
Digitalgipfel: Wildberger fordert eigene KI-Fähigkeiten
Quellen (11)
- Berliner Digitalgipfel: Wildberger will Europa bei KI stärkendeutschland.de
- Eröffnungsrede beim Digital-Gipfel der Bundesregierung in Berlinbmds.bund.de
- Digitalgipfel der Bundesregierung: Ist der KI-Zug in Deutschland schon abgefahren? | tagesschau.detagesschau.de
- Programmbmds.bund.de
- Digitalgipfel der Bundesregierung: "Einfachere" Regeln für KI?zdfheute.de
- Digitalgipfel: Bundesregierung muss verbindlichen Fahrplan für Physical AI vorlegenbdi.eu
- Unternehmen mit Nutzung von Technologien der künstlichen Intelligenz nach Beschäftigtengrößenklassen - Statistisches Bundesamtdestatis.de
- Deutscher Bundestag drucksache 21/4350 --- Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2026dserver.bundestag.de
- Deutschland schlecht auf KI-Boom vorbereitet | Pressemitteilung | ifo Institutifo.de
- Special report 08/2024: EU Artificial intelligence ambitioneca.europa.eu
- Progress in Implementing the European Union Coordinated Plan on Artificial Intelligence (Volume 1) (EN)oecd.org
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger erklärte, der Digital-Gipfel 2026 stehe für den Anspruch, KI sicher und vertrauenswürdig zu gestalten, Chancen zu nutzen und Deutschland sowie Europa im internationalen Wettbewerb weiter nach vorne zu bringen. Über die beiden Gipfeltage sollten Menschen und Unternehmen zusammengebracht und die KI-Nutzung in den Volkswirtschaften beschleunigt werden, sagte Wildberger. Die Veranstaltung ist nach Angaben Wildbergers ausverkauft, die Nachfrage sei größer gewesen als die verfügbaren Plätze. Erwartet wurden unter anderem die Digitalminister aus Frankreich, den Niederlanden und Kanada, Chefs zahlreicher Techunternehmen sowie Bundeskanzler Friedrich Merz.
Souveränitätsgipfel und KI-Taskforce
Seit dem deutsch-französischen Gipfel zur digitalen Souveränität im Vorjahr habe sich KI rasch weiterentwickelt, der Aufbau eigener Fähigkeiten sei dringlicher geworden, erklärte Wildberger. Die Bundesregierung habe sich über ihre KI-Taskforce, deren Einrichtung der Nationale Sicherheitsrat im Juni 2026 beschlossen habe, ressortübergreifend auf Ziele für 2030 verständigt, die den Aufbau und Einsatz eigener KI-Fähigkeiten für eine stärkere Wirtschaft und bessere öffentliche Dienstleistungen vorsähen. Der Ergebnisbericht der KI-Taskforce sollte bereits am 2. November gegen 16 Uhr veröffentlicht werden; in einem Panel wollte Wildberger ihn kurz vorstellen.
Wildbergers Forderungen: Geld, Tempo, Sicherheit
Wildberger forderte mutige Entscheidungen zu Energie, Infrastruktur und Investitionen mit klaren Fristen und Verantwortlichkeiten, zugleich müssten Werte gewahrt und mehr Raum für Innovation geschaffen werden. Konkret nannte er das Ziel, die Rechenzentrumskapazität in Deutschland bis 2030 mindestens zu verdoppeln und die Kapazität für KI und Hochleistungsrechnen zu vervierfachen. Wildberger kündigte an, die Deutsche Telekom werde in ihrer neuen KI-Fabrik in München sowohl Nvidia-Chips aus den USA als auch Chips des Dresdner Herstellers SpiNNcloud einsetzen. Daneben warnte er vor Risiken: KI könne Angreifern helfen, Schwachstellen in großem Maßstab gegen Unternehmen, öffentliche Dienste und kritische Infrastruktur auszunutzen, wie jüngste Schwachstellen in der verbreiteten Software PHP zeigten. Zudem müsse der Verlust menschlicher Kontrolle verhindert werden: Wenn KI-Agenten vom Antworten zum Handeln übergingen, brauche es zuverlässige Wege, sie zu überwachen, zu korrigieren und notfalls zu stoppen. Entwickler leistungsfähiger KI müssten Sicherheit von Anfang an einbauen, Modelle streng testen und unabhängige Prüfungen zulassen, forderte Wildberger und verwies auf das im Aufbau befindliche KI-Sicherheitsinstitut AISI Germany sowie das gemeinsam mit Kanada unterstützte LawZero, dessen Präsident und Wissenschaftlicher Direktor Yoshua Bengio ist.
Europäische KI-Regeln und Forderungen des BDI
Dass an den Detailregeln noch gefeilt wird, zeigt der sogenannte Digital Omnibus: Wie ZDFheute berichtete, hatte die EU mit ihrer KI-Verordnung bereits 2024 umfassende Regeln zu Sicherheit und Risikoüberwachung beschlossen, 2026 wurden mit diesem Verfahren einige Pflichten und Fristen daraus weiter in die Zukunft verschoben, auch auf Druck der Bundesregierung. Genau hier will Wildberger ansetzen: Er forderte einfachere, klarere und innovationsfreundlichere europäische Regeln mit vorhersehbaren Anforderungen und weniger überlappenden Pflichten und rief seine europäischen Kolleginnen und Kollegen auf, den Digital-Omnibus-Prozess für mehr Raum für Innovation, Investitionen und Wachstum zu nutzen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie drängt auf mehr Tempo: Sein stellvertretender Hauptgeschäftsführer Holger Lösch forderte einen verbindlichen Fahrplan für Rechenkapazitäten und Physical-AI-Anwendungen, also den Einsatz von KI in Maschinen, Fabriken, Robotern und autonomen Fahrzeugen, sowie einen schnelleren Technologietransfer. Deutschland drohe, bei Physical AI seine starke industrielle Ausgangsbasis durch zu langsame Investitionen und regulatorische Hürden zu verspielen, warnte Lösch. Die Bundesregierung müsse sich in Brüssel weiter dafür einsetzen, dass KI in Maschinen und Robotik nicht durch Doppelregulierung ausgebremst werde, forderte er, der Digital Omnibus müsse dafür etwa eine echte Rechtsgrundlage für KI im Datenschutzrecht schaffen.
Was Daten über Deutschlands KI-Ausbau zeigen
2025 setzten laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes 26 Prozent der Unternehmen in Deutschland KI ein. Bei Firmen mit mehr als 250 Beschäftigten waren es 57 Prozent. Bei kleineren Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten lag der Anteil dagegen bei 23 Prozent. Die Expertenkommission Forschung und Innovation bewertete Deutschland in ihrem Gutachten vom 27. Februar 2026 bei KI und Mikroelektronik als relativ schwach positioniert, allerdings weniger in der Forschung als bei der Fähigkeit, Neuerungen in Entwicklung und Anwendung hervorzubringen. Das ifo Institut kam in einer am 2. November veröffentlichten Pressemitteilung zu einer noch unveröffentlichten Analyse im Auftrag der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern zu dem Schluss, Deutschland fehlten wichtige Voraussetzungen, um das Wachstumspotenzial von KI auszuschöpfen. Die Hightechbranche sei noch zu klein, die Verwaltung zu wenig digitalisiert und das Bildungssystem passe sich nicht schnell genug an die Veränderungen durch KI an, sagte Oliver Falck, Leiter des ifo Zentrums für Innovationsökonomik und digitale Transformation. Der Sektor der Informations- und Kommunikationstechnologien trage nur 4,6 Prozent zur Bruttowertschöpfung in Deutschland bei, ein Wert im unteren EU-Mittelfeld. Kein anderes EU-Land sei im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie stärker vom Ausland abhängig als Deutschland, erklärte ifo-Forscher Christian Pfaffl. 2025 importierte Deutschland laut ifo Institut IKT-Dienstleistungen im Wert von 11 Milliarden US-Dollar mehr, als es exportierte. Wie sich die Lage seit dem vergangenen Gipfel entwickelt hat, bewertet der Geschäftsführer von Agora Digitale Transformation, Stefan Heumann, gegenüber der tagesschau kritisch: Man sei „nicht sehr souverän“, die Abhängigkeiten seien seither eher gestiegen. Laut einer Auswertung seines Thinktanks fließen rund 800 Millionen Euro beziehungsweise 0,15 Prozent des Bundesetats in KI-Projekte des Bundes. Die Investitionsziele der EU seien hinsichtlich der erwarteten Ergebnisse unspezifisch gewesen und seit ihrer Festlegung 2018 nicht aktualisiert worden, hielt der Europäische Rechnungshof 2024 fest. Im Jahr 2021 nutzten demnach erst 8 Prozent der Unternehmen in der EU KI. Das EU-Ziel lag bei 75 Prozent der Unternehmen bis zum Jahr 2030. Die OECD berichtete Ende Oktober 2025, dass sich Fortschritte der EU-Staaten wegen unterschiedlicher Monitoringverfahren sowie eines Mangels an externen Bewertungen und regelmäßigen öffentlichen Berichten schwer bewerten lassen.
Der zweite Gipfeltag am 3. November
Am zweiten Gipfeltag, Dienstag, dem 3. November 2026, läuft das deutschsprachige Programm laut Veranstalter von 9 bis etwa 16 Uhr. Vorgesehen ist unter anderem um 11:30 Uhr ein Panel zum Thema „Wenn KI handelt. Agentic AI als Gamechanger für die Verwaltung der Zukunft“, gefolgt von einem Panel um 12:15 Uhr zum deutschen Bedarf an KI-Rechenkapazitäten. Am ersten Gipfeltag stand vor der Keynote von Bundeskanzler Friedrich Merz um 14:15 Uhr eine Keynote des LawZero-Präsidenten Yoshua Bengio zur KI-Sicherheit mit anschließender Diskussion, an der unter anderem der Leiter des Alignment-Teams bei Anthropic, Jan Leike, teilnehmen sollte. Zum Abschluss des Gipfels wollten der KI Bundesverband und der Startup-Verband Unternehmen auszeichnen, die zeigen sollen, was KI „made in Germany“ leisten kann.
Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder sieht Deutschland bei den großen KI-Basismodellen weiterhin abhängig vom Ausland, hält die Chance zum Aufholen aber nicht für verpasst, weil der „KI-Zug“ schnell fahre, aber immer wieder Zwischenstationen mache. Der Digitalexperte Markus Beckedahl hält dagegen große Durchbrüche vom Gipfel für unwahrscheinlich und sieht vom im vergangenen Jahr formulierten Ziel größerer technologischer Unabhängigkeit wenig übrig: Mit KI, Rechenzentren und Clouds aus den USA drohe die Abhängigkeit eher noch zu wachsen.
Kommentare