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Anthropic bindet sich mit 200 Milliarden an Google

Anthropic bindet sich mit 200 Milliarden an Google

Google investiert bis zu 40 Milliarden Dollar in Anthropic. Als Gegenleistung verpflichtet sich Anthropic, über fünf Jahre 200 Milliarden Dollar bei Google Cloud auszugeben. Das entspricht mehr als 40 Prozent von Googles gesamtem Umsatz-Backlog.

8. Mai 2026, 16:39 Uhr 788 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Anthropic hat sich verpflichtet, über fünf Jahre 200 Milliarden Dollar bei Google Cloud auszugeben. Diese Summe übersteigt nach Angaben von The Information 40 Prozent des gesamten offengelegten Umsatz-Backlogs von Google Cloud. Gleichzeitig investiert Google bis zu 40 Milliarden Dollar in das KI-Labor. Was auf den ersten Blick wie eine klassische Wagniskapitalrunde wirkt, ist in Wirklichkeit eine wechselseitige Infrastrukturabsicherung: Google kauft sich mit seiner Investition einen Ankerkunden, der sein Cloud-Geschäft für Jahre absichert.

Zwei Tranchen und ein Gegenversprechen

Google verkündete am 24. April eine Investition von bis zu 40 Milliarden Dollar in Anthropic. Die Struktur sieht eine Sofortzahlung von zehn Milliarden Dollar vor, berechnet bei einer Vorab-Bewertung von 350 Milliarden Dollar. Weitere 30 Milliarden Dollar sind an Leistungsmeilensteine gebunden, deren genauen Inhalt weder Google noch Anthropic öffentlich gemacht haben.

Das Gegenversprechen kam eine Woche später: Am 5. Mai berichtete The Information, Anthropic habe sich bereit erklärt, über fünf Jahre ab 2027 insgesamt 200 Milliarden Dollar für Google Cloud auszugeben, für Rechenkapazität auf Googles TPU-Chips sowie für Cloud-Dienste. Zur Umsetzung haben Google, Anthropic und der Halbleiterhersteller Broadcom eine Partnerschaft geschlossen. Broadcom produziert TPU-Chips mehrerer Generationen in Folge. Ziel ist eine Kapazität von 3,5 Gigawatt ab 2027, ein weiteres Gigawatt soll bereits 2026 bereitstehen. Google-Chef Sundar Pichai bezeichnete Anthropic als strategischen Anker für Googles Cloud-Geschäft.

Anthropic-CEO Dario Amodei begründete die Notwendigkeit solcher Infrastrukturverträge mit dem Wachstumstempo seines Unternehmens. Laut dem Anthropic-Blog explodierte die Nachfrage nach Claude-Modellen in den vergangenen Monaten: Der annualisierte Umsatz stieg von rund neun Milliarden Dollar Ende 2025 auf über 30 Milliarden Dollar im April 2026, mehr als eine Verdreifachung binnen fünf Monaten. Ohne gesicherten Zugang zu Rechenkapazität könnte das Unternehmen diese Nachfrage nicht bedienen, sagte Amodei gegenüber CNBC.

40 Prozent eines Backlogs: Was diese Zahl bedeutet

Google Cloud verfügt über ein offengelegtes Umsatz-Backlog von rund 460 Milliarden Dollar: vertraglich gesicherte Kundenausgaben, die noch nicht als Umsatz realisiert sind. Anthropics Commitment von 200 Milliarden würde mehr als 40 Prozent davon ausmachen, wie The Information unter Berufung auf informierte Personen berichtete.

Diese Zahl ist aus mehreren Gründen ungewöhnlich. Kein einzelner Unternehmenskunde von Google Cloud hat bisher annähernd solche Volumina zugesagt. Die Bindung erhöht Googles Planungssicherheit erheblich: Statt viele kleinere Kunden zu akquirieren, hat Google Cloud mit einem einzigen Vertrag ein Fundament für sein KI-Infrastrukturgeschäft gelegt, das weit über das laufende Jahrzehnt hinausreicht.

Das Commitment beginnt 2027, also nach dem für Oktober 2026 geplanten Börsengang Anthropics. Das Unternehmen verspricht Ausgaben aus künftigen Erlösen, die es heute noch nicht vollständig generiert. Für potenzielle IPO-Investoren ist dieser Vertrag ein zweischneidiges Signal: Er zeigt, dass Anthropic Zugang zu benötigter Rechenkapazität gesichert hat. Er zeigt aber auch, dass das Unternehmen massive Fixausgaben eingeht, bevor es profitabel ist.

Gleiche Mechanik wie bei Amazon, andere Ausgangslage

Der Google-Deal folgt einem Muster, das Amazon im April 2026 mit Anthropic etabliert hatte. Amazon investierte bis zu 25 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 380 Milliarden Dollar. Als Gegenleistung verpflichtete sich Anthropic, über zehn Jahre mehr als 100 Milliarden Dollar für Amazon Web Services auszugeben und erhält dafür Zugang zu Amazons Trainium-Chips.

Die Mechanik ist bei beiden Deals identisch: Der Cloud-Anbieter finanziert das KI-Labor, das KI-Labor sichert Cloud-Ausgaben zu. Die Summen unterscheiden sich jedoch erheblich. Googles Investition von bis zu 40 Milliarden Dollar übersteigt Amazons 25 Milliarden Dollar. Anthropics Compute-Commitment gegenüber Google (200 Milliarden über fünf Jahre) übertrifft das gegenüber Amazon (100 Milliarden über zehn Jahre) auf Jahresbasis um den Faktor vier.

Für Anthropic entsteht damit ein strukturelles Dilemma: Das Unternehmen hat zwei großen Cloud-Anbietern massive Ausgaben versprochen und muss beide bedienen. Google und Amazon stehen damit in direktem Wettbewerb um Anthropics Rechenlasten. Welche Kapazitäten tatsächlich auf welchem System laufen werden, hängt von der Leistung der jeweiligen Chips ab, Amazons Trainium gegen Googles TPUs, eine Frage, die noch nicht entschieden ist. Microsoft bleibt aus diesem zirkulären Investitionsmuster ausgeschlossen: Das Unternehmen hat keine Beteiligung an Anthropic und setzt vollständig auf OpenAI und Azure.

Drei Monate bis zur Börsenreife

Für Anthropic ist das Timing der Deals kein Zufall. Das Unternehmen plant seinen Börsengang für Oktober 2026, Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley führen laut TechCrunch die Gespräche. Die angestrebte Bewertung liegt bei 850 bis 900 Milliarden Dollar, mehr als das Doppelte der Bewertung der Series-G-Runde vom Februar 2026.

Für institutionelle Investoren, die beim IPO einsteigen wollen, sind die Compute-Commitments ein zentrales Argument. Sie belegen, dass Anthropic Zugang zu der Rechenkapazität gesichert hat, die für weiteres Wachstum nötig ist. Gleichzeitig zeigen sie, dass Google und Amazon Anthropics Wachstumsprognosen für glaubwürdig genug halten, um vertraglich gebundene Infrastrukturzusagen zu machen.

Für Google und Amazon stellt sich die Rechnung pragmatischer dar. Beide haben Anthropics künftige Cloud-Ausgaben vertraglich gesichert. Die Investitionen sind damit keine reinen Risikowetten auf ein Startup, sondern auch absicherte Umsatzverträge. Ob Anthropics Bewertung von bis zu 900 Milliarden Dollar gerechtfertigt ist, spielt für die Cloud-Anbieter eine untergeordnete Rolle, solange die Compute-Commitments eingehalten werden. Diese Frage beantwortet der Kapitalmarkt im Oktober.

Quellen (8)