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International
Waffenruhe im Libanon: Erste Stunden, erste Verstöße

Waffenruhe im Libanon: Erste Stunden, erste Verstöße

Israel und die Hisbollah halten seit Donnerstagabend eine zehntägige Waffenruhe, doch das US-Außenministerium räumte ein, Israel behalte das Recht auf Angriffe zur Selbstverteidigung zu jeder Zeit. Erste Todesopfer in den Stunden um den Waffenruhebeginn zeigen, wie fragil diese Pause ist.

16. April 2026, 22:31 Uhr 950 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Seit Donnerstagabend, 21 Uhr UTC, gilt eine zehntägige Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon. Doch die Vereinbarung enthält eine Klausel, die sie von Beginn an unter Vorbehalt stellt: Das US-Außenministerium bestätigte, Israel behalte das Recht, jederzeit Angriffe zur Selbstverteidigung durchzuführen. Das libanesische Gesundheitsministerium meldete noch in derselben Nacht Todesopfer durch israelische Angriffe. Was wie ein Waffenstillstand klingt, ähnelt strukturell seinem Vorgänger von 2024, der nach 10.000 Verstößen nicht hielt.

Sieben Wochen Krieg

Der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah begann am 2. März 2026 mit schweren Raketenangriffen auf Nordisrael. Seitdem kontrolliert Israel weite Teile des südlichen Libanon bis zum Litanifluss. Das libanesische Gesundheitsministerium verzeichnete bis Donnerstag 2.167 Todesopfer durch israelische Angriffe, darunter 172 Kinder und 91 Angehörige des Gesundheitswesens. Mehr als eine Million Menschen sind im Libanon nach UN-Angaben vertrieben.

Den Durchbruch zur Waffenruhe ermöglichten direkte Gespräche in Washington. Am 15. April saßen Israels Botschafter Yechiel Leiter und Libanons Botschafterin Nada Hamadeh Moawad erstmals seit mehr als 30 Jahren im selben Raum zu politischen Verhandlungen. US-Außenminister Marco Rubio moderierte die Sitzung, Pakistan war an der Vermittlung beteiligt. Trumps Ankündigung vom 16. April kam, bevor Israels Sicherheitskabinett seine Telefonabstimmung abgeschlossen hatte. Ein hochrangiger israelischer Beamter räumte ein, Trump habe den Schritt faktisch durchgedrückt.

Die eingebaute Ausnahmeklausel

Der strukturelle Schwachpunkt der Vereinbarung liegt in ihrer Konstruktion. Das US-Außenministerium teilte mit, Israel behalte ausdrücklich das Recht, zur Selbstverteidigung zu jeder Zeit zu schlagen. Genau diese Klausel machte den Vorgängerwaffenstillstand vom November 2024 faktisch wirkungslos: Die UN-Beobachtermission UNIFIL dokumentierte allein aus jener Vereinbarung mehr als 10.000 Verstöße durch israelische Kräfte, darunter 7.500 Luftraumverletzungen und 2.500 Bodenverstöße.

Das libanesische Gesundheitsministerium meldete in den Stunden rund um den Waffenruhebeginn neun Todesopfer durch israelische Angriffe im südlichen Bezirk Tyros (Tyre), darunter eine Sanitäterin. Bei einem Angriff auf die Stadt Ghaziyeh in der Provinz Zahrani wurden mindestens acht Menschen getötet und 33 verletzt. UN-Menschenrechtsexperten verurteilten das Ausmaß der israelischen Angriffe nach Ankündigung der Waffenruhe als beispiellos und forderten einen sofortigen Stopp der Bombardierungen.

Die Hisbollah erklärte durch den Parlamentsabgeordneten Ibrahim al-Moussawi, sie werde die Waffenruhe einhalten, sofern Israel seine Angriffe auf ihre Kämpfer vollständig einstelle. Eine bedingungslose Zustimmung gab es nicht. Die Hisbollah war in die Washingtoner Gespräche weder eingeladen noch konsultiert worden. Generalsekretär Naim Kassem hatte die Entwaffnung der Gruppe, die Israel als Vorbedingung für jede politische Einigung nennt, zuvor kategorisch abgelehnt.

Zwei unvereinbare Positionen

Premierminister Benjamin Netanjahu nannte die Waffenruhe eine Chance auf historischen Frieden, verknüpfte sie aber mit der Entwaffnung der Hisbollah als Vorbedingung. Israel hält seine Sicherheitszone im Südlibanon besetzt und gibt sie nicht auf. Präsident Joseph Aoun und Ministerpräsident Nawaf Salam begrüßten den Waffenstillstand und erklärten, die libanesische Regierung werde sicherstellen, dass von libanesischem Boden keine Angriffe auf Israel stattfinden.

Diese Zusage ist strukturell schwächer als sie klingt. Die Hisbollah operiert weitgehend unabhängig vom libanesischen Staat und verfügt im Süden über eigene Verwaltungsstrukturen. Genau diese Lücke zwischen staatlichem Versprechen und militärischer Realität hat bereits den Waffenstillstand von 2024 belastet. Die Waffenruhe im Libanon ist außerdem eingebettet in die laufenden Gespräche zwischen den USA und Iran über das Atomprogramm. Scheitert dieses breitere Rahmenabkommen bis zum 21. April, dürfte auch die Libanonfront neu auflodern.

Zehn Tage bis zum 27. April

Die Waffenruhe läuft am 27. April aus. Eine Verlängerung im gegenseitigen Einvernehmen ist möglich. Für eine dauerhafte Einigung müssten in diesen zehn Tagen drei Grundsatzfragen gelöst werden: der Rückzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon, ein Rahmen für die Entwaffnung der Hisbollah und eine politische Garantie, die libanesische Regierung gegenüber Washington überhaupt abgeben kann. Diplomatisch sind zehn Tage dafür kaum ausreichend.

Für die mehr als eine Million vertriebenen Libanesen bedeutet die Waffenruhe zunächst eine Atempause, keine Rückkehr nach Hause. Ob sie länger hält als ihr Vorgänger, hängt von einer Frage ab, auf die Washington keine Antwort geben kann: ob die Hisbollah einer Entwaffnung zustimmt, die sie bisher kategorisch verweigert hat.

Update 17. April, 04:39 Uhr: Die humanitäre Lage verdichtet sich. Laut libanesischen Behörden und den Vereinten Nationen sind seit Kriegsbeginn mehr als 1,2 Millionen Menschen im Libanon vertrieben worden, mehr als ein Sechstel der Gesamtbevölkerung. Im Land entstehen neue Konfliktlinien: In Beiruts Stadtteil Karantina verhinderte ein öffentlicher Aufschrei die Einrichtung eines Aufnahmezentrums für vertriebene Schiiten aus dem Süden. Beobachter warnen, die dabei verwendete Sprache erinnere an den libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Premierminister Netanjahu stellte klar, eine schnelle Rückkehr der Vertriebenen in den Südlibanon werde erst möglich sein, wenn die Sicherheit des israelischen Nordens dauerhaft gesichert sei. Das bedeutet: Selbst wenn die Waffenruhe am 27. April hält oder verlängert wird, ist für mehr als eine Million Vertriebene eine baldige Heimkehr nicht absehbar.

Update 17. April, 08:37 Uhr: Die libanesische Armee meldete am frühen Freitagmorgen mehrere israelische Angriffe auf südlibanesische Dörfer, die als Waffenruheverstöße eingestuft wurden. Die Hisbollah-Miliz reagierte mit dem Beschuss israelischer Soldaten nahe der Stadt Chiam im Südlibanon und bezeichnete dies als direkte Vergeltungsmaßnahme. Die Hisbollah ließ ihre grundsätzliche Bereitschaft zur Einhaltung der Waffenruhe formal offen: Sie werde sich nur dann daran halten, wenn Israel alle Angriffe auf ihre Kämpfer vollständig einstelle. Das Muster gegenseitiger Beschuldigungen und Gegenschläge, das bereits die Waffenruhe von 2024 aushöhlte, hat sich damit bereits in den ersten Stunden der aktuellen Feuerpause etabliert.

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