
Streit um Indiens genomeditierte Reissorten
Quellen (6)
- Union Agriculture Minister Shri Shivraj Singh Chouhan Announces Two Genome-Edited Rice Varieties Developed in India | ICARicar.org.in
- Standard Operating Procedures for Regulatory Review of Genome Edited Plants under SDN-1 and SDN-2iari.res.in
- ICAR Launched India’s First-Ever Genome-Edited Rice Varieties The Indian Council of Agricultural Research (ICAR) marked a historic milestone with the launch of iari.res.in
- Response to the allegations of bias levelled by ‘The Coalition for a GM-Free India’and others in the process of evaluation of the two gene-edited rice lines Pusstatic.pib.gov.in
- Coalition for a GM-Free India demands that Govt of India immediately withdraw the two released and untested gene edited rice varieties (Kamala and Pusa DST Rice 1) and bring gene editing under the purindiagminfo.org
- Coalition’s letter to Union Agriculture Minister on two untested and unsafe gene edited rice varieties – India GM Infoindiagminfo.org
Indiens Agrarforschungsrat ICAR hat nach eigenen Angaben mit DRR Rice 100 (Kamala) und Pusa DST Rice 1 die ersten genomeditierten Reissorten Indiens entwickelt, mit einer auf CRISPR-Cas basierenden Technologie, die Veränderungen im Erbgut vornimmt, ohne Fremd-DNA hinzuzufügen.
Grundlage der Freigabe ist ein Office Memorandum des indischen Umweltministeriums vom 30. März 2022, das Pflanzen der Kategorien SDN-1 und SDN-2, die frei von eingeführter Fremd-DNA sind, von den strengen Biosicherheitsregeln für gentechnisch veränderte Organismen ausnimmt. Die ergänzenden Leitlinien des Department of Biotechnology vom 17. Mai 2022 regeln seither Forschung und Entwicklung solcher Pflanzen in Indien. Im Haushalt 2023-24 stellte die Regierung laut ICAR 500 Crore Rupien für Genom-Editierung in landwirtschaftlichen Nutzpflanzen bereit.

Was ICAR an den neuen Sorten hervorhebt
Die Forschung begann laut ICAR 2018 im Rahmen des National Agricultural Science Fund mit dem Ziel, die beiden verbreiteten Reissorten Samba Mahsuri und MTU 1010 zu verbessern. DRR Rice 100, auch Kamala genannt, wurde vom ICAR-IIRR in Hyderabad auf Basis von Samba Mahsuri entwickelt, reift laut ICAR 20 Tage früher (rund 130 Tage) und besitzt einen stabilen Halm sowie eine der Ursprungssorte ähnliche Reisqualität.
Pusa DST Rice 1, entwickelt vom ICAR-IARI in Neu-Delhi auf Basis von MTU 1010, soll laut ICAR auf salz- und alkalihaltigen Böden Erträge um 9,66 bis 30,4 Prozent steigern. Das Potenzial liegt laut ICAR bei bis zu 20 Prozent mehr Produktion.
Nach ICAR-Angaben verbinden die beiden Sorten eine Ertragssteigerung von 19 Prozent und eine um 20 Prozent geringere Treibhausgasemission. Hinzu kommt laut ICAR eine Einsparung von 7.500 Millionen Kubikmetern Bewässerungswasser sowie eine verbesserte Toleranz gegenüber Dürre, Salzgehalt und Klimastress.
In Feldversuchen erzielte Kamala laut ICAR im Schnitt 53,7 q/ha (Doppelzentner pro Hektar) und bis zu 88,96 q/ha. Das entspricht laut ICAR einem Ertrag von 19 Prozent mehr als die Ausgangssorte Samba Mahsuri.
Würden die Sorten laut ICAR auf 5 Millionen Hektar angebaut, könnte das 4,5 Millionen zusätzliche Tonnen Reis bringen. Die Treibhausgasemissionen ließen sich dabei laut ICAR um 20 Prozent oder 32.000 Tonnen senken.
ICAR verweist zudem auf ein seit 1965 laufendes Prüfsystem, das All India Coordinated Research Project on Rice, in dem jährlich über 1.200 Zuchtlinien getestet werden. Die Prüfung erfolgt laut ICAR an rund 100 Standorten im Land und hat zur Freigabe von mehr als 1.750 Reissorten und Hybriden beigetragen.
Die beiden neuen Linien seien 2023 und 2024 in sogenannten Near-Isogenic-Line-Versuchen geprüft worden, an Standorten, die für die jeweilige Ausgangssorte als Zielregion identifiziert wurden. Mehr als 250 Regierungsvertreter, Entscheidungsträger sowie Medien- und Unternehmensvertreter und über 5.000 Landwirte hätten die Versuchsfelder besucht und die Leistung der Sorten selbst begutachtet, erklärte ICAR.
Landwirtschaftsstaatsminister Shivraj Singh Chouhan beglückwünschte laut ICAR die beteiligten Wissenschaftler und sicherte volle Unterstützung für die Umsetzung auf Feldebene zu. ICAR-Generaldirektor M.L. Jat erklärte bei der Vorstellung: „Today will be inscribed in golden letters“ (etwa: Dieser Tag wird in goldenen Lettern festgehalten). Die Behörde selbst sieht in den beiden Sorten einen bedeutenden Schritt hin zu Klimaresilienz und Ernährungssicherheit.
Was die Coalition for a GM-Free India entgegenhält
Die Coalition for a GM-Free India bezeichnete die Freigabe am 5. Mai 2025 als unlauter, unwissenschaftlich und unverantwortlich. Nach Angaben der Koalition handelte die Regierung unter Druck von Unternehmenslobbys, während ein umfangreicher Bestand wissenschaftlicher Literatur auf mangelnde Sicherheit von Gene-Editing-Techniken hinweise. Die Koalition erklärt, die Sorten seien ohne jegliche Sicherheitsprüfung freigegeben worden, unter dem Deckmantel von Ertrags- und Dürrevorteilen.
Konkret seien bei der Entwicklung von Pusa DST Rice 1 durch Gene-Editing 366 Basenpaare gelöscht worden, bei Kamala 33 Basenpaare, so die Koalition. Die verwendete SDN-1-Technologie könne unbeabsichtigte Mutationen auch außerhalb der Zielstelle erzeugen, mit laut Koalition unbekannten Folgen für Gesundheit und Umwelt. Die Koalition verweist dafür auf eine 2022 veröffentlichte Studie von Chu et al., wonach bestimmte größere DNA-Schäden nur mit Long-Read-Sequenzierung auffindbar seien, einer Methode, die in der Regel nicht angewandt werde. Eine weitere von der Koalition zitierte Studie von Sukumar Biswas et al. aus dem Mai 2020 stuft die SDN-1-Technik bei Reis als unpräzise ein und berichtet von größeren Insertionen, Deletionen und Umlagerungen im Erbgut.
Nach Ansicht der Koalition ist bereits die Deregulierung von SDN-1 und SDN-2 durch die Ausnahmeregelung von 2022 rechtswidrig, weil Gene-Editing jeder Art unter die Definitionen der Umweltschutzregeln von 1989 falle. Zudem stellten seither die Institutional Bio-Safety Committees, die SDN-1- und SDN-2-Forschung selbst prüfen und sogar Ausnahmezertifikate ausstellen dürfen, nach Ansicht der Koalition einen klaren Interessenkonflikt dar. Die Koalition fordert, die Ausnahme nach Regel 20 der Rules 1989 zurückzunehmen und Gene-Editing in Landwirtschaft und Tierhaltung wieder vollständig den Vorschriften für gentechnisch veränderte Organismen zu unterstellen.
Offen sei außerdem die Frage der geistigen Eigentumsrechte: Die Koalition verweist auf Patente des Broad Institute in den USA, die derzeit vor Gericht angefochten würden, sowie auf Patente der University of California und der University of Vienna in Indien, gegen die kürzlich Einspruch eingelegt worden sei; sie fordert von der Regierung transparente Offenlegung. Die Koalition erklärt zudem, wichtige Exportmärkte, vor allem im Nahen Osten und am Golf, lehnten genomeditierten Reis ab, weil die öffentliche Stimmung dort gegen Gentechnik gerichtet sei. Die Freigabe verstoße nach Darstellung der Koalition gegen eine Anordnung des Supreme Court von Juli 2024 und komme einer Missachtung des Gerichts gleich. Zudem weist die Koalition die Behauptung der Regierung zurück, höhere Erträge der neuen Sorten würden die Reisanbaufläche verringern und Flächen für Hülsenfrüchte und Ölsaaten freisetzen; sie nennt diese Behauptung unbegründet und haltlos.
Wo sich beide Seiten einig sind
In einem Punkt widersprechen sich ICAR und die Koalition nicht: Beide Seiten ordnen die beiden Sorten den Gentypen SDN-1 und SDN-2 zu und beziehen sich auf dieselbe Ausnahmeregelung von 2022, die solche Pflanzen von den strengen Biosicherheitsregeln ausnimmt. Strittig ist, ob diese Einstufung und die daraus folgende vereinfachte Prüfung ausreichend Sicherheit bieten oder ob sie nach Einschätzung der Koalition eine unzulässige Lücke im Regelwerk öffnet.
Der Stand nach ICARs Gegendarstellung vom 26. November 2025
ICAR wies die Vorwürfe der Koalition in einer Erwiderung vom 26. November 2025 Punkt für Punkt zurück. Die Behörde erklärte, der eigentliche Vorwurf der Koalition richte sich nicht gegen das Prüfverfahren selbst, sondern grundsätzlich gegen die Technologie des Gene-Editing. ICAR warf der Koalition zudem vor, mit selektiver Hervorhebung einzelner Standortdaten der indischen Wissenschaft einen Disservice zu erweisen.
Eine Reaktion der Coalition for a GM-Free India auf diese Erwiderung liegt in den ausgewerteten Quellen nicht vor. Damit bleibt die Auseinandersetzung zwischen beiden Seiten vorerst auf dem Stand von Ende 2025: eine staatliche Forschungsbehörde, die ihre Freigabe für wissenschaftlich fundiert und rechtlich gedeckt hält, gegenüber einer Koalition von Organisationen, die genau diese Einschätzung als unzureichend geprüft und rechtswidrig bezeichnet.
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