Hormus: USA drohen Reedereien mit Sanktionen
Das US-Finanzministerium hat am Freitag alle Schifffahrtsunternehmen weltweit gewarnt: Wer dem Iran Gebühren für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus zahlt, riskiert Sanktionen der USA. Die Warnung kommt vom Office of Foreign Assets Control (OFAC), der zentralen US-Sanktionsbehörde. Sie gilt für Barzahlungen ebenso wie für Kryptowährungen, informelle Tauschgeschäfte und sogar Spenden an iranische Hilfsorganisationen. Das Ergebnis ist eine Rechtsfalle: Der Iran droht Schiffen, die nicht zahlen, mit physischen Angriffen. Die USA drohen Reedereien, die zahlen, mit wirtschaftlicher Vernichtung.
Was der Iran verlangt
Die Iranische Revolutionsgarde proklamierte im März 2026, sie kontrolliere die Straße von Hormus vollständig und verlange von Handelsschiffen Gebühren für sichere Durchfahrt. Mindestens ein Schiff zahlte nach Angaben des US-Finanzministeriums bereits zwei Millionen Dollar. OFAC belegte daraufhin den Tanker NEW FUSION unter panamaischer Flagge mit Sanktionen, weil er an einer solchen Zahlung beteiligt war. Das OFAC-Dokument listet folgende Zahlungsformen auf: Barzahlungen, digitale Vermögenswerte, informelle Tauschgeschäfte, Zahlungen an iranische Botschaften und Spenden an den Iranischen Roten Halbmond.
Die Gebühren sind für Teheran auch ein diplomatisches Werkzeug. Nach Angaben mehrerer Nachrichtenagenturen hat Iran die Abschaffung der Gebührenerhebung als Teil möglicher Gespräche über ein Kriegsende angeboten, jedoch nur unter Bedingungen, die USA bislang abgelehnt haben.
Die Zwickmühle der Reedereien
Für internationale Schifffahrtsunternehmen ist die Lage seit März 2026 außerordentlich schwierig. Der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus, die im Normalbetrieb etwa 20 Prozent des weltweiten Ölhandels transportiert, war zeitweise um 70 Prozent eingebrochen. Reedereien, die nicht zahlen, setzen sich dem Risiko physischer Angriffe aus: Die Revolutionsgarde hat mehrfach Schiffe beschossen, angehalten und beschlagnahmt. Reedereien, die zahlen, riskieren nun US-Sanktionen, die ihnen den Zugang zum Dollarraum und zu US-Banken abschneiden könnten.
OFAC belegte am Freitag zusätzlich drei iranische Devisenwechselstellen mit Sanktionen. Diese Unternehmen wickeln laut Finanzministerium jährlich Milliarden von Dollar im Auftrag des iranischen Staates ab. Die Maßnahme soll die Fähigkeit Irans einschränken, Einnahmen aus dem Mautsystem zu verarbeiten. Mehrere große Reedereien, darunter Maersk und MSC, haben ihre Flotten seit März vollständig aus der Straße von Hormus abgezogen und nutzen den deutlich längeren Weg um das Kap der Guten Hoffnung.
Wie es zur jetzigen Situation kam
Die Straße von Hormus ist seit dem Irankrieg zum zentralen Streitpunkt geworden. US-amerikanische und israelische Luftangriffe auf iranische Militäranlagen begannen Ende Februar 2026. Als Antwort proklamierte Teheran die vollständige Kontrolle über die Meerenge. Der Brent-Rohölpreis überschritt im März 2026 erstmals seit 2022 die Marke von 100 Dollar und erreichte Spitzenwerte von 126 Dollar pro Barrel.
Seitdem versuchen die USA, den Schiffsverkehr durch die Straße ohne iranische Gebühren aufrechtzuerhalten. Die US-Marine eskortiert ausgewählte Schiffe, kann aber nicht alle Tanker schützen. Gleichzeitig laufen Verhandlungen, deren Inhalt öffentlich nicht bekannt ist. Der Iran hat die Kontrolle über die Straße in diesen Gesprächen als Druckmittel eingesetzt.
Was das für den Ölpreis bedeutet
Der Brent-Rohölpreis notiert derzeit um 105 Dollar pro Barrel. Die OFAC-Warnung erhöht die Unsicherheit für Schifffahrtsunternehmen erheblich, weil sie den wirtschaftlichen Einsatz für jede Routingentscheidung deutlich erhöht. Analysten gehen davon aus, dass jede weitere Eskalationsstufe an der Meerenge den Preis um fünf bis zehn Dollar nach oben treiben kann. Besonders betroffen sind energieabhängige Volkswirtschaften in Asien: Indien, China und Japan importieren den Großteil ihres Öls über die Straße von Hormus.
Was als Nächstes entschieden wird
Die USA werden die OFAC-Sanktionen nun aktiv durchsetzen müssen, um die Warnung glaubwürdig zu halten. Das bedeutet, dass weitere Schiffe wie die NEW FUSION gezielt identifiziert und sanktioniert werden. Gleichzeitig laufen Gespräche zwischen Washington und Teheran. Eine Einigung, bei der Iran die Kontrolle über die Straße im Tausch gegen wirtschaftliche Erleichterungen aufgibt, gilt unter Beobachtern als theoretisch möglich, scheitert aber bislang an der Frage, wer die faktische Kontrolle über die Durchfahrt ausübt. Wie lange die Reedereien die Unsicherheit wirtschaftlich tragen können, wird zunehmend zur kritischen Frage für den Weltölmarkt.
Aktualisierungen
Update 3. Mai, 09:08 Uhr: Chinas Handelsministerium hat erklärt, die US-Sanktionen gegen fünf chinesische Ölunternehmen nicht anzuerkennen, umzusetzen oder zu befolgen. Betroffen sind Hengli Petrochemical aus Dalian sowie vier kleinere Raffinerien in Shandong und Hebei, die alle iranisches Rohöl kaufen. Peking begründet die Ablehnung damit, dass die Maßnahmen kein UN-Mandat haben und gegen Normen des Völkerrechts verstoßen. Für die US-Sanktionsstrategie ist das eine strukturelle Schwachstelle: Solange China iranisches Öl außerhalb des Dollarsystems abnehmen kann, behält Teheran eine wesentliche Devisenquelle und damit die wirtschaftliche Grundlage, die Hormus-Gebühren als Druckmittel aufrechtzuerhalten.