
Rund 100 Tage Drapatyj: Umbau der ukrainischen Armee
Quellen (8)
- Commander-in-Chief of the Armed Forces of Ukraine Mykhailo Drapatyi | Ministry of Defence of Ukrainemod.gov.ua
- Neuer Armeechef in Kiew soll Offensive verstärken - WELTwelt.de
- 100 Tage im Amt: Spürbar anders - Ukraines Armee unter Chef Drapatyj | tagesschau.detagesschau.de
- “Найціннішою бойовою спроможністю Збройних Сил є наші люди” – Драпатийzsu.gov.ua
- Has the thaw begun? What Drapatyi has brought to the role of commander-in-chief – and what the military thinks | Ukrainska Pravdapravda.com.ua
- Драпатий: три місяці на посаді. Що зробив головком ЗСУ? Оцінки військових і аналітиківradiosvoboda.org
- Реактивні дрони й вплив Ставки на Драпатого — що зараз у війську — Бутусов — новини України / NVnv.ua
- The first phase of military transformation is already underway: the Ministry of Defence, the General Staff, and commanders discuss implementation across military units | MoD Newsmod.gov.ua
Laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium führte Drapatyj bereits im Mai 2014 während der Kämpfe um Mariupol ein Bataillon, das zur Befreiung von Geiseln in die Stadt einrückte. Drapatyj hatte laut WELT auf Facebook seine Unterstützung für Fedorow erklärt und eine Armeereform gefordert; ohne Gerechtigkeit seien Veränderungen laut Drapatyj sinnlos für jene, die den Krieg täglich auf ihren Schultern trügen.
Entzündet hatte sich der Protest an der Entlassung des jungen, bei vielen Ukrainern populären Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow eine Woche zuvor, wie die WELT berichtete. Drapatyj ist damit nach Walerij Saluschnyj und Syrskyj der dritte Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte seit Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022. Die Ernennung des 43-Jährigen stieß beim Militär sofort auf positives Echo, berichtet die tagesschau. Der scheidende Syrskyj erklärte zum Abschied auf Telegram, er übergebe seinem Nachfolger eine Armee, die Verteidigung halte und sich zugleich im Offensivmodus befinde; unter seiner Führung seien erstmals Drohnenstreitkräfte gegründet worden.
Neue Führungsgrundsätze seit September
Anfang September veröffentlichten die Streitkräfte unter Drapatyj die Grundsätze des Oberbefehlshabers, die Menschen als wertvollste Kampffähigkeit bezeichnen und jeden Kommandeur zu ihrem Schutz verpflichten. Das Dokument verlangt von Kommandeuren und Stäben ehrliche Lagebewertungen, die nicht durch Optimismus, Angst oder persönliche Ambitionen verzerrt werden dürfen. Jeder Bericht, jede Besprechung und jeder Stabsprozess soll einen klaren Zweck haben, Doppelarbeit soll beseitigt und übermäßiges Berichtswesen reduziert werden. Das konkrete Verfahren zur Umsetzung sowie Aufgaben und Kennzahlen sollten nach Angaben der Streitkräfte erst in gesonderten Dokumenten folgen. Erstmals auf der Ebene dieser Grundsätze nennt das Papier Dienstfristen, Rotation und Entlassungsverfahren und erklärt die Absicht, sie zu verändern.
Weniger Mikromanagement, mehr Eigenverantwortung
Drapatyj setzt nach Angaben von Ukrainska Pravda auf dezentrale Führung nach dem Prinzip Mission Command und rückt damit vom Mikromanagement seines Vorgängers ab, der manchen Brigadekommandeuren bis zur Koordinate vorschrieb, wo sie Stellungen errichten sollten. Der frühere Kriegsberichterstatter und heutige Soldat Jurij Butusow sagte der tagesschau, Korpskommandeure müssten dem Oberkommandierenden nicht mehr zweimal täglich Bericht erstatten, was Zeit spare. Für das besonders umkämpfte Donezkbecken schuf Drapatyj zwei neue Armeegruppen, Tsentr unter Andrij Bilezkyj und Azov unter Denys Prokopenko, um die Koordination zu verbessern. Zugleich versetzte er mehrere Dutzend Oberste, Brigadegeneräle und andere Offiziere ins sogenannte Reservebataillon.
Wie weit reicht der Umbau wirklich?
Roman Pohorilyj hält die parallel laufende Korpsreform für unvollendet, solange Brigaden an den Frontabschnitten nicht ihren eigenen Korps unterstellt seien. Laut von Radio Swoboda befragten Kriegsberichterstattern hat das Kommando der Vereinten Kräfte die ihm zugedachte übergeordnete Führungsrolle bislang nicht übernommen. Mit Stand Mitte Oktober dauerte laut Radio Swoboda die dienstliche Untersuchung im 225. Sturmregiment an, während Ergebnisse der Ermittlungen des staatlichen Ermittlungsbüros noch nicht bekannt waren; die Journalistin Anna Kaljuschna sagte zudem, es habe dort bislang keine Personalentscheidungen gegeben, während der beschuldigte Kommandeur weiter im Amt sei. Kaljuschna erklärte zudem, wegen eines Mobiltelefonverbots für die Soldaten des Regiments derzeit nicht ermitteln zu können, wie sich die Lage dort seither entwickelt hat.
Erfolge an der Front, bislang ohne Durchbruch
Seit Drapatyj Armeechef ist, hat Russland nach unterschiedlichen Berechnungen unterm Strich nicht mehr Gelände erobert, als die Ukraine gleichzeitig befreit hat. Im nördlichen Donezkbecken gelang der Ukraine mit der sogenannten Operation Vivaldi ein lokaler Vorstoß, der russische Pläne durchkreuzte, Slowjansk und Kramatorsk von Norden zu umfassen. Butusow berichtete NV von rund 500 befreiten Quadratkilometern bei dieser Operation, führte den Erfolg aber vor allem auf Entscheidungen des Korpskommandeurs Bilezkyj zurück. Analyst Ruslan Lewijew von der Plattform Conflict Intelligence Team betont zugleich, die Ukraine habe den russischen Vormarsch bislang nur stark verlangsamt; raumgreifende Rückeroberungen halten laut tagesschau die meisten Experten derzeit nicht für möglich. Bereits im Juni hatte das Verteidigungsministerium von einer laufenden Transformation berichtet, die Fronteinheiten stärken und die Vergütung von Infanteriepersonal und Sturmtruppen gerechter gestalten sollte, also noch vor Drapatyjs Amtsantritt.
Kommentare