Jugendwort 2026: Merz-Satire raus, BUNDjugend übernimmt
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Jugendwort 2026: Merz-Satire raus, BUNDjugend übernimmt

Langenscheidt hat 'Mehrzweckeier' aus der Top-10-Abstimmung zum Jugendwort des Jahres gestrichen, weil der Begriff auf einem Anti-Merz-Protest basiert und kampagnengetrieben sei. Dass 'merkeln', ein direkter Merkel-Spott, 2015 problemlos im Rennen blieb, trifft den Verlag an einem wunden Punkt.

Quellen (9)
  1. Langenscheidtlangenscheidt.com
  2. taztaz.de
  3. BUNDjugendbundjugend.de
  4. Frankfurter Rundschaufr.de
  5. Nordbayernnordbayern.de
  6. OpenPetitionopenpetition.de
  7. t-online (Jugendwort 2015)t-online.de
  8. Mittelrhein Tageblatt (Linke Fraktion)mittelrhein-tageblatt.de
  9. ZDF heutezdfheute.de
7. August 2026, 15:44 Uhr736 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wochenlang war "Mehrzweckeier" der inoffizielle Favorit für das Jugendwort des Jahres, viral auf TikTok und in Reddit-Fäden. Als Langenscheidt am 28. Juli die Top 10 veröffentlichte, fehlte der Begriff. Seitdem streiten Jugendverbände, Landtagsfraktionen und Sprachkritiker darüber, ob ein kommerzieller Verlag das Recht hat, politisch unbequeme Ausdrücke aus einer Abstimmung über Jugendsprache einfach herauszustreichen.

Was hinter "Mehrzweckeier" steckt

Die Wortschöpfung hat einen konkreten Ursprung. Bei Demonstrationen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht 2025 hielten Protestierende Schilder hoch, auf denen stand: "Merz leck Eier." Die Polizei beschlagnahmte mehrere solcher Schilder. Im Netz entwickelte die Online-Community daraus den Begriff "Mehrzweckeier", ein phonetisch ähnliches, aber auf den ersten Blick harmloses Wort, das wörtlich für Eier steht, die für verschiedene Zwecke verwendbar sind.

Langenscheidt sah darin einen doppelten Regelverstoß. Der Verlag begründete die Streichung damit, dass der Begriff aus einer organisierten Reddit-Kampagne hervorgegangen sei, die explizit zur Einreichung des Wortes aufrief und dass er gleichzeitig auf einer persönlichen Beleidigung des Kanzlers beruhe. Damit erfülle "Mehrzweckeier" gleich zwei der zentralen Ausschlusskriterien der Jury.

Das Jugendwort des Jahres wird seit 2008 vom Langenscheidt-Verlag ausgerufen. Die Abstimmung startete dieses Jahr am 29. Mai, die Auswahl der Top 10 erfolgte am 28. Juli. Zur Wahl stehen nun "67", "Crashout", "Digga", "Du bist gut genug", "Gute Käse", "Macker", "Peak", "Ragebait", "Schere" und "Süper". Die Online-Abstimmung läuft bis zum 20. August auf jugendwort.de.

Ein Maßstab, der sich verändert hat

Der Einwand der Kritiker ist historisch konkret: 2015 war der Begriff "merkeln" der Favorit in der Vorrundenabstimmung und erhielt rund 34 Prozent der Stimmen. Das Verb, abgeleitet von Angela Merkels politischem Stil des Zögerns und Abwartens, war eine direkte sprachliche Verspottung der damals amtierenden Bundeskanzlerin. Langenscheidt ließ "merkeln" ohne Einschränkung im Rennen. Den Titel gewann letztlich "Smombie", die Abstimmung selbst war nie in Frage gestellt.

Der Kontrast zur Entscheidung 2026 ist für Kritiker kaum zu erklären. "Merkeln" war offener Spott auf die amtierende Regierungschefin, "Mehrzweckeier" ist eine phonetische Anspielung auf einen Protestslogan. Dass der eine Begriff im Wettbewerb bleiben durfte und der andere nicht, legt nach Ansicht der taz eine politische Selektivität nahe. Die taz titelte: "Langenscheidt, leck Eier!" und fragte, ob der Verlag glaube, Jugendsprache sei apolitisch.

Das Argument der Kampagnenbasierung steht in einem zusätzlichen Spannungsverhältnis: Jeder Begriff, der in sozialen Netzwerken viral wird, entsteht durch koordinierte Verbreitung. Die Grenze zwischen organisch viralgehendem Ausdruck und regulierbarer "Kampagne" bleibt im Regelwerk des Verlags unscharf. 2015 strich Langenscheidt auch den Begriff "Alpha-Kevin" aus der Abstimmung, jedoch mit der Begründung, das Wort diskriminiere Menschen, die diesen Vornamen tragen. Das war ein anderes Kriterium als das politische, das 2026 angewandt wird.

BUNDjugend und Politik ziehen eigene Konsequenzen

Die BUNDjugend, der Jugendverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, rief am 28. Juli zur Abstimmung über ein alternatives "Bundesjugendwort" auf. Die Initiative lässt Menschen bis 27 Jahren zwischen den zehn offiziellen Langenscheidt-Kandidaten und dem gestrichenen "Mehrzweckeier" wählen. Die Abstimmung läuft bis zum 27. August, das Bundesjugendwort 2026 wird ebenfalls am 10. Oktober verkündet, parallel zur offiziellen Langenscheidt-Entscheidung auf der Frankfurter Buchmesse.

Die Linke Fraktion der Hamburgischen Bürgerschaft hat "Mehrzweckeier" bereits ohne weiteres Verfahren zu ihrem Jugendwort des Jahres erklärt und unterstützt eine Petition auf openpetition.de, die Langenscheidt auffordert, die Streichung rückgängig zu machen und künftig transparenter zu begründen, wie die Jury zwischen organisierter Manipulation und echtem Meme-Wachstum unterscheidet. Das Ziel der Petition liegt bei 30.000 Unterschriften.

Die Frankfurter Rundschau fasste den Kern der Debatte präzise zusammen: Bei der Jugendwort-Wahl gehe es schon längst nicht mehr um Sprache. Die jährliche Abstimmung erzeugt über viereinhalb Monate Aufmerksamkeit und millionenfache Reichweite in sozialen Netzwerken. Welche Wörter der Verlag zulässt und welche er streicht, ist deshalb keine neutrale Entscheidung über Sprachgebrauch, sondern eine darüber, welche politischen Ausdrucksformen als jugendfähig gelten.

Bis zum 10. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse

Das offizielle Abstimmungsverfahren läuft in zwei weiteren Phasen: Bis zum 20. August wird unter den Top 10 abgestimmt, am 28. August werden die Top 3 bekanntgegeben, dann läuft die Finalabstimmung bis zum 28. September. Das Jugendwort des Jahres 2026 wird am 10. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse verkündet.

Für Langenscheidt ist die Kontroverse eine ungewöhnliche Situation: Ein kommerzieller Verlag steht im Zentrum einer Debatte über politische Zensur und Jugendverbände reagieren mit einem eigenen Verfahren. Ob "Mehrzweckeier" als Bundesjugendwort eine dauerhafte Alternative zur Langenscheidt-Abstimmung etabliert, wird sich am 10. Oktober zeigen. Was schon jetzt feststeht: Der Verlag hat mit seinem Regelwerk eine Diskussion ausgelöst, die das Wort bekannter gemacht hat als jeder Sieg in der offiziellen Top-10-Abstimmung es gekonnt hätte.

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