Durchbruch bei Bauchspeicheldrüsenkrebs: Pille verdoppelt Überlebensdauer
Wer die Diagnose metastasierter Bauchspeicheldrüsenkrebs erhält, lebte bisher statistisch noch sechs bis sieben Monate. Eine neue Phase-3-Studie zeigt nun: Das Medikament Daraxonrasib verdoppelt diese Überlebensdauer auf 13,2 Monate und senkt das Sterberisiko um 60 Prozent gegenüber der bisherigen Standardchemotherapie. Für eine der tödlichsten Krebsarten der Welt ist das ein historischer Wendepunkt.
Warum Bauchspeicheldrüsenkrebs so schwer behandelbar ist
In Deutschland erkranken jährlich rund 20.000 Menschen an Bauchspeicheldrüsenkrebs, fast 18.000 sterben daran. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei unter 12 Prozent, damit ist diese Krebsart tödlicher als Lungen- oder Darmkrebs. Der Hauptgrund: Der Tumor sitzt tief im Bauch, verursacht lange keine Symptome und wird meist erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt, wenn eine Operation nicht mehr möglich ist.
Der entscheidende biologische Hintergrund: In mehr als 90 Prozent aller Pankreaskarzinome liegen Mutationen im RAS-Onkogen vor. Mutierte RAS-Proteine treiben unkontrolliertes Tumorwachstum an. Jahrzehntelang galten RAS-Mutationen als pharmakologisch nicht angreifbar. Die ersten zugelassenen RAS-Inhibitoren wie Sotorasib und Adagrasib wirken jeweils nur gegen eine spezifische Mutation, vor allem bei Lungenkrebs. Für Pankreaskrebs gab es bisher keinen Durchbruch dieser Art.
Die Studie und ihre Ergebnisse
Das amerikanische Unternehmen Revolution Medicines hat mit Daraxonrasib einen sogenannten Pan-RAS-Inhibitor entwickelt, der ein breites Spektrum von RAS-Mutationsvarianten hemmt. Das Besondere: Das Medikament wird als Tablette einmal täglich eingenommen, nicht als intravenöse Infusion.
Die Phase-3-Studie RASolute 302 schloss Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom ein, die bereits eine Erstlinientherapie erhalten hatten. Das zentrale Ergebnis: Im Vergleich zur Standardchemotherapie lebten die Patienten in der Daraxonrasib-Gruppe im Median 13,2 Monate statt 6,7 Monate. Der Hazard Ratio von 0,40 bedeutet, dass das Sterberisiko zu jedem Zeitpunkt um 60 Prozent niedriger war als in der Vergleichsgruppe. Alle primären und sekundären Studienendpunkte wurden erreicht, mit einem p-Wert unter 0,0001.
Besonders überraschend: Die Verbesserung galt nicht nur für Patienten mit RAS-G12-Mutationen, sondern für alle Studienteilnehmer, einschließlich jener ohne nachgewiesene RAS-Mutation. Das deutet darauf hin, dass Daraxonrasib breiter wirkt als ursprünglich erwartet. Das Nebenwirkungsprofil war nach Unternehmensangaben handhabbar, ohne neue unerwartete Risiken.
Was dieser Befund bedeutet
Die Pancreatic Cancer Action Network, eine der größten amerikanischen Patientenorganisationen, nannte die Studienergebnisse historisch. Der frühere US-Senator Ben Sasse, der selbst an einem Pankreastumor erkrankte, war Studienteilnehmer und trat öffentlich als Gesicht der Studie auf.
Zum Einordnen: Die meisten onkologischen Fortschritte bei Pankreaskrebs der letzten Jahrzehnte verlängerten die Überlebensdauer nur um wenige Wochen. Eine Verdopplung der medianen Überlebensdauer ist pharmakologisch außergewöhnlich. Zum Vergleich: Pembrolizumab, das als Meilenstein in der Lungenkrebstherapie gilt, verlängerte das mediane Überleben gegenüber Chemotherapie in der Erstlinie um etwa vier Monate. Daraxonrasib erreicht in der Zweitlinie mehr als das Doppelte.
Für die rund 20.000 Deutschen, die jährlich neu erkranken, käme eine Zulassung einer erheblichen Verbesserung der Prognose gleich. Allerdings gilt das Medikament zunächst nur für die Therapie nach Versagen einer Erstlinienbehandlung. Wie es in der Erstlinie oder in Kombination wirkt, prüfen weitere laufende Studien.
Ausblick
Revolution Medicines hat angekündigt, bei der US-amerikanischen FDA einen Antrag auf beschleunigte Zulassung einzureichen. Die vollständigen Studiendaten werden auf dem ASCO-Kongress im Juni 2026 vorgestellt. Ein europäischer Zulassungsantrag bei der EMA ist für den Sommer geplant. In Deutschland dauert es nach EMA-Zulassung typischerweise noch sechs bis zwölf Monate bis zur Erstattungsentscheidung. Für deutsche Patienten ist eine Verfügbarkeit frühestens 2027 realistisch.