Israel-Libanon: Trumps Waffenruhe auf wackeligem Boden
US-Präsident Donald Trump verkündete am Donnerstag eine zehntägige Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon, die um 23 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit beginnen sollte. Das Ungewöhnliche: Israels Sicherheitskabinett hatte sich gerade zu einer Dringlichkeitssitzung per Telefonkonferenz zusammengeschaltet, um über die Waffenruhe zu beraten und abzustimmen, als Trumps Post öffentlich wurde. Die Minister erfuhren von der angeblichen Einigung, während die interne Diskussion noch lief. Ein ranghoher israelischer Beamter räumte ein, Trump habe den Schritt faktisch durchgedrückt.
Sieben Wochen Krieg, ein Moment Diplomatie
Der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah begann am 2. März 2026 mit schweren Raketenangriffen auf Nordisrael. Seitdem kontrolliert Israel weite Teile des südlichen Libanon bis zum Litani-Fluss. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums kamen seit Kriegsbeginn 2.167 Menschen bei israelischen Angriffen ums Leben, darunter 172 Kinder und 91 Angehörige des Gesundheitswesens.
Am 15. April saßen erstmals seit mehr als 30 Jahren israelische und libanesische Botschafter im selben Raum. US-Außenminister Marco Rubio moderierte das Gespräch im State Department zwischen Israels Botschafter Yechiel Leiter und der libanesischen Botschafterin Nada Hamadeh Moawad. Beide Seiten einigten sich, weitere Gespräche aufzunehmen, ohne Datum oder Ort festzulegen. Eine Waffenruhe lehnten israelische Unterhändler in dieser Sitzung noch ausdrücklich ab.
Unvereinbare Ausgangspositionen
Israel besteht auf der Entwaffnung der Hisbollah als Vorbedingung für jede politische Einigung. Premierminister Benjamin Netanyahu formulierte die israelische Linie öffentlich: Entwaffnung der Hisbollah sei eine Voraussetzung für jedwede Waffenruheeinigung mit dem Libanon. Er sehe die Gespräche als Beginn formaler Friedensverhandlungen, nicht als Plattform für einen vorläufigen Waffenstillstand.
Die libanesische Regierung unter Präsident Joseph Aoun fordert den vollständigen Rückzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon, bevor politische Gespräche überhaupt beginnen könnten. Aoun hatte öffentlich darauf bestanden, Verhandlungen unter Feuer seien nicht möglich. Beide Delegationen hatten in Washington unter grundverschiedenen Mandaten verhandelt.
Die Hisbollah, tatsächliche Militärmacht im Süden des Libanon, war weder in die Washingtoner Gespräche eingeladen noch konsultiert worden. Generalsekretär Naim Kassem bezeichnete die Gespräche als Manöver, um die bewaffnete Gruppe unter Druck zu setzen und lehnte Entwaffnung kategorisch ab. Er nannte die Beteiligung der libanesischen Regierung eine kostenlose Konzession an Israel und die USA.
Trumps Durchgreifen
Trump erklärte, er habe sowohl mit Aoun als auch mit Netanyahu ausgezeichnete Gespräche geführt und beide hätten der Waffenruhe zugestimmt. Er nannte als Startzeit 17 Uhr Ostküstenzeit desselben Tages. Zusätzlich lud er beide Staatschefs zu direkten Gesprächen ins Weiße Haus ein, für die ersten bedeutsamen Gespräche zwischen Israel und dem Libanon seit 1983. US-Vizepräsident JD Vance und Außenminister Rubio wurden mit der Vermittlung eines dauerhaften Abkommens beauftragt.
Einbettung in die größere Krise
Die Ankündigung fällt in einen geostrategisch heiklen Moment. Die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran läuft am 21. April aus, mitten in diese Feuerpause zwischen Israel und dem Libanon. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte gewarnt, Israels anhaltende Libanon-Kampagne könnte die Verhandlungen über Irans Atomprogramm und die Öffnung der Straße von Hormus gefährden. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die EU hatten Anfang April in einer gemeinsamen Erklärung ein Ende der Angriffe auf Zivilgebiete gefordert.
Für die Bevölkerung im Südlibanon ist eine Feuerpause zunächst einmal konkrete Erleichterung. In Bint Jbeil, einer Grenzstadt mit einst 30.000 Einwohnern, leben laut UN-Berichten inzwischen nur noch wenige tausend Menschen. Israel hatte nach eigenen Angaben seit Beginn der Washingtoner Gespräche bereits mehr als 200 Ziele im Südlibanon angegriffen.
Zehn Tage bis zur nächsten Entscheidung
Die Waffenruhe soll zehn Tage dauern, bis zum 26. April. Ob sie anhält, hängt wesentlich von einer Partei ab, die nicht am Tisch saß: der Hisbollah. Die Organisation hat der Feuerpause nicht zugestimmt und lehnte die Washingtoner Gespräche ab. Ohne Hisbollahs Kooperation ist im Südlibanon kaum ein Waffenstillstand durchzusetzen, den Israel kontrolliert, aber nicht vollständig beherrscht.
Gelingt die Feuerpause, sollen danach Direktverhandlungen zwischen den Regierungschefs folgen. Die fundamentalen Widersprüche bleiben bestehen: Entwaffnung der Hisbollah als israelische Vorbedingung, Truppenabzug als libanesische Anforderung. Für eine dauerhafte Einigung braucht es weit mehr als zehn Tage.
Aktualisierungen
Update 16. April, 20:44 Uhr: Das libanesische Präsidialbüro dementierte öffentlich ein geplantes Telefonat zwischen Aoun und Netanyahu. Die israelische Ministerin Gila Gamliel hatte dem israelischen Armeesender zuvor mitgeteilt, das Gespräch stehe unmittelbar bevor. Aus libanesischen Regierungskreisen hieß es dagegen, man habe von dem Plan erst aus Medienberichten erfahren. Aoun sagte US-Außenminister Rubio in einem Telefonat, ein direkter Kontakt mit Netanyahu wäre zu früh. Trumps Behauptung, er habe mit beiden Staatschefs ausgezeichnete Gespräche geführt, verschleiert damit einen zentralen Widerspruch: Aoun und Netanyahu kommunizierten zu keinem Zeitpunkt direkt. Die Waffenruhe beruht nicht auf einem bilateralen Einverständnis, sondern auf separaten Zusagen beider Seiten an Washington.