
Ukraine zerstört 13 Wildberries-Lager in Russland
Quellen (16)
- t-online (Hintergründe)t-online.de
- Tagesanzeigertagesanzeiger.ch
- PBS NewsHourpbs.org
- Moscow Times (Penza/Udmurtia)themoscowtimes.com
- Moscow Times (Volgograd)themoscowtimes.com
- RFE/RLrferl.org
- Kyiv Independentkyivindependent.com
- Foreign Policyforeignpolicy.com
- Handelsblatt (Selenskyj Warnung)handelsblatt.com
- bpb Ukraine-Analysenbpb.de
- Moscow Times (August 4)themoscowtimes.com
- ABC Newsabcnews.com
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- Kyiv Independent (Jekaterinburg)kyivindependent.com
- Meduza (Jekaterinburg Aug 7)meduza.io
- Moscow Times (Jekaterinburg)themoscowtimes.com
Ein Paket das nicht ankommt, das ist für russische Verbraucher derzeit oft Alltag. Dreizehn Wildberries-Lagerhallen haben ukrainische Drohnen seit dem 18. Juli zerstört oder schwer beschädigt, rund zehn Prozent der gesamten Lagerfläche des Unternehmens. Hinter der Kampagne steckt eine Strategie, die den Krieg auf eine neue Ebene bringt: vom Schlachtfeld in den Onlinewarenkorb russischer Verbraucher.
18. Juli: Erster Angriff auf Russlands größten Onlinehändler
Wildberries ist für den russischen Onlinehandel, was Amazon für den deutschen ist: Das 2004 gegründete Unternehmen hält knapp 50 Prozent Marktanteil am Onlinehandel und macht rund zehn Prozent des gesamten russischen Einzelhandelsumsatzes aus. Millionen Kleinhändler vertreiben ihre Waren ausschließlich über die Plattform. Seit dem 18. Juli greift die Ukraine diese Infrastruktur gezielt an. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte die Kampagne persönlich: Wildberries lagere in seinen Verteilzentren Drohnenkomponenten, Navigationsausrüstung und militärisches Material für russische Verbände.
Chronologie: Lagerhallen in sechs Regionen
Was als singulärer Angriff begann, entwickelte sich zur systematischen Kampagne. Am 30. Juli traf eine ukrainische Drohne im Penzaer Gebiet ein 90.000 Quadratmeter großes Regionalverteilzentrum: Ein Mitarbeiter wurde verletzt, rund 200 Beschäftigte waren zuvor evakuiert worden. In Sarapul, Republik Udmurtia, brannte gleichentags ein 50.000 Quadratmeter großes Lager nieder, nachdem Personal rechtzeitig gewarnt worden war. Am 31. Juli folgte ein Angriff auf eine Wildberries-Logistikanlage und ein Energieobjekt im Wolgagebiet, bei dem nach russischen Angaben mindestens ein Mensch getötet wurde. Insgesamt kamen seit dem 18. Juli nach Berichten von Radio Free Europe/Radio Liberty mindestens acht Menschen ums Leben.
Ukraines Begründung: Militärdrehscheibe oder Zivilhandel?
Dass Wildberries Militärgüter anbietet, ist unbestritten: Auf der Plattform werden offen Schutzwesten, Tarnkleidung und Glasfaserkabel für Drohnen verkauft. Russische Militäreinheiten und einzelne Soldaten kaufen dort direkt ein, da die reguläre Versorgung unzuverlässig ist. Selenskyj argumentiert, die Lagerhallen dienten als Umschlagspunkt für Rüstungsgüter.
Ob in den konkret angegriffenen Hallen tatsächlich Militärmaterial gelagert wurde, konnte bisher nicht unabhängig verifiziert werden. Die BBC berichtete, es gebe dafür keinen Beleg. Der Kreml bestreitet, dass Wildberries militärische Funktionen erfüllt. Unternehmensgründerin Tatjana Kim bezeichnete die Angriffe als Attacken auf "ganz normale Menschen, die ihren Job machen".
Das Kalkül: Wirtschaftskrieg als zweite Front
Die Wildberries-Kampagne ist Teil einer breiteren Strategie, die 2026 an Systematik gewonnen hat. Im März zerstörten ukrainische Drohnen nach Berichten der Kyiv Post rund 40 Prozent der russischen Ölexportkapazität durch Angriffe auf Terminals und Pipelineknotenpunkte. Dieser Schaden traf unmittelbar Russlands Staatseinnahmen.
Wildberries trifft eine andere Schicht: nicht Staatseinnahmen, sondern den Konsumstrom der russischen Bevölkerung. Schätzungen zufolge könnte der Gesamtschaden durch zerstörte Lagerfläche und Lieferkettenstörungen mehrere Milliarden Euro betragen. Zehntausende Kleinhändler, die Wildberries als einzige Vertriebsplattform nutzen, sind direkt betroffen.
Das strategische Kalkül der Ukraine: Wer in Russland ein Paket bestellt und es nicht bekommt, erlebt den Krieg zu Hause. In einem Land mit kontrollierten Staatsmedien und begrenzter Pressefreiheit sind solche Alltagsfolgen einer der wenigen Wege, das gesellschaftliche Bewusstsein für den Krieg zu schärfen. Ob das tatsächlich innenpolitischen Druck erzeugt, lässt sich kaum messen. Meinungsumfragen in Russland sind methodisch unzuverlässig.
Warum die Frontlinien diese Strategie erzwingen
Die Wildberries-Angriffe sind auch eine Reaktion auf militärische Stagnation. Die Frontlinien im Donbas haben sich seit Ende 2025 kaum bewegt, Russlands Bodenoffensive kommt nicht voran. Selenskyj warnte in der vergangenen Woche vor neuen russischen Luftangriffen auf die Ukraine, Russland fährt weiter kombinierte Drohnen- und Raketenkampagnen gegen ukrainische Städte. Für die Ukraine gilt: Ohne Bodentruppen für eine großflächige Gegenoffensive bleibt Drohnenpräzision auf russischem Territorium das wirksamste verfügbare Instrument.
Wie Russland reagieren könnte
Bislang hat Russland seine Luftabwehr primär auf militärische und staatliche Ziele ausgerichtet. Die systematischen Angriffe auf Wildberries-Lagerhallen werfen die Frage auf, ob und wann Russland seine Flugabwehrsysteme auch zum Schutz wirtschaftlicher Infrastruktur repositioniert. Das wäre ressourcenintensiv und würde die Abdeckung anderer Ziele reduzieren. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) analysierte im Frühjahr 2026, dass der Wirtschaftskrieg in diesem Konflikt strukturell an Bedeutung gewinnen werde, genau das zeigt die Wildberries-Kampagne.
Aktualisierungen
Update 4. August, 22:00 Uhr: Ukrainische Drohnen griffen in der Nacht auf Dienstag erneut Wildberries-Lagerhallen an, diesmal im Twerer Gebiet nordwestlich von Moskau und in der Leningrader Region nahe St. Petersburg. Russische Behörden meldeten für die Angriffe auf die Moskauer Region fünf Tote und zehn Verletzte. Der Gesamtschaden der Kampagne wächst weiter: Bis zum 2. August hatten ukrainische Drohnenangriffe nach Angaben von Moscow Times bereits 16 der größten Wildberries-Logistikzentren außer Betrieb gesetzt. Schätzungen beziffern den Gesamtschaden für Marktplatzhändler auf rund 3,5 Milliarden Dollar.
Update 7. August, 09:00 Uhr: Ukrainische Liutyi-Langstreckendrohnen trafen in der Nacht zum Donnerstag ein Wildberries-Logistikzentrum in Jekaterinburg in der Region Swerdlowsk. Das ist der bisher weiteste Angriff der Kampagne: Jekaterinburg liegt rund 1.700 Kilometer von der Frontlinie entfernt und mehr als 2.000 Kilometer von der ukrainischen Grenze. Drei Drohnen schlugen nach Angaben des amtierenden Regionalgouverneurs Denis Pasler auf das Dach des Gebäudes ein, ein Feuer brach aus. 800 Beschäftigte wurden vorsorglich evakuiert, Verletzte gab es nicht. Wildberries stoppte vorübergehend den Wareneingang und leitete Lieferungen auf andere Standorte um. Der Angriff zeigt: Die Kampagne hat sich von den Ballungsräumen westlich Moskaus auf den Ural ausgedehnt. Die Liutyi-Drohnen, die Ukraine gezielt für Tiefschläge ins russische Hinterland entwickelt hat, haben in den vergangenen Wochen auch Raffinerien in Jaroslawl und Ufa getroffen.
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