
Fühlen mit der Prothese: Tastsinn kehrt zurück
Quellen (11)
- Military Times: Soldat gewinnt Tastsinn durch neural gesteuerte Prothese zurückmilitarytimes.com
- Walter Reed/DVIDS: Studienteilnehmer erhält Tastsinn durch neural gesteuerte Prothesenhanddvidshub.net
- Florida International University (PR Newswire, 2018): NEPH-System gibt erstem Probanden Tastgefühlprnewswire.com
- University of Pittsburgh: Gehirn-Computer-Schnittstelle macht Prothesen fühlbarermedschool.pitt.edu
- University of Chicago: Prothesen mit realistischerem Tastsinn durch Hirnstimulationnews.uchicago.edu
- Science (Valle et al., 2025): Tastkanten und Bewegung durch gemusterte Mikrostimulationscience.org
- Biomimetics (Tian et al., 2025): Biomimetisches somatosensorisches Feedback in der Neuroprothetikmdpi.com
- JASA Express Letters (Zeng, 2022): Das millionste Cochleaimplantatpubs.aip.org
- NINDS: Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson und Bewegungsstörungenninds.nih.gov
- Science Translational Medicine (2026): Langzeitsicherheit intrakortikaler Mikrostimulationscience.org
- Technology Networks: Hirnstimulation stellt Tastsinn über zehn Jahre sicher wieder hertechnologynetworks.com
Ein Soldat der US-Armee, dessen Arm unterhalb des Ellenbogens amputiert ist, muss nicht mehr hinsehen, wenn er mit seiner Prothesenhand etwas aufhebt. „Ich weiß, dass es da ist“, sagte er laut einer Mitteilung des Walter Reed National Military Medical Center. Elektroden in den Nerven seines Oberarms lassen ihn spüren, was die Fingerkuppen der Prothese berühren. Eine Prothese mit solcher Rückmeldung sei nicht erhältlich, sagte Paul Pasquina, Leiter der Rehabilitationsabteilung am Walter Reed, im Dezember 2025 der Military Times. Die Studie mit sieben Teilnehmern zeigt, wie weit die Forschung am künstlichen Tastsinn inzwischen ist und woran die Versorgung noch hakt.
Was fehlt, wenn die Hand nichts spürt
Herkömmliche motorisierte Prothesen greifen zu, ohne dass ihre Träger den Kontakt fühlen. „Wenn sich die Hand schließt und etwas berührt, spüren sie es nicht“, sagte James Abbas von der University of Arkansas, einer der Entwickler des neuen Systems. Die Folgen beschreibt der Neurowissenschaftler Charles Greenspon von der University of Chicago: Wer nicht fühlen könne, müsse die eigene Hand ständig beobachten und riskiere trotzdem, Dinge zu verschütten, zu zerdrücken oder fallen zu lassen.
Ohne diese Rückmeldung können sich Prothesen als Last anfühlen und fremd bleiben, schreiben Forscher der University of Michigan und der Chalmers University of Technology in einer Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Biomimetics. Mit Tastrückmeldung erleben Nutzer das Gerät dagegen stärker als Teil des eigenen Körpers und brauchen weniger Konzentration für die Steuerung. Laut derselben Arbeit leben allein in den USA mehr als zwei Millionen Menschen mit einer Amputation und über 300.000 mit einer Rückenmarksverletzung.
Zwei Wege für zwei Patientengruppen
Die Idee für das System aus der Walter-Reed-Studie stammt von den Biomedizintechnikern Ranu Jung und James Abbas von der University of Arkansas; das Militärkrankenhaus in Maryland ist zweiter Standort ihrer Studie. Chirurgen implantierten dem Soldaten Elektroden in Nerven des Oberarms. Sensoren in den Fingerkuppen der Prothese melden jeden Griff über eine Einheit im Prothesenschaft an einen implantierten Neurostimulator, der daraus Nervensignale für ein Berührungsgefühl erzeugt. Der Soldat testete die Hand bis Dezember 2025 mehr als ein Jahr lang und gab an, sie fühle sich näher an einer natürlichen Gliedmaße an als jede Prothese zuvor. Wie viel die Rückmeldung ausmacht, schilderte die Ergotherapeutin Michelle Nordstrom aus der Rehabilitationsforschung: Ohne Stimulation hatten Teilnehmer Mühe, eine Münze aufzuheben oder den Schieber eines Reißverschlusses festzuhalten, mit eingeschalteter Stimulation gelang beides. Die Studie soll in eine größere klinische Studie übergehen.
Ganz neu ist der Ansatz nicht. Schon 2018 meldete die Florida International University, ein von Jung und Abbas entwickeltes System namens Neural-Enabled Prosthetic Hand habe einem ersten Handamputierten Berührung und Griffkraft spürbar gemacht.
Einen anderen Weg geht ein Verbund unter Führung der University of Chicago mit der University of Pittsburgh und weiteren Partnern. Er setzt winzige Elektrodengitter in die Hirnareale, die die Hand bewegen und fühlen. Die Teilnehmer sind keine Amputierten, sondern Menschen mit Rückenmarksverletzung, deren Hände gelähmt sind: Sie steuern per Gedanken einen Roboterarm, dessen Sensoren wiederum das Tastzentrum im Gehirn stimulieren. Im Dezember 2024 zeigte das Team in Nature Biomedical Engineering, dass zwei eng benachbarte Elektroden gemeinsam eine stärkere und klarere Berührung erzeugen. Im Januar 2025 folgte in Science eine Stimulation in Mustern, mit der Teilnehmer Kanten ertasteten und ein sanftes Gleiten über die Finger spürten.
Welcher Weg passt, hängt von der Verletzung ab: Bei Amputierten sind die Nerven im Armstumpf erhalten und lassen sich direkt stimulieren. Bei einer Rückenmarksverletzung ist die Leitung zum Gehirn unterbrochen, deshalb setzt die Forschung dort an der Hirnrinde an, wie die Biomimetics-Übersicht darlegt. Dass Stimulation der Hirnrinde auch Amputierten das Tasten verbessert, hat laut den Autoren noch keine klinische Studie gezeigt.
Im Vergleich: Was das Cochleaimplantat gezeigt hat
Das Cochleaimplantat gilt dem Hörforscher Fan-Gang Zeng als die erfolgreichste neurale Prothese: Nach seiner Schätzung hatten 2022 rund eine Million Menschen weltweit damit ihr Gehör zumindest teilweise zurückerhalten. Der Anfang war bescheiden. Das erste von der FDA zugelassene Implantat von William House hatte eine einzige Elektrode und half vor allem beim Lippenlesen. Frühe Mehrkanalgeräte brachten 10 bis 20 Prozent korrekt verstandene Sätze. Erst eine 1991 entwickelte Signalverarbeitung hob den Durchschnitt auf 70 bis 80 Prozent in ruhiger Umgebung.
Ein zweiter Vergleich ist die tiefe Hirnstimulation, bei der ebenfalls Elektroden dauerhaft im Gehirn sitzen. Die FDA ließ sie 1997 zunächst gegen Zittern zu, beim essenziellen Tremor und bei schwerem Zittern durch Parkinson. 2002 folgte die Zulassung gegen motorische Symptome bei fortgeschrittenem Parkinson, 2016 auch für frühere Krankheitsstadien. Laut einer Übersicht von 2021, die Zeng zitiert, hatten bis dahin rund 208.000 Menschen mit neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen von der Methode profitiert. In beiden Fällen lagen zwischen den ersten Geräten und der breiten Versorgung Jahrzehnte.
Warum die Elektrode im Arm noch kein Massenprodukt ist
Pasquina nennt als eine der größten Hürden für einen breiten Zugang die Wirtschaftlichkeit: Die Vermarktung für relativ kleine Patientengruppen rechne sich schwer, sagte er der Military Times. Hinzu kommt nach Angaben von Michelle Nordstrom, dass Versicherungen im zivilen Gesundheitssystem der USA den Zugang zu fortgeschrittenen Prothesen stärker beschränken als die Versorgung beim Militär. Auch technisch ist der Eingriff heikel. Es gehe um „winzige, winzige, feine Drähte“, die nahe an Nerven sitzen und über lange Zeit stabil bleiben müssen, sagte Pasquina.
Für die Hirnimplantate gibt es inzwischen Langzeitdaten. Im Juli 2026 berichteten die Teams aus Pittsburgh und Chicago in Science Translational Medicine über fünf Teilnehmer mit Rückenmarksverletzung, die zwei bis zehn Jahre mit den Implantaten lebten. Bei insgesamt 168 Millionen Stimulationspulsen über zusammen 27 Implantatjahre traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf, die Empfindungen blieben der Hand zugeordnet. Die Gruppe ist allerdings klein. Die Biomimetics-Übersicht hält die Langzeitstabilität solcher Schnittstellen in größeren Patientengruppen generell für noch nicht ausreichend geprüft.
Damit die fühlende Prothese aus der Studie in die Versorgung kommt, muss dreierlei gelingen: die angekündigte größere klinische Studie, eine Kostenerstattung durch Versicherungen und belastbare Daten über mehrere Jahre. Wie lang ein solcher Weg sein kann, zeigt das Cochleaimplantat. Von den ersten Geräten mit einer einzigen Elektrode in den 1970er-Jahren bis zur millionsten Versorgung vergingen mehr als vier Jahrzehnte.
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