattwal dokumentiert, die höchste Zahl seit 2009. Die Art gilt als eine der am stärksten bedrohten Meeressäuger der Welt: Nur noch 384 Tiere existieren weltweit laut aktuellem NOAA-Schätzwert. Dass die Population nun zum vierten Mal in Folge gewachsen ist, zeigt, wie schnell koordinierte Schutzmaßnahmen wirken können, wenn sie konsequent umgesetzt werden.
Von 490 auf fast 360: Der Absturz einer Walart
Ihren Höchststand erreichte die Population der nordatlantischen Glattwale um 2011 mit schätzungsweise 490 Tieren. Obwohl die Art bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert unter Schutz stand, blieben die zentralen Bedrohungen: Verwicklung in Fischereiausrüstung und Kollisionen mit Schiffen. Beide Todesursachen hinterlassen oft keine sichtbaren Spuren und werden erst bei Strandungen entdeckt.
2017 rief die NOAA ein offizielles "Unusual Mortality Event" aus, nachdem ungewöhnlich viele kranke, verletzte und tote Tiere registriert worden waren. Bis Januar 2025 umfasste dieses Ereignis 151 dokumentierte Fälle: 41 Tode, 39 schwere Verletzungen und 71 erkrankte Tiere. Das entspricht mehr als 20 Prozent der gesamten Weltpopulation. Die Zahlen sanken zwischenzeitlich auf rund 360 bis 370 Tiere.
Kanadas Schutzmaßnahmen als Wendepunkt
Den entscheidenden Schritt machte Kanada, dessen Gewässer im Golf von St. Lawrence ein wichtiges Nahrungsgebiet der Glattwale sind. Die Regierung führte verbindliche Geschwindigkeitsbegrenzungen von zehn Knoten für Schiffe ab 13 Metern Länge ein, die ein Meeresgebiet von mehr als 65.000 Quadratkilometern abdecken. Bei Verstößen drohen Geldstrafen von bis zu einer Million kanadischer Dollar oder 18 Monate Haft laut Transport Canada.
Ergänzend wurden Fangtechnologien angepasst. In bestimmten Fischereiregionen sind Betreiber verpflichtet, auf sogenannte "ropeless"-Systeme umzustellen, bei denen keine dauerhaft im Wasser treibenden Leinen existieren, in die sich Wale verheddern können. Überwachungsdrohnen und Unterwasser-Hydrophone ermöglichen es, Walpositionen in Echtzeit zu verfolgen und dynamische Schutzmaßnahmen auszulösen, wenn Tiere in Schifffahrtsrouten auftauchen.
Der Unterschied zu früher ist messbar. Freiwillige Geschwindigkeitsbegrenzungen, die vor 2019 galten, hatten kaum Wirkung gezeigt. Die verbindlichen Regeln brachten die Wende.
2026: 23 Kälber als stärkstes Signal seit 15 Jahren
In der Saison 2025/2026 (November bis April) dokumentierten Forscher genau 23 Neugeburten. Das New England Aquarium, das die Population gemeinsam mit NOAA langfristig beobachtet, bestätigte: Es ist die höchste Kalbszahl seit 2009. Besonders bedeutsam ist, dass 20 der 23 neuen Mütter bereits zuvor erfolgreich Kälber aufgezogen haben. Das weist auf eine stabile und erfahrene Reproduktionspopulation hin.
Die Gesamtpopulation wird für 2024 auf 384 Tiere geschätzt, nach 376 im Jahr 2023. Gemessen an der absoluten Größe ist das ernüchternd: Die gesamte weltweite Population des nordatlantischen Glattwals passt in ein einziges mittelgroßes Fußballstadion. Dennoch ist der Trend eindeutig: vier aufeinanderfolgende Jahre mit Wachstum und eine Kalbsaison, die alle Erwartungen übertroffen hat.
Im Vergleich: Wie Wale sich nach dem Schutz erholen
Andere Walarten zeigen, was langfristig möglich ist. Nach dem internationalen Walfangmoratorium von 1986 erholte sich der Buckelwal von schätzungsweise 5.000 Tieren auf heute über 80.000, eine Verzehnfachung in weniger als 40 Jahren laut IUCN. Der Buckelwal hatte es leichter: Einmal der direkten Bejagung entzogen, waren die Hauptbedrohungen weitgehend beseitigt.
Für den nordatlantischen Glattwal ist die Lage komplizierter. Die Bedrohung kommt nicht aus dem Walfang, sondern aus unvermeidbaren Nebeneffekten der Fischerei und Schifffahrt. Eine vergleichbar schwierige Rettungsgeschichte ist der Kalifornische Kondor: 1987 gab es weltweit nur noch 27 lebende Tiere. Alle wurden eingefangen. Durch ein aufwendiges Programm zur Zucht und Auswilderung lebten 2024 wieder mehr als 500 Kondore, davon über 300 in freier Wildbahn laut US Fish and Wildlife Service. Der Prozess dauerte fast 40 Jahre und erforderte kontinuierliche staatliche Investitionen.
Der nordatlantische Glattwal braucht keine Zucht, aber ebenfalls kontinuierliche Schutzinvestitionen über Jahrzehnte. Die 23 Kälber sind ein erstes Signal, kein Anlass zur Entwarnung.
Ohne ropeless Fischerei bleibt die Erholung fragil
Drei Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt bleiben, damit die Erholung anhält.
Erstens müssen die kanadischen Schutzmaßnahmen Bestand haben. Die verbindlichen Geschwindigkeitsbegrenzungen seit 2019 zeigen Wirkung, sind aber politisch nicht unumstritten. Fischereiverbände klagen regelmäßig über wirtschaftliche Belastungen.
Zweitens müssen ropeless-Fangtechnologien in der US-amerikanischen Hummerfischerei skaliert werden. Allein die Flotten in Maine und Massachusetts sind nach NOAA-Einschätzung für einen Großteil der Walverwicklungen verantwortlich. Die Technologien existieren, ihre Einführung ist aber teuer und politisch umstritten. Ohne Fortschritte hier bleibt die Bedrohung strukturell bestehen, unabhängig davon, wie viele Kälber geboren werden.
Drittens verändert der Klimawandel die Verbreitung von Copepoden, dem wichtigsten Nahrungsorganismus der Glattwale. Erste Studien zeigen, dass die Tiere ihre traditionellen Nahrungsgebiete verlassen und in andere Meeresregionen ausweichen, wo der Schutz geringer ist. Für eine stabile Population, so das New England Aquarium, wären mehr als 50 Kälber pro Jahr über viele Jahre hinweg nötig. Die 23 dieser Saison sind ein Anfang.