WHO: Algerien eliminiert Trachom als Gesundheitsproblem
Jahrzehntelange Aufklärungskampagnen, Massenmedikationen und der Ausbau von Wasserinfrastruktur haben ein messbares Ergebnis gebracht: Die Weltgesundheitsorganisation hat am 23. April 2026 offiziell bestätigt, dass Algerien Trachom als öffentliches Gesundheitsproblem eliminiert hat. Das Land ist damit das 29. weltweit und das zehnte in der afrikanischen WHO-Region, dem dieser Meilenstein gelingt. Für die Gemeinden in den südlichen Provinzen bedeutet das Ende einer Bedrohung, die seit Jahrtausenden Menschen das Augenlicht nimmt.
Eine Krankheit, die Jahrtausende überdauerte
Trachom gilt als die älteste dokumentierte Augenkrankheit der Welt, erste Beschreibungen stammen aus dem alten Ägypten. Verursacht wird sie durch das Bakterium Chlamydia trachomatis, das sich über direkten Kontakt mit infiziertem Augensekret verbreitet, begünstigt durch fehlenden Zugang zu sauberem Wasser und mangelnde Sanitärinfrastruktur. Unbehandelt führt sie über Jahre zur Vernarbung der Hornhaut: Zuerst entzündet sich die Bindehaut wiederholt, dann beginnen sich die Wimpern ins Auge einzurollen, bis das Auge dauerhaft erblindet.
Weltweit sind noch etwa 1,9 Millionen Menschen durch Trachom sehbehindert oder blind. In Algerien war die Krankheit bis in die 1980er Jahre vor allem in den dünn besiedelten Provinzen des Südens verbreitet. Die entscheidende Phase der Bekämpfung begann 2013 mit einer gezielten Drei-Jahres-Strategie, die zwölf südliche Wilayas (Provinzen) ins Zentrum stellte: Adrar, Laghouat, Biskra, Béchar, Tamanrasset, Ouargla, El Bayadh, Illizi, Tindouf, El Oued, Naama und Ghardaïa.
Vier Maßnahmen, die gemeinsam wirken müssen
Algerien folgte der von der WHO entwickelten SAFE-Strategie, einem vierteiligen Ansatz, der in keinem seiner Teile allein zum Ziel führt. Die vier Buchstaben stehen für: Surgery (Operationen bei fortgeschrittenen Fällen, bei denen sich Wimpern ins Auge einrollen), Antibiotics (Massenbehandlungen mit dem Antibiotikum Azithromycin), Facial cleanliness (Aufklärungskampagnen zur Gesichtshygiene, besonders in Schulen) und Environmental improvement (Ausbau von Wasserinfrastruktur und Sanitärinfrastruktur in den betroffenen Gemeinden).
Laut WHO-Pressemitteilung vom 23. April 2026 waren Algeriens "gut funktionierendes Schulsystem, der breite Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung sowie die umfangreiche Augengesundheitsversorgung" dabei entscheidend. Was das konkret bedeutete: Millionen Dosen Azithromycin wurden in den Südprovinzen verteilt, Schulkinder lernten systematisch das Reinigen des Gesichts und in abgelegenen Dörfern wurden Brunnen, Wasserleitungen und Sanitäranlagen ausgebaut. Chirurgische Teams operierten Patienten mit Trichiasis, der fortgeschrittenen Form, bei der sich die Wimpern ins Auge einrollen und die Hornhaut beschädigen.
Das Besondere an Algeriens Erfolg: Die Grundvoraussetzungen waren schon vorhanden. Ein stabiles Schulsystem und eine staatliche Gesundheitsinfrastruktur machten es möglich, die Kampagne in die Fläche zu tragen. In Ländern ohne diese Basis ist die SAFE-Strategie wesentlich schwerer umzusetzen.
94 Prozent weniger Betroffene weltweit seit 2002
Algeriens Erfolg ist Teil eines bemerkenswerten globalen Trends. Seit 2002 hat die WHO die Zahl der Menschen, die weltweite Trachom-Interventionen benötigen, von 1,5 Milliarden auf 97,1 Millionen gesenkt. Das entspricht einer Reduktion um 94 Prozent in weniger als 25 Jahren. Die 97 Millionen, die weiterhin Behandlungen benötigen, entsprechen ungefähr der gemeinsamen Bevölkerung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Zu Jahresbeginn 2026 sank diese Zahl erstmals unter die 100-Millionen-Marke.
Ein Vergleich zeigt, was koordinierte globale Gesundheitsprogramme leisten können. Das Poliovirus verursachte 1988 noch rund 350.000 Lähmungsfälle pro Jahr weltweit. Bis 2024 wurden weltweit weniger als 30 Fälle registriert, eine Reduktion um 99,9 Prozent laut WHO. Der Medinawurm (Guinea Worm) galt in den 1980er Jahren mit 3,5 Millionen Infizierten als eine der schlimmsten parasitären Krankheiten Afrikas. Im Jahr 2025 wurden weltweit zehn Fälle gemeldet. Trachom folgt diesem Muster, aber mit einem anderen Profil: Es ist keine Ausrottungskampagne, sondern eine Eliminationskampagne, die auf koordinierter Verbesserung der Lebensumstände beruht.
In der afrikanischen WHO-Region hatte Senegal im Juli 2025 als neuntes Land die WHO-Validierung erhalten, Burundi folgte wenige Wochen später. Algerien ist nun das zehnte. Zuvor hatten unter anderem Marokko, Ghana, Mali, Benin und Mauretanien den Meilenstein erreicht.
Wer als nächstes folgt: 29 Länder auf dem Weg
Die WHO hat das Ziel ausgegeben, Trachom bis 2030 global als öffentliches Gesundheitsproblem zu eliminieren. Noch sind 29 Länder von diesem Ziel entfernt, die meisten davon in Subsahara-Afrika. Zu den bevölkerungsreichsten gehören Nigeria, der Sudan, Äthiopien und die Demokratische Republik Kongo.
Das Tempo hat in den vergangenen Jahren zugenommen. 2015 hatten erst zehn Länder die Elimination bestätigt bekommen, 2026 sind es 29. Diese Beschleunigung hängt nicht nur mit mehr Ressourcen zusammen. Entscheidend war auch eine veränderte Strategie: Statt einzelne Gemeinden zu behandeln, werden heute ganze Distrikte systematisch erfasst, massenbehandelt und über mehrere Jahre beobachtet. Ob Nigeria oder Äthiopien bis 2030 folgen können, hängt neben den finanziellen Mitteln davon ab, ob Regierungen und lokale Behörden die notwendige Kontinuität über viele Jahre aufbringen können.