
Zypern: Guterres kündigt erste UN-Konferenz seit 2017 an
Quellen (7)
- Handelsblatt: Guterres kündigt Zypern-Konferenz anhandelsblatt.com
- Euronews: Zypern vor neuer Friedenschancede.euronews.com
- ORF: Guterres will Lage auf Zypern auslotenorf.at
- Salzburger Nachrichten: UNO-Generalsekretär kündigt Konferenz ansn.at
- Tagesanzeiger: Erhürman gewinnt Nordzypern-Wahltagesanzeiger.ch
- SRF: Machtwechsel in Nordzypernsrf.ch
- nau.ch: Guterres kündigt Konferenz annau.ch
Die Insel ist seit 52 Jahren geteilt. Keine Friedensverhandlung hat das bislang geändert, die letzte große Konferenz scheiterte 2017 in Crans-Montana. Jetzt hat UN-Generalsekretär António Guterres persönlich Nikosia besucht, zum ersten Mal seit 16 Jahren kommt ein Generalsekretär nach Zypern und er hat eine Ansage gemacht: Er will eine neue Fünf-plus-Eins-Konferenz einberufen, mit beiden Volksgruppen und den drei Garantiemächten Großbritannien, Griechenland und der Türkei. Die Zustimmung beider Führungen auf der Insel hat er bereits. Sein Zeitplan: noch vor dem 31. Dezember, dem letzten Tag seiner Amtszeit.
Fünfzig Jahre, immer wieder dieselbe Wand
Im Sommer 1974 landeten türkische Truppen im Norden Zyperns. Was als Reaktion auf einen von Griechenland unterstützten Putschversuch begann, endete mit einer de-facto-Teilung der Insel entlang einer UN-überwachten Pufferzone, der „Grünen Linie“. Im Norden riefen die türkischen Zyprioten 1983 die Türkische Republik Nordzypern aus, die bis heute von keinem Staat außer der Türkei anerkannt wird. Auf der südlichen Seite regiert die Republik Zypern, EU-Mitglied seit 2004.
Alle ernsthaften Verhandlungsversuche scheiterten an einem strukturellen Gegensatz: Die griechischen Zyprioten und die UN wollen eine Bundesrepublik mit zwei Gliedstaaten und einer gemeinsamen Verfassung. Die Türkei und die türkischen Zyprioten forderten lange eine echte Zweistaatenlösung mit getrennter Souveränität. Dieser Widerspruch war unüberbrückbar, solange beide Seiten auf ihren Maximalpositionen beharrten. Bis Oktober 2025 war das auch so.
Was sich seit 2025 verändert hat
Im Oktober 2025 wählte Nordzypern einen neuen Präsidenten: Tufan Erhürman, Sozialdemokrat, Pro-Europäer und ausdrücklicher Befürworter einer föderalen Lösung. Er gewann mit 62,8 Prozent der Stimmen gegen den türkischen Vertrauensmann Ersin Tatar. Der Regierungswechsel in Nikosia Nord hat das Verhandlungsumfeld grundlegend verschoben: Zum ersten Mal seit Jahren spricht Nordzypern nicht mehr reflexhaft von Zweistaatlichkeit.
Erhürman hatte im Wahlkampf versprochen, Gespräche mit der griechisch-zyprischen Seite wieder aufzunehmen und eine Annäherung an die EU zu suchen. Zyperns Präsident Nikos Christodoulides und Erhürman haben Guterres nach eigenen Angaben beide zugesagt, einer neuen Konferenz teilzunehmen. Das ist mehr, als in 2017 der Fall war, als das Scheitern der Crans-Montana-Gespräche vor allem an unvereinbaren Eigentumsfragen und der Frage der Truppenabzugstermine lag.
Was Guterres will und was er nicht sagt
Der UN-Generalsekretär hat nach seinem Besuch in Nikosia deutlich gemacht, dass er keine weitere ergebnislose Konferenz will: „Ich will kein weiteres Fünf-plus-Eins-Treffen ohne Ergebnis.“ Er nannte keinen konkreten Termin und betonte, dass umfassende Vorbereitungen nötig seien, bevor die Konferenz einberufen werde. Das ist eine Lektion aus dem Scheitern von 2017, als die Konferenz stattfand, obwohl die grundlegenden Streitpunkte ungelöst waren.
Guterres' persönlicher Zeitdruck ist offensichtlich: Seine Amtszeit endet am 31. Dezember 2026. Eine Einigung auf Zypern wäre das diplomatische Vermächtnis, das ihm bislang fehlt. Der Besuch war sein erster seit 16 Jahren auf der Insel, was allein schon als politisches Signal gilt. Zugleich hat Zypern im ersten Halbjahr 2026 die EU-Ratspräsidentschaft innegehabt, was das Interesse der Nikosia-Regierung an sichtbaren diplomatischen Ergebnissen weiter erhöhte.
Die entscheidende Unbekannte bleibt die Türkei. Ankara ist eine der drei Garantiemächte und faktisch die Schutzmacht Nordzyperns. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich bisher nicht öffentlich zu Guterres' Initiative geäußert. Die Türkei hat historisch auf Zweistaatlichkeit bestanden und ist das einzige Land, das die Türkische Republik Nordzypern als Staat anerkennt. Ohne türkisches Einverständnis lässt sich keine Fünf-plus-Eins-Konferenz abhalten, die diesen Namen verdient.
Zwischen Hoffnung und struktureller Logik
Zypern ist eines von vier EU-Mitgliedern mit einem eingefrorenen Territorialkonflikt auf eigenem Gebiet. Die wirtschaftliche Schere zwischen Nord und Süd ist in den vergangenen Jahren größer geworden: Das Pro-Kopf-Einkommen im Süden liegt fast fünfmal so hoch wie im international isolierten Norden. Für türkische Zyprioten bedeutet eine Wiedervereinigung faktisch den Beitritt in die EU, mit all ihren wirtschaftlichen Rechten. Das macht Erhürmans pro-europäische Position innenpolitisch stabiler, als sie bei seinem Amtsantritt schien.
Bis eine Konferenz stattfinden kann, müssen UN-Vermittler klären, in welchem Zustand die Eigentumsfragen und Sicherheitsgarantien verhandlungsbereit sind. Griechenland pocht weiterhin auf einen vollständigen Abzug türkischer Truppen als Ergebnis, nicht als Vorbedingung. Die Türkei lehnt das ab. Das ist dasselbe strukturelle Problem wie 2017. Was 2026 anders ist: Beide Anführer auf der Insel wollen reden und der Mann, der den Rahmen setzen könnte, hat weniger als fünf Monate Zeit.
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