Telekoms Festnetzabschied: Was 1,3 Millionen riskieren
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Telekoms Festnetzabschied: Was 1,3 Millionen riskieren

Ältere Menschen, Bewohner ländlicher Gebiete und Nutzer von Hausnotruf-Systemen gehören zu den 1,3 Millionen, deren Telefonanschluss die Telekom ab August 2026 auf LTE umstellt. Das Nachfolgesystem braucht Strom aus der Steckdose. Bei Stromausfall ist kein Notruf mehr möglich.

Quellen (7)
  1. heise online: Telekom ersetzt Festnetz durch LTEheise.de
  2. Golem: Telekom ersetzt analoge Festnetznutzung durch LTEgolem.de
  3. ComputerBase: Telekom ersetzt Festnetzleitung durch LTEcomputerbase.de
  4. teltarif.de: Neue Telefon-Box für 1,3 Millionen Festnetz-Kundenteltarif.de
  5. teltarif.de: Teurer Komfort für Festnetz-Kunden (Kritik)teltarif.de
  6. winfuture.de: Telekom stellt Technik um, 1,3 Millionen Alt-Anschlüssewinfuture.de
  7. inside-digital.de: Telekom-Umstellung, 1,3 Millionen Haushalte betroffeninside-digital.de
15. August 2026, 0:42 Uhr788 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Jahrzehntelang lief das Telefon auch dann, wenn der Strom ausgefallen war. Die Kupferleitung, die in der Wand steckte, versorgte das Gerät selbst mit Energie. Das war kein Luxus, sondern Sicherheitsprinzip: Im Notfall war die Leitung da. Damit ist bald Schluss. Die Telekom beginnt seit August 2026, die letzten 1,3 Millionen reinen Telefonanschlüsse auf LTE-Mobilfunk umzustellen. Das neue System funktioniert nur mit Strom aus der Steckdose. Und es hat Lücken, die betroffenen Kunden selbst füllen müssen.

Wer betroffen ist und warum jetzt

Die 1,3 Millionen betroffenen Anschlüsse sind sogenannte MSAN-POTS-Anschlüsse. POTS steht für Plain Old Telephone Service, das analoge Kupfertelefonetz in seiner ursprünglichen Form. Diese Anschlüsse sind das letzte Segment des klassischen Festnetzes: Haushalte, die nur telefonieren wollten und nie einen Internetanschluss benötigt haben. Statistisch sind das überdurchschnittlich oft ältere Haushalte und Einzelpersonen in ländlichen Gebieten.

Für die Telekom ist die Umstellung wirtschaftlich geboten. Das Kupfernetz aus den 1970er bis 1990er Jahren ist teuer in der Wartung und die Zahl der reinen Telefon-Kunden ist so klein geworden, dass der Betrieb eigener Leitungsinfrastruktur dafür nicht mehr rentabel ist. Wo das Unternehmen Glasfaseranschlüsse verlegt oder DSL anbietet, ersetzen diese Verbindungen ohnehin schon das Kupfertelefon. Was bleibt, sind jene Haushalte, die weder Glasfaser noch DSL wollen oder bekommen können.

Was die neue Telefon-Box kann und nicht kann

Die neue Technik heißt intern "Call Connect via Funk" und steckt in einem Gerät, das Telekom als Telefon-Box vermarktet. Das Gerät wird in eine gewöhnliche Steckdose gesteckt. Ein vorhandenes Telefongerät wird per TAE-Buchse angeschlossen. Die bestehende Rufnummer bleibt erhalten. Die Verbindung läuft über das LTE-Mobilfunknetz, also dieselbe Technik, die Smartphones für Datenkommunikation nutzen.

Was die Box nicht kann: ohne Strom funktionieren. Das klassische Kupfernetz bezog seinen Betriebsstrom aus der Telefonzentrale, nicht aus der Haussteckdose. Fiel der Strom aus, blieb das Telefon trotzdem erreichbar. Mit der neuen Box ist das nicht mehr möglich. Fällt der Strom aus, fällt auch das Telefon aus, inklusive der Möglichkeit, den Notruf 112 anzurufen.

Das ist kein Randszenario. Laut Bundesnetzagentur gibt es in Deutschland jährlich mehrere Tausend Stromausfälle, die länger als drei Minuten dauern. In ländlichen Gebieten, wo viele der betroffenen POTS-Anschlüsse liegen, können Ausfälle nach Unwettern oder Leitungsschäden stundenlang dauern. Genau dort leben auch überproportional viele ältere Menschen, die auf das Telefon im Notfall angewiesen sind.

Hausnotruf und Alarmanlage: Was Nutzer selbst klären müssen

Ein weiteres Problem betrifft Geräte, die bisher die Telefonleitung für automatische Verbindungen nutzten. Hausnotruf-Systeme, die beim Sturz eines älteren Menschen automatisch einen Notruf absenden, können über die neue LTE-Box möglicherweise nicht mehr zuverlässig funktionieren. Dasselbe gilt für analoge Alarmanlagen und ältere Geräte, die über Modem-Verbindungen kommunizieren.

Die Telekom empfiehlt Betroffenen, dies direkt mit den Anbietern ihrer Zusatzdienste abzuklären. Das klingt nach einer einfachen Lösung, ist es aber nicht: Wer einen Hausnotruf-Vertrag hat, ist oft nicht in der Lage, die technische Kompatibilitätsfrage selbst zu beurteilen. Und Hausnotruf-Anbieter wiederum müssen ihre Systeme möglicherweise aktualisieren, was Zeit und Kosten verursacht.

Das Nachrichtenportal Teltarif.de beschreibt das als strukturelles Versäumnis der Umstellung: Telekom transferiere die Verantwortung für technische Kompatibilitätsprüfungen auf Kunden, die dafür keine Fachkenntnisse haben. Anbieterneutrale Beratung gibt es nicht.

Kosten und Tarife: Ein Vergleich

Die Telefon-Box kann gemietet oder gekauft werden. Miete: 3,95 Euro monatlich. Kauf: 99,99 Euro einmalig. Dazu kommen monatliche Grundtarife. "Call Basic via Funk" kostet 22,95 Euro monatlich mit 12 Monaten Mindestlaufzeit und enthält 120 Freiminuten ins deutsche Festnetz. "Call Start via Funk" ist mit 23,95 Euro etwas teurer, dafür ohne Mindestlaufzeit. Freie Minuten gibt es dabei nicht: Alle Gespräche werden einzeln mit 2,9 Cent pro Minute abgerechnet. Wer eine Flatrate ins deutsche Festnetz will, zahlt für "Call Comfort via Funk" 32,45 Euro monatlich.

Zum Vergleich: Viele POTS-Kunden zahlten bisher für ihre analoge Leitung deutlich weniger. Teltarif.de nennt die neuen Tarife "teuren Komfort" für Bestandskunden, die bisher günstigere Basistelefonierung hatten. Eine Quersubventionierung über die Netzinfrastruktur, die bei POTS-Anschlüssen möglich war, entfällt beim mobilfunkbasierten Angebot.

Die Telekom bietet Kunden alternativ den Umstieg auf DSL oder Glasfaser an, wo diese Infrastrukturen vorhanden sind. Auf dem Land, wo viele der betroffenen Anschlüsse liegen, fehlt beides häufig. Dort ist die neue LTE-Box die einzige Option, solange die LTE-Abdeckung funktioniert. In Gebieten mit schlechter Mobilfunkversorgung, ebenfalls überdurchschnittlich häufig auf dem Land, kann selbst das nicht garantiert werden.

Keine Notstrompflicht: Was 1,3 Millionen selbst tun müssen

Die Telekom hat bislang keinen harten Abschaltzeitpunkt für alle POTS-Anschlüsse kommuniziert. Die Umstellung beginnt im August 2026 und soll schrittweise erfolgen. Betroffene Kunden werden laut Telekom individuell informiert und haben dann Zeit, eine der Alternativen zu wählen. Die Bundesnetzagentur überwacht die Umstellung und hat angekündigt, die Versorgungssicherheit, also die Verfügbarkeit von Notrufen, besonders im Blick zu behalten.

Eine Pflicht zur Bereitstellung eines Notfallstroms, etwa einer eingebauten Akkulösung für die Telefon-Box, besteht nach aktuellem Stand nicht. Die Bundesnetzagentur könnte das theoretisch verlangen, hat aber bisher davon abgesehen. Für die 1,3 Millionen Betroffenen bleibt bis auf Weiteres: Wer einen Notruf absichern will, muss selbst vorsorgen.

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