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Wirtschaft
Anthropic plant Oktober-IPO bei 900-Milliarden-Bewertung

Anthropic plant Oktober-IPO bei 900-Milliarden-Bewertung

Das KI-Labor Anthropic plant für Oktober 2026 seinen Börsengang mit einer Bewertung von bis zu 900 Milliarden Dollar. Das wäre der höchste je für ein KI-Unternehmen erzielte Börsenwert. Treiber ist ein dreifacher Umsatzsprung binnen fünf Monaten auf über 30 Milliarden Dollar Jahresdurchsatz.

7. Mai 2026, 18:41 Uhr 822 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Das KI-Labor Anthropic plant für Oktober 2026 seinen Börsengang und strebt dabei eine Bewertung von 850 bis 900 Milliarden Dollar an. Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley befinden sich laut TechCrunch in finalen Gesprächen über eine Finanzierungsrunde von rund 50 Milliarden Dollar, die diese Bewertung zementieren soll. Kommt der Börsengang wie geplant, wäre Anthropic das wertvollste KI-Unternehmen, das je an einer Börse gehandelt wurde.

Was Anthropic heute ist

Anthropic wurde 2021 von Dario Amodei, seiner Schwester Daniela Amodei und einer Gruppe früherer OpenAI-Mitarbeiter gegründet. Das Unternehmen entwickelt die Claude-Modelle, die vor allem in Unternehmensumgebungen und von Softwareentwicklern eingesetzt werden. Seit Jahresende 2025 ist Amazon mit einer Investition von bis zu 25 Milliarden Dollar Hauptinvestor und bevorzugter Cloud-Partner: Claude-Modelle laufen primär auf AWS-Infrastruktur.

Die Umsatzentwicklung ist der eigentliche Treiber des IPO-Plans. Zum Jahresende 2025 hatte Anthropic einen annualisierten Umsatz von rund neun Milliarden Dollar, wie aus der Series-G-Finanzierungsrunde über 30 Milliarden Dollar im Februar 2026 hervorging, bei der das Unternehmen mit 380 Milliarden Dollar bewertet wurde. Bis Mai 2026 ist dieser Wert laut Unternehmensangaben auf über 30 Milliarden Dollar gestiegen. Das wäre eine Verdreifachung binnen fünf Monaten und würde Anthropic nach publiziertem Jahresumsatz vor OpenAI stellen, dessen zuletzt kommunizierter annualisierter Umsatz bei rund 12 Milliarden Dollar lag.

Warum jetzt der Börsengang

Anthropic hat in weniger als fünf Jahren vier Finanzierungsrunden abgeschlossen, die in ihrer Gesamtheit rund 50 Milliarden Dollar eingebracht haben. Die nun angestrebte IPO-Bewertung von bis zu 900 Milliarden Dollar wäre mehr als das Doppelte des Bewertungsniveaus der Series G vom Februar, was bei einer Laufzeit von weniger als acht Monaten einer außergewöhnlichen Wertsteigerungsgeschwindigkeit entspricht.

Der Zeitpunkt folgt einem Muster in der Branche: SpaceX hat im April seinen S-1-Entwurf bei der SEC eingereicht und plant die Roadshow für institutionelle Investoren im Juni 2026. Das SpaceX-Beispiel, das wir im April ausführlich beleuchtet haben, hat dem gesamten Tech-Segment signalisiert, dass der IPO-Markt wieder aufnahmefähig ist. Die Börsenöffnung von Cerebras Systems, dem Chip-Hersteller, der als OpenAI-Partner gilt, Anfang Mai 2026 mit einer angestrebten Bewertung von 26,6 Milliarden Dollar verstärkte dieses Signal.

Was die Bewertung trägt und was sie riskiert

Das Verhältnis von Bewertung zu annualisiertem Umsatz beträgt bei 900 Milliarden Dollar und 30 Milliarden ARR einen Faktor von 30. Zum Vergleich: Apple wird derzeit mit dem Siebenfachen, Microsoft mit dem Zwölffachen seines Jahresumsatzes bewertet. SpaceX, das mit rund 15 bis 16 Milliarden Dollar Jahresumsatz und einer Bewertung von 1,75 bis zwei Billionen Dollar handelt, liegt beim Hundertfachen. KI-Unternehmen erhalten am Markt derzeit Wachstumsprämien, die historisch ohne Vorbild sind.

Zwei Risiken bleiben offen. Erstens: Anthropics Umsatzwachstum hängt von AWS-Kapazitäten ab, über die Amazon entscheidet, nicht Anthropic. Zweitens: Die Profitabilitätsschwelle ist nicht öffentlich bekannt. Die hohen Inferenzkosten für große Sprachmodelle bedeuten, dass Umsatzwachstum allein keine Garantie für Profitabilität ist. Analysten, die zuletzt über OpenAI ähnliche Annahmen trafen, mussten ihre Prognosen wiederholt anpassen.

Zum Vergleich: OpenAI hat seinen Börsengang nach aktuellem Stand auf 2027 verschoben. Der CFO soll sich intern für einen späteren Termin ausgesprochen haben, um zunächst ein volles Jahr stabile Ergebnisse als umgewandelte gewinnorientierte Gesellschaft vorweisen zu können. OpenAI vollzieht seit Herbst 2025 die strukturelle Umwandlung von der gemeinnützigen in eine for-profit-Gesellschaft; dieser Prozess soll bis Mitte 2026 abgeschlossen sein.

Oktober 2026: Wenn die KI-Rechnung aufgehen muss

Der Oktober-Termin hängt an einer Kette von Bedingungen. Die laufende 50-Milliarden-Dollar-Finanzierungsrunde muss abgeschlossen sein, was nach Angaben der Beteiligten bis Mitte Mai erwartet wird. Danach folgt die vertrauliche Einreichung der Börsenzulassungsunterlagen bei der SEC, das öffentliche S-1, eine Roadshow für institutionelle Investoren und schließlich das Pricing. Zeitverzögerungen durch Marktturbulenzen oder regulatorische Fragen könnten den Termin in das erste Quartal 2027 verschieben.

Für den europäischen Kapitalmarkt hat der Anthropic-IPO eine mittelbare Bedeutung: Er setzt einen Bewertungsmaßstab für das gesamte KI-Segment. Wenn Anthropic mit 900 Milliarden bewertet wird und der Markt diese Bewertung trägt, unterstützt das die Bewertungsgrundlage europäischer KI-Unternehmen, von denen die meisten noch nicht börsennotiert sind. Und er beantwortet eine Frage, auf die Kapitalmärkte seit Jahren warten: Kann KI nicht nur Umsatz generieren, sondern auch auf Börsenniveau nachhaltige Renditen liefern?

Quellen (6)