Enzyme recyceln Plastik vollständig: Erste Fabrik
Eine neuartige Recyclingmethode könnte Millionen Tonnen Plastikabfall in Rohstoffe für neue Produkte verwandeln. Das französische Biotechunternehmen Carbios baut in Longlaville im Nordosten Frankreichs die weltweit erste kommerzielle Fabrik, die PET-Kunststoff mit Enzymen vollständig in seine chemischen Grundbausteine zerlegt. Was das Verfahren von bisherigem Recycling unterscheidet: Es funktioniert auch bei buntbedruckten, mehrschichtigen und undurchsichtigen Verpackungen, die bisher auf Deponien landeten oder verbrannt wurden.
Wie Enzyme Plastik auflösen
Herkömmliches mechanisches Recycling zerkleinert Plastik und schmilzt es ein, verliert dabei aber Qualität und scheitert an farbigen oder mehrschichtigen Verpackungen. Das Verfahren von Carbios ist grundlegend anders: Eine gentechnisch verbesserte Enzymvariante katalysiert die chemische Spaltung der Polymerbindungen im PET. Das Ergebnis sind Terephthalsäure und Ethylenglykol, exakt die Ausgangsstoffe, aus denen PET ursprünglich hergestellt wird.
Diese Monomere lassen sich direkt zu neuem PET in Erstqualität verarbeiten. Das ist der entscheidende Unterschied zum mechanischen Recycling, bei dem Qualitätsverluste nach jedem Durchgang zunehmen und die Anwendungsmöglichkeiten sinken. Da das Verfahren das Material vollständig in seine Ausgangsstoffe zerlegt, kann es theoretisch unbegrenzt durch den Kreislauf geführt werden, ohne an Qualität zu verlieren. Zudem kann die Fabrik neben Verpackungen auch Polyestergewebe verarbeiten, die meistgenutzte Chemiefaser in der Textilindustrie, für die bisher kaum Recyclinglösungen existieren.
Verträge mit L'Oréal, Getränkeindustrie und Textilpartnern
Die geplante Fabrik in Longlaville soll 50.000 Tonnen aufbereitete Abfälle pro Jahr verarbeiten. Die Baukosten sind auf 230 Millionen Euro veranschlagt. Carbios hat bereits mehrere Langzeitverträge für die Abnahme des recycelten PET unterzeichnet: Die Kosmetikunternehmen L'Oréal und L'Occitane en Provence schlossen im Mai 2025 erste Lieferverträge. Im November 2025 folgten zwei weitere Mehrjahresverträge mit großen Getränkeherstellern. Für die Rohstoffbeschaffung hat Carbios ein Rahmenabkommen über 15.000 Tonnen jährlich mit dem deutschen Entsorgungsunternehmen Hündgen geschlossen.
Mit dem Textilrecyclingunternehmen Nouvelles Fibres Textiles entwickelt Carbios außerdem eine Kooperation, um Polyestergewebe aus der Modeindustrie über das Enzymverfahren zu verwerten. Das ist technisch bedeutsam: Polyester wird weltweit für über 50 Prozent aller Textilfasern verwendet, praktisch kein herkömmliches Recyclingverfahren kann es aufbereiten.
Finanzierungsprobleme verzögern den Bau
Trotz gesicherter Kundennachfrage hat Carbios Schwierigkeiten, die gesamte Finanzierungsstruktur zu schließen. Ende 2024 musste das Unternehmen den Baubeginn um sechs bis neun Monate verschieben, weil die Finanzierung noch nicht vollständig stand. Ende 2025 folgte eine weitere Verzögerung um drei Monate. Stand März 2026 laufen die Gespräche mit Finanzierungspartnern weiter: Carbios hat 42,5 Millionen Euro öffentliche Förderung zugesichert bekommen, wartet aber noch auf die formelle Genehmigung im Amtsblatt der EU, bevor die Mittel ausgezahlt werden können. Der Gesamtkostenrahmen von 230 Millionen Euro ist noch nicht vollständig gedeckt.
Ziel ist, die Finanzierung bis zum dritten Quartal 2026 abzuschließen. Bei einem Baustart in der zweiten Jahreshälfte 2026 rechnet das Unternehmen mit einem Produktionsbeginn im zweiten Halbjahr 2027. Carbios betont, dass die Verzögerungen nichts an der kommerziellen Nachfrage geändert hätten und die Technologie selbst einsatzbereit sei.
Das Ausmaß des Problems
PET gehört zu den meistproduzierten Kunststoffen weltweit und wird für Getränkeflaschen, Lebensmittelverpackungen und Textilfasern verwendet. Die globale Jahresproduktion liegt bei über 80 Millionen Tonnen, recycelt werden davon nach Schätzungen der Ellen MacArthur Foundation weniger als 15 Prozent. Ein Großteil des nicht recycelten PET landet auf Deponien oder wird verbrannt, ein Teil gelangt in die Umwelt.
Carbios ist nicht das einzige Unternehmen, das an enzymbasiertem Plastikrecycling forscht, aber das einzige, das ein kommerziell skalierbares Verfahren bis zur Fabrikschwelle gebracht hat. Konkurrenten wie das niederländische Unternehmen Ioniqa arbeiten an verwandten chemischen Verfahren. Wenn die Finanzierung steht und die Fabrik wie geplant anläuft, wäre Longlaville die erste Anlage weltweit, die beweist, dass enzymatisches Biorecycling im Industriemaßstab funktioniert.