Nobelpreisträgerin Narges Mohammadi: Herzinfarkt, kein Zugang zu Ärzten
Am 24. März wurde Narges Mohammadi bewusstlos in ihrer Gefängniszelle aufgefunden. Mitgefangene berichteten, sie habe rund eine Stunde das Bewusstsein verloren, bevor sie in das Frauenhospital gebracht wurde. Ein Gefängnisarzt bestätigte später gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass Mohammadi einen Herzinfarkt erlitten hatte. Seit diesem Vorfall ist die Trägerin des Friedensnobelpreises 2023 nach Angaben ihrer Familie in einem kritischen Gesundheitszustand, der sich seitdem weiter verschlechtert hat. Internationale Menschenrechtsorganisationen sprechen von unmittelbarer Lebensgefahr.
Verhaftung, Hunger und Urteil
Mohammadi war am 12. Dezember 2025 in Mashhad verhaftet worden, als sie an einer Gedenkfeier für den Menschenrechtsanwalt Khosrow Alikordi teilnahm. Sicherheitskräfte in Zivil setzten Schlagstöcke und Tränengas ein, mehr als 50 Menschen wurden festgenommen. Mohammadi wurde laut Free Narges Coalition bei ihrer Festnahme mit Schlagstöcken am Kopf und Nacken verletzt und zweimal ins Krankenhaus gebracht.
Am 2. Februar 2026 trat sie in einen Hungerstreik, um gegen ihre Haftbedingungen zu protestieren: Fensterlose Zelle mit dauerhafter Kunstbeleuchtung, Schlafen auf einer dünnen Matte über Keramikfliesen, kein Kontakt zu Familie oder Anwälten. Eine Woche später, am 7. Februar, verurteilte sie das Revolutionsgericht in Mashhad nach einem summarischen Verfahren zu weiteren sieben Jahren und sechs Monaten Haft, sechs davon wegen Versammlung und Kollaboration, eineinhalb wegen Propaganda gegen den Staat. Dazu kommen zwei Jahre Ausreiseverbot und zwei Jahre Exil in der Provinz Khusf.
Vorerkrankung und Zustand nach dem Herzinfarkt
Mohammadi hatte bereits 2022 einen medizinischen Notfall erlitten und sich einer Herzoperation unterziehen müssen. Ihre Vorerkrankung ist den iranischen Behörden bekannt. Dennoch wurde sie nach dem Herzinfarkt am 24. März nicht dauerhaft in ein externes Krankenhaus verlegt, sondern in den Gefängnisinfirmeriebetrieb zurückgegeben. Beim Familienbesuch am 29. März beschrieben Angehörige und ihr Anwaltsteam ihren Zustand als erschreckend: bleich, geschwächt, mit deutlichem Gewichtsverlust. Die Free Narges Coalition meldete, Mohammadi leide zusätzlich unter anhaltenden Brustschmerzen und einer sich verschlechternden Sehschwäche als Spätfolge der Misshandlungen bei der Verhaftung.
Ihr Bruder Hamid-Reza Mohammadi veröffentlichte auf der Plattform X eine Erklärung, in der er offen vor Lebensgefahr warnte: Der Iran lasse eine international anerkannte Nobelpreisträgerin unter vorsätzlicher Verweigerung medizinischer Versorgung sterben.
Internationale Reaktionen
Die Internationale Vereinigung der Menschenrechtsjuristen FIDH, die Weltorganisation gegen Folter OMCT und PEN America forderten in gemeinsamen Stellungnahmen Mohammadis sofortige Freilassung oder zumindest ihre unverzügliche Verlegung in ein externes Krankenhaus. Amnesty International stufte sie schon seit ihrer Verhaftung als gewißenhaft inhaftierte Person ein und behandelt ihren Fall als Urgent Action.
Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen hat den Iran mehrfach aufgefordert, Mohammadi freizulassen. Teheran reagiert auf internationale Forderungen in ihrem Fall seit Jahren nicht. Die Behörden haben ihren Gesundheitszustand bislang weder bestätigt noch dementiert.
Wer Narges Mohammadi ist
Mohammadi, 1972 geboren, kämpft seit drei Jahrzehnten für Frauenrechte und die Abschaffung der Todesstrafe im Iran. Sie war vor ihrer Verhaftung im Dezember 2025 stellvertretende Direktorin des Defenders of Human Rights Center, der Organisation der Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Das Nobelkomitee verlieh ihr im Oktober 2023 den Friedensnobelpreis für ihren Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen im Iran. Sie nahm die Auszeichnung nicht entgegen, weil sie zu diesem Zeitpunkt bereits im Gefängnis Evin in Teheran einsaß. Es war nicht ihre erste Haftstrafe. Insgesamt ist Mohammadi 13 Mal verhaftet worden, fünfmal verurteilt und hat bis zur jüngsten Festnahme zusammengerechnet mehr als zehn Jahre in Gefangenschaft verbracht.
Ausblick
Wann oder ob der Iran Mohammadi medizinischen Zugang gewähren wird, ist offen. Die iranische Führung hat in vergleichbaren Fällen diplomatischen Druck ignoriert oder Häftlinge erst nach erheblicher internationaler Eskalation und längerem öffentlichem Druck freigelassen. Menschenrechtsorganisationen fordern die europäischen Regierungen auf, das Thema in bilateralen Gesprächen mit dem Iran, die im Schatten der laufenden Waffenruhediplomatie stattfinden, aktiv anzusprechen. Konkrete Zusagen gibt es bisher nicht.