Verdi kämpft auf zwei Fronten: Telekom und Nahverkehr
Seit dem 28. April streiken mehr als 7.500 Telekombeschäftigte bundesweit für 6,6 Prozent mehr Lohn, die Deutsche Telekom AG hat auch in der zweiten Verhandlungsrunde kein Angebot vorgelegt. Gleichzeitig legt Verdi am heutigen Montag erneut den Nahverkehr in Sachsen-Anhalt lahm. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass die Gewerkschaft zwei so unterschiedliche Arbeitskämpfe gleichzeitig führt: Während bei der Telekom um Kaufkraft gestritten wird, geht es im öffentlichen Nahverkehr um etwas Grundsätzlicheres.
Telekom: Kein Angebot nach zwei Runden
Verdi fordert für rund 60.000 Tarifbeschäftigte der Deutschen Telekom eine Entgeltsteigerung von 6,6 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Hinzu kommt ein Mitgliederbonus von 660 Euro jährlich sowie 120 Euro mehr pro Monat für Auszubildende und dual Studierende. Die zweite Verhandlungsrunde fand am 27. April 2026 in Siegburg statt und endete ohne Ergebnis: Das Unternehmen legte erneut kein Angebot vor.
Verdi rief daraufhin sofort zu Warnstreiks auf. Seit dem 28. April beteiligten sich zunächst mehr als 3.000 Beschäftigte in Norddeutschland, Berlin und Brandenburg; am folgenden Tag weitete die Gewerkschaft den Arbeitskampf auf Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aus. Insgesamt haben bisher mehr als 7.500 Beschäftigte gestreikt. Der Arbeitskampf soll bis zur dritten Verhandlungsrunde am 11. und 12. Mai fortgeführt werden.
Nahverkehr: Schichtlängen, nicht nur Gehälter
Im kommunalen Nahverkehr läuft seit Jahresbeginn ein eigener Tarifkonflikt unter dem Namen TV-N 2026. Verdi verhandelt dabei in mehreren Bundesländern getrennt mit den jeweiligen kommunalen Arbeitgebern. In Sachsen-Anhalt konzentriert sich der Streit auf die Arbeitsbedingungen: Die Gewerkschaft fordert eine 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich sowie ein Wahlmodell aus Freizeitausgleich oder Auszahlung. Außerdem sollen Schichtzulagen an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes angeglichen und ununterbrochene Ruhezeiten auf mindestens zwölf Stunden festgelegt werden.
Der Hintergrund: Busfahrer und Straßenbahnführer arbeiten in Sachsen-Anhalt noch mit einer 38,5-Stunden-Woche und Diensten, die regulär bis zu 12,5 Stunden dauern. Verdi argumentiert, diese Belastung mache den Beruf für Nachwuchs unattraktiv und treibe erfahrene Beschäftigte in den Frühruhestand. Bereits am 2. Februar gab es bundesweite Warnstreiks, im März folgte in Sachsen-Anhalt ein 96-stündiger Streik, der den Nahverkehr nahezu vollständig lahmlegte. Seit dem 27. April streiken Beschäftigte erneut. Am heutigen 4. Mai ruft Verdi zu einem weiteren ganztägigen Ausstand auf.
Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt lehnen ab und prüfen Streckenkürzungen
Die Position der kommunalen Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt ist ungewöhnlich starr. Sie halten die Verdi-Forderungen für nicht finanzierbar und lehnen eine Arbeitszeitverkürzung grundsätzlich ab. Nach eigenen Angaben prüfen sie "Angebotsreduzierungen", also Streckenkürzungen oder Taktverdünnungen, wenn die Kosten steigen. Damit stellen sie öffentlich infrage, ob verbesserter Arbeitsschutz mit einem stabilen Betrieb vereinbar ist.
Ein Gegenstück liefert Bayern: Der Kommunale Arbeitgeberverband Bayern und Verdi einigten sich Mitte April 2026 nach fünf Verhandlungsrunden und zahlreichen Streiks auf einen Abschluss. Die Löhne steigen rückwirkend zum Jahresbeginn um 4,1 Prozent (mindestens 120 Euro), später kommen weitere Stufen dazu, sodass insgesamt knapp sieben Prozent über zwei Jahre erreicht werden. Ab 2029 sinkt die Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 37,5 Stunden, die Mindestruhezeit wird auf 10,5 Stunden festgelegt. Der Abschluss gilt für rund 10.000 Beschäftigte in mehr als 20 bayerischen Unternehmen und zeigt: Einigungen im Nahverkehr sind möglich, sie brauchen aber Zeit und Druck.
Warum beide Konflikte gleichzeitig eskalieren
Zwei Tarifverträge liefen 2026 aus, beide Arbeitgeberseiten machten in zweiten Verhandlungsrunden keine tragfähigen Angebote, beide Konflikte sollen bis Mitte Mai entschieden werden. Für Pendler in Sachsen-Anhalt bedeutet das: Seit Februar ist der öffentliche Nahverkehr dauerhaft unzuverlässig. Wer auf Busse und Bahnen angewiesen ist, muss regelmäßig mit Streiktagen rechnen und findet kaum Alternativen. Bei der Telekom sind Ausfälle für Endkunden bisher ausgeblieben, die Warnstreiks treffen aber Netzbetrieb, Entstörung und Kundendienst.
Strukturell unterscheiden sich beide Konflikte erheblich. Bei der Telekom ist es ein klassischer Lohnstreit mit einem börsennotierten Großkonzern, der eine Forderung von 6,6 Prozent kommentarlos stehen lässt. Im Nahverkehr ist die Debatte tiefer: Kommunale Arbeitgeber, finanziert aus Steuergeldern und Ticketpreisen, verweisen auf fehlende Mittel. Ob diese Argumentation trägt, ist umstritten. Der bayerische Abschluss zeigt, dass Bewegung möglich ist, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist.
Beide dritte Runden am 11. und 12. Mai
Für die Telekom ist die dritte Verhandlungsrunde auf den 11. und 12. Mai 2026 angesetzt. Verdi hat angekündigt, die Warnstreiks in der Zwischenzeit auszuweiten; weitere Bundesländer sollen einbezogen werden. Wenn auch in der dritten Runde kein Angebot kommt, wird die Gewerkschaft über härtere Maßnahmen entscheiden.
Im Nahverkehr Sachsen-Anhalt soll am 12. Mai verhandelt werden. Die Arbeitgeberseite hat eine vorbereitende Vorrunde bereits abgelehnt. Bis dahin werden Busse und Straßenbahnen in Sachsen-Anhalt an weiteren Tagen stillstehen.