Deutschlands erster F-35: Atomwaffen, aber US-abhängig
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Deutschlands erster F-35: Atomwaffen, aber US-abhängig

Verteidigungsminister Pistorius hat in Texas den ersten F-35 für die Bundeswehr übernommen. Der Jet ersetzt ab 2027 den Tornado für Deutschlands nukleare NATO-Teilhabe, macht Deutschland aber dauerhaft von amerikanischer Technologie abhängig.

Quellen (9)
  1. BMVG – Übergabezeremonie erster F-35bmvg.de
  2. Bundeswehr – F-35A Mehrzweckkampfflugzeugbundeswehr.de
  3. Bundeswehr – F-35 folgt Tornadobundeswehr.de
  4. Defence Network – Nukleare Teilhabe ab 2027defence-network.com
  5. ms-aktuell – F-35 Erstflug September 2026ms-aktuell.de
  6. Welt – Deutschland zementiert US-Abhängigkeitwelt.de
  7. SWP Berlin – Analyse Beschaffungsentscheidung F-35swp-berlin.org
  8. Handelsblatt – Pistorius nimmt ersten F-35 entgegenhandelsblatt.com
  9. BMVG – Tornado-Nachfolger Beschaffungbmvg.de
19. September 2026, 4:09 Uhr810 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Deutschland hat seinen ersten Tarnkappenjäger des Typs F-35A erhalten. Verteidigungsminister Boris Pistorius übernahm die Maschine am 18. September 2026 in Fort Worth, Texas, aus den Händen des Herstellers Lockheed Martin. Der Jet trägt die Kennnummer 35+01 und soll ab 2027 in Büchel in der Eifel stationiert werden, um dort die militärisch sensibelste Aufgabe der deutschen Luftwaffe zu übernehmen: die nukleare Teilhabe Deutschlands in der NATO. Was Pistorius als Beginn einer neuen Ära bezeichnete, ist beides zugleich: ein technologischer Sprung und eine Festschreibung der Abhängigkeit von Washington.

Von der Krisenentscheidung zur Übergabe

Die Beschaffungsentscheidung fiel im März 2022, wenige Wochen nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Bundeskanzler Olaf Scholz nannte den F-35A im Rahmen des Sondervermögens Bundeswehr als Tornado-Nachfolger. 35 Maschinen wurden bestellt. Die Entscheidung war schnell, weil Zeitdruck bestand: Der Tornado nähert sich dem Ende seiner Betriebszeit und ohne zertifizierten Nachfolger für die nukleare Teilhabe hätte Deutschland aus dieser NATO-Aufgabe ausscheiden müssen.

Der erste Testflug der Maschine fand am 8. September 2026 in Fort Worth statt. Zehn Tage später folgte die offizielle Übergabe. Die Bundeswehr wird die Maschine vorerst in den USA behalten, wo die ersten deutschen Piloten ausgebildet werden. Die Infrastruktur in Büchel, in die rund zwei Milliarden Euro investiert werden, soll 2027 betriebsbereit sein. Die volle Einsatzbereitschaft aller 35 Maschinen ist für 2029 geplant.

Pistorius bezeichnete den Jet als „Sensor und Schaltzentrale im Luftkrieg von morgen" und nannte den Moment „mehr als die Übergabe eines innovativen Flugzeugs". Er hob die Beteiligung von Rheinmetall am Programm hervor: Das bringe „Know-how und industrielle Wertschöpfung nach Deutschland" zurück.

Was nukleare Teilhabe konkret bedeutet

Im Atomwaffenlager auf dem Luftwaffenstützpunkt Büchel lagern unter amerikanischer Aufsicht US-amerikanische Nuklearbomben des Typs B61. Im Rahmen der NATO-Nuklearteilhabe können deutsche Piloten diese Waffen im Ernstfall nach Freigabe durch den US-Präsidenten und Beschluss des NATO-Rats einsetzen. Die Fähigkeit, diese Waffen zu tragen und präzise abzuwerfen, obliegt der deutschen Luftwaffe. Heute erfüllt das der veraltete Tornado.

Ab 2027 soll der F-35A für die nukleare Teilhabe zertifiziert sein und die Tornado-Rolle übernehmen. Der Tornado fliegt dann noch bis 2030, um einen geordneten Übergang zu gewährleisten. Für Deutschland endet damit eine rund 60-jährige Geschichte der Tornado-Nutzung für diese Aufgabe.

Das Abhängigkeitsproblem ist nicht gelöst

Was die Beschaffung des F-35 von vergangenen Waffenkäufen unterscheidet, ist die operative Abhängigkeit, die er erzeugt. Die Hardware gehört Deutschland. Die Software, die kryptografischen Missionsdatenpakete für den Waffeneinsatz und die laufenden Updates dagegen nicht. Wer diese Daten nicht kontrolliert, kontrolliert auf Dauer nicht vollständig die Einsatzfähigkeit seines Flugzeugs. Das gilt für den Standardbetrieb und erst recht für ein System, das Nuklearwaffen tragen soll.

Analysten der Stiftung Wissenschaft und Politik haben diese Abhängigkeit schon bei der Beschaffungsentscheidung 2022 thematisiert: Deutschland übertrage strategische Handlungsfreiheit an einen Partner, der Bündnisverpflichtungen zuletzt wiederholt infrage gestellt hat. Was heute problemlos funktioniert, kann morgen Gegenstand politischer Verhandlungen werden.

Die Abhängigkeit ist strukturell: Wer die Systemsoftware nicht kontrolliert, kontrolliert auf Dauer nicht vollständig die Einsatzfähigkeit der eigenen Luftwaffe. Dieser Satz, den Verteidigungsexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik im Zusammenhang mit dem FCAS-Scheitern formulierte, gilt für den F-35 erst recht.

Das europäische Gegengewicht, das FCAS-Kampfjetprogramm mit Frankreich, scheiterte im Juni 2026 nach neun Jahren und rund drei Milliarden Euro Entwicklungsarbeit. Damit fehlt Deutschland eine eigenständige Alternative. Pistorius nannte bis Ende 2026 drei Optionen für eine langfristige Lösung: mehr F-35, Beitritt zum GCAP-Programm Großbritanniens, Japans und Italiens oder das neue Industriekonsortium Team Gen 6.

2027 in Büchel: Dann entscheidet sich die Praxis

Die Maschine, die Pistorius in Texas entgegennahm, bleibt vorerst in den USA, wo Piloten ausgebildet und Techniker geschult werden. In Büchel laufen die Bauarbeiten. 2027 sollen die ersten Maschinen eintreffen und dort die erste einsatzbereite Staffel bilden.

Pistorius' „neue Ära" ist kein leeres Versprechen: Der F-35 ist dem Tornado in nahezu jeder militärischen Kategorie überlegen. Tarnkappentechnik, Sensor-Fusion, Vernetzungsfähigkeit. Ob das neue Zeitalter für Deutschland auch ein souveräneres wird, hängt davon ab, wer in Washington regiert, ob die Entscheidung für GCAP oder für Team Gen 6 gelingt und ob Europa irgendwann eigene Systemsoftware entwickeln kann. Vorerst ist das eine Frage für die nächste Regierung.

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