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Wirtschaft
UniCredit startet Commerzbank-Übernahme

UniCredit startet Commerzbank-Übernahme

UniCredit-Aktionäre stimmten heute der Kapitalerhöhung zu. Morgen erscheint das formelle Übernahmeangebot für die Commerzbank. Deutschlands Versuch, einen Gegenspieler zu finden, scheiterte: ING, HSBC und BNP Paribas sagten alle ab.

4. Mai 2026, 16:37 Uhr 770 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Heute stimmten UniCredit-Aktionäre der Kapitalerhöhung zu, die das Übernahmeangebot für die Commerzbank finanzieren soll. Morgen, am 5. Mai, erscheint das formelle Dokument. Deutschland hatte monatelang nach einem strategischen Gegenspieler gesucht, der UniCredit bremsen könnte. Der Versuch scheiterte: ING, HSBC und BNP Paribas sagten alle ab.

Was die Aktionäre entschieden

Auf der außerordentlichen Hauptversammlung in Mailand genehmigten UniCredit-Anteilseigner die Ausgabe von bis zu 470 Millionen neuen Aktien. Die neuen Anteile werden nicht für Bares verkauft, sondern Commerzbank-Aktionären angeboten: Wer seine Commerzbank-Anteile tendern will, erhält dafür 0,485 neue UniCredit-Aktien je Commerzbank-Aktie, was einem Gesamtwert von rund 35 Milliarden Euro entspricht. Der Abstimmungsbeschluss ist die letzte formelle Voraussetzung für das Übernahmeangebot, das morgen nach deutschem Recht bei der BaFin eingereicht wird.

UniCredit hält bereits 29,99 Prozent der Commerzbank, knapp unterhalb der Schwelle von 30 Prozent, ab der automatisch ein Pflichtangebot ausgelöst werden würde. CEO Andrea Orcel hat diesen Anteil seit September 2024 gezielt aufgebaut. Zunächst still, mit weniger als 9 Prozent eingestiegen, dann Schritt für Schritt weiter erhöht und schließlich im März 2026 das Vorhaben öffentlich gemacht. Seitdem steht die Übernahme im Mittelpunkt der deutschen Finanzpolitik.

Die 470 Millionen neuen Aktien entsprechen ungefähr einem Viertel der bisherigen UniCredit-Aktien und sind ausschließlich für den Tausch mit Commerzbank-Aktionären gedacht. Ein Barverkauf dieser Aktien an andere Investoren ist ausgeschlossen. Das sichert UniCredit gegen eine Verwässerung des eigenen Aktienkurses ab, bedeutet aber auch, dass der gesamte Prozess ohne frisches Geld auskommt: Es ist ein reines Tauschgeschäft, das beide Institute enger aneinander kettet, ohne dass Kapital in eine bestimmte Richtung fließt.

Kein Gegenspieler: Berlins Suche scheitert

Die Bundesregierung, die nach der Commerzbank-Rettung 2008 noch rund 12 Prozent hält, lehnt die Übernahme ab. Bloomberg berichtete am 26. April, dass Berlin aktiv nach einem alternativen Großinvestor gesucht hat. Konkret angesprochen wurden ING aus den Niederlanden, die britische HSBC und die französische BNP Paribas. Alle drei sagten ab.

Das Ergebnis zeigt die Grenzen staatlicher Einflussnahme bei einer feindlichen Übernahme dieser Dimension. Die Bundesregierung kann ihre 12 Prozent behalten und das Angebot damit symbolisch ablehnen, scheitern lassen kann sie es damit allein nicht. Für eine Sperrminorität müsste der Bund deutlich über 25 Prozent kontrollieren. Diese Option stand nie ernsthaft zur Diskussion.

Warum die angesprochenen Banken absagten, ist nicht öffentlich bekannt. Naheliegend sind regulatorische Bedenken: Ein größerer Anteil an der Commerzbank wäre für jede der drei Banken eine Investition, die eigene Genehmigungspflichten und Kapitalanforderungen auslöst. Hinzu kommt das Risiko, in einen monatelangen Abwehrkrieg zwischen UniCredit und Commerzbank hineingezogen zu werden, ohne klares strategisches Interesse an einer deutschen Retailbank zu haben. Berlin musste erfahren, dass wirtschaftliche Logik und politischer Wille in diesem Fall auseinanderfielen.

Die BaFin hat regulatorisch eingegriffen, aber nur am Rand. Die Finanzaufsicht untersagte UniCredit im April, in Anzeigen oder Analysten-Gesprächen Spekulationen über die finanzielle Lage der Commerzbank zu verbreiten. UniCredit hatte auf LinkedIn-Kampagnen die Commerzbank als vernachlässigt, unsicher und kurzfristig orientiert bezeichnet. Die BaFin stufte das als reißerisch und sachlich unzutreffend ein und ordnete die Entfernung der Anzeigen an. Ein Übernahmeverbot ist das nicht.

Was das Angebot für Aktionäre bedeutet

Die vierwöchige Annahmefrist beginnt nach Veröffentlichung des Angebots morgen. In dieser Zeit können Commerzbank-Aktionäre entscheiden, ob sie ihre Anteile tendern wollen. Das Angebot enthält keine Mindestannahmeschwelle, was bedeutet, dass UniCredit das Angebot auch ohne eine Mehrheitsbeteiligung formal abschließen könnte.

Ein reines Aktientauschgeschäft ohne Barkomponente hat einen entscheidenden Nachteil für Aktionäre, die eine schnelle Entscheidung wollen: Der Wert des Angebots ist nicht fest. Er hängt davon ab, wie sich der UniCredit-Aktienkurs während der Annahmefrist entwickelt. Wer heute bei einem bestimmten Kurs zusagt, erhält nicht denselben Wert, wenn UniCredit-Aktien in drei Wochen stärker schwanken. Das macht die Abwägung komplizierter als bei einem Barangebot.

Commerzbank antwortet am 8. Mai

Vier Tage nach dem Übernahmeangebot veröffentlicht die Commerzbank ihre Ergebnisse für das erste Quartal 2026 und einen neuen Strategieplan bis 2030. Das ist die eigentliche Antwort: starke Quartalszahlen und ein überzeugender eigenständiger Wachstumspfad sollen Aktionäre davon überzeugen, das Angebot abzulehnen. Die Commerzbank-Führung hat die Übernahme als feindlich und das Angebot als nicht fair zurückgewiesen.

Für die rund 40.000 Beschäftigten und 11 Millionen Privat- und Geschäftskunden der Commerzbank steht mehr auf dem Spiel als ein Aktionärsentscheid. Bankenfusionen dieser Dimension führen in der Praxis regelmäßig zu Filialschließungen, Plattformkonsolidierungen und Personalabbau. Arbeitnehmervertreter im Commerzbank-Aufsichtsrat haben Bedenken angemeldet. UniCredit hat Synergiegewinne in Aussicht gestellt, konkrete Garantien zum Stellenerhalt gibt es nicht.

Der politisch größere Rahmen bleibt der Mittelstand. Die Commerzbank ist neben der Deutschen Bank das wichtigste privatwirtschaftliche Kreditinstitut für kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland. Wer diese Bank kontrolliert, kontrolliert einen erheblichen Teil der Kreditvergabe an den deutschen Kern der Wirtschaft. Dass eine ausländische Bank dabei das letzte Wort haben soll, ist für deutsche Finanzpolitiker keine abstrakte Sorge.

Quellen (8)