
Wie Oligarchen den Kunstmarkt als Schattenbank nutzen
Quellen (16)
- FATF: Money Laundering and Terrorist Financing in the Art and Antiquities Market (Feb. 2023)fatf-gafi.org
- OCCRP: Abramovichs 1-Milliarden-Dollar-Kunstsammlung trotz Sanktionen nicht beschlagnahmtoccrp.org
- US Senate Homeland Security Committee: Portman-Carper-Bericht über Kunstmarkt und Sanktionsumgehunghsgac.senate.gov
- Artnet News: Senatsbericht zu Rotenberg und Auktionshäusernnews.artnet.com
- Interpol: 80 arrests and more than 37,700 cultural goods seized in Operation Pandora (2025)interpol.int
- European Parliament: Money laundering and tax evasion risks in free portseuroparl.europa.eu
- The Swiss Times: Unlocking the secrets of the Geneva Freeporttheswisstimes.ch
- ICIJ: FinCEN Files – US Treasury warnt vor Kunstmarkt als Geldwäsche-Vehikelicij.org
- The Art Newspaper: Freeport secrecy veils oligarch art assets (April 2022)theartnewspaper.com
- DLA Piper: Art Market Integrity Act introduced with bipartisan support (Juli 2025)dlapiper.com
- Artnet News: Abramovich's 1 Billion Art Collection Revealednews.artnet.com
- Harvard Law: Fighting Money Laundering in the Art Market (2025)orgs.law.harvard.edu
- UNODC: Trafficking in Cultural Properties Briefunodc.org
- The Art Newspaper: UK art market and anti-money laundering legislation (Feb. 2024)theartnewspaper.com
- ICIJ: New US bill aims to clamp down on money laundering through art holdings (Aug. 2025)icij.org
- White & Case: Money Laundering Issues in the Art Marketwhitecase.com
Im Februar 2022, wenige Tage nachdem die britische Regierung russische Oligarchen öffentlich vor drohenden Sanktionen gewarnt hatte, ließen Mitarbeiter von Roman Abramovich einen zypriotischen Trust umstrukturieren. Der Trust hielt eine der bedeutendsten Privatsammlungen der Welt: Gemälde von Picasso, Monet und Degas, Schätzungen des OCCRP zufolge rund 870 Millionen Dollar wert. Die Transaktion war juristisch simpel: Abramovichs Anteil am Trust wurde unter die entscheidende Schwelle von 50 Prozent gedrückt. Nach den Sanktionsregeln der EU, des Vereinigten Königreichs und der USA muss ein Vermögenswert eingefroren werden, wenn eine sanktionierte Person ihn zu mehr als 50 Prozent kontrolliert. Seitdem ist kein einziges Gemälde aus Abramovichs Sammlung konfisziert worden.
Was Abramovich tat, ist kein Einzelfall und kein Zufall. Es ist das Resultat eines Systems, das seit Jahrzehnten gewachsen ist: Der globale Kunstmarkt mit einem Jahresumsatz von 57 bis 68 Milliarden Dollar ist eines der letzten großen Finanzsysteme ohne wirksame Geldwäschekontrollen. Die Financial Action Task Force (FATF), das wichtigste internationale Gremium gegen Geldwäschekriminalität, bezeichnete diesen Zustand in ihrem ersten dedizierten Kunstmarktbericht vom 27. Februar 2023 als systemisches Versagen und nannte den Kunsthandel ein bevorzugtes Fahrzeug für organisierte Kriminalität, Terrorfinanzierer und Sanktionsflüchtlinge.
Wie subjektive Preise Geldwäsche ermöglichen
Kunstwerke haben eine finanzielle Eigenschaft, die sie in der Welt der Schattenfinanzierung einzigartig macht: Ihr Wert ist subjektiv. Ein Gemälde kann für eine Million Euro verkauft werden oder für hundert Millionen. Beide Zahlen lassen sich verteidigen; keine ist beweisbar falsch. Genau diese Unbestimmtheit macht den Kunstmarkt für Menschen attraktiv, die Geld verstecken, verschieben oder waschen wollen.
Das UN-Büro für Drogenbekämpfung und Verbrechensbekämpfung (UNODC) schätzt, dass weltweit zwischen 3,4 und 6,3 Milliarden Dollar jährlich durch Kunsthandel gewaschen werden. Das klassische Schema hat drei Schritte: Ein Kunstwerk wird durch eine anonyme Briefkastenfirma erworben, zu einem abweichenden Preis weiterverkauft und der Erlös auf einem sauberen Konto verbucht. Weder Käuferin noch Käufer müssen in vielen Jurisdiktionen namentlich bekannt sein. In den USA unterlagen Kunsthändler und Auktionshäuser bis 2025 nicht dem Bank Secrecy Act, dem wichtigsten US-Geldwäschegesetz. Deutsche Kunsthändlerverbände bezeichnen strengere Regeln öffentlich als übertrieben und verweisen auf freiwillige Selbstregulation.
Hinzu kommen Sanktionsumgehung, Steuerhinterziehung und die Terrorfinanzierung durch den Verkauf antiker Kulturgüter aus Bürgerkriegsgebieten. Der FATF-Bericht von 2023 warnte zudem, dass Nicht-fungible Token (NFTs) das Risikoprofil des Kunstmarkts weiter verschlechtern: NFTs können anonym gehandelt werden, überqueren in Millisekunden Grenzen und unterliegen praktisch keiner Regulierung.
Wie Sotheby's unbemerkt zum Schauplatz wurde
Im Juli 2020 veröffentlichten die US-Senatoren Rob Portman (Republikaner, Ohio) und Tom Carper (Demokrat, Delaware) einen Bericht, der dokumentiert, wie zwei Männer aus dem Umfeld Putins das Auktionshaus Sotheby's in New York für Millionenkäufe nutzten, während sie offiziell unter US-Sanktionen standen.
Arkady und Boris Rotenberg, Kindheitsfreunde Putins aus seiner Petersburger Judozeit, wurden im März 2014 mit US-Sanktionen belegt. Laut dem Senatsbericht tätigten mit ihnen verbundene Briefkastenfirmen in den Monaten danach Kunstkäufe im Gesamtvolumen von 91 Millionen Dollar. Arkady Rotenberg erwarb allein über einen Moskauer Kunsthändler für 18 Millionen Dollar Kunstwerke. Bei einer Sotheby's-Auktion in New York kauften mit den Rotenbergs verbundene Gesellschaften zehn Kunstwerke für 6,8 Millionen Dollar, darunter ein Braque-Gemälde für 2,9 Millionen und ein Chagall für 1,1 Millionen Dollar. Ein amerikanischer Kunstberater namens Gregory Baltser koordinierte die Käufe über mehrere Unternehmensebenen und verbarg so die wahren Auftraggeber vor den Auktionshäusern.
Sotheby's und Christie's beschrieben im Senatsbericht ihre eigenen Maßnahmen zur Geldwäscheprävention als ausreichend. Portman und Carper kamen nach zweijähriger Untersuchung zu einem anderen Schluss: Die AML-Kontrollen der Auktionshäuser seien „lax und leicht zu umgehen“. Möglich war das, weil Auktionshäuser im Gegensatz zu Banken keine gesetzliche Pflicht hatten, die Identität der wirtschaftlich Berechtigten zu prüfen. Ein Vorgängergesetz, der ENABLERS Act von 2022, der diese Lücke schließen sollte, scheiterte im US-Senat nach intensivem Lobbying der Kunsthandelsbranche.
Das Genfer Freilager: Ein schwarzes Loch für Behörden
Neben Auktionshäusern gibt es eine zweite Infrastruktur der Kunstmarktgeldwäsche: Freilager, sogenannte Freeports. Zollfreizonen in Genf, Luxemburg, Singapur und Delaware bieten die Möglichkeit, Kunstwerke dauerhaft zu lagern, zu handeln und weiterzuverkaufen, ohne dass Zollbehörden oder Steuerbehörden Einsicht erhalten. Das Europäische Parlament beschrieb diese Strukturen in einer Studie aus dem Jahr 2020 als ideale Infrastruktur für Geldwäsche und Steuerhinterziehung.
Das Genfer Freilager ist das größte Beispiel dieser Gattung. Nach Schätzungen des Fachmagazins Connaissance des Arts lagern dort rund 1,2 Millionen Kunstwerke mit einem Gesamtwert von ungefähr 100 Milliarden Dollar. Eigentumswechsel innerhalb des Lagers müssen nicht öffentlich registriert werden. Wer ein Gemälde innerhalb des Freeports kauft, muss in vielen Fällen keine Eigentumsübertragung melden und zahlt keine Mehrwertsteuer. Behörden, die sanktionierten Personen zugeordnete Vermögenswerte suchen, stoßen regelmäßig auf intransparente Eigentümerstrukturen.
Im April 2022 berichtete The Art Newspaper, dass europäische Behörden nach der russischen Invasion kaum in der Lage waren, Kunstwerke von sanktionierten russischen Personen in Freeports zu identifizieren: Es fehlten KYC-Pflichten und Identifikationsnachweise der wirtschaftlich Berechtigten. Den bekanntesten Fall aus dem Genfer Freilager lieferte Yves Bouvier, der sogenannte Freeport-König, der 2015 verhaftet wurde. Er hatte dem russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew Kunstwerke für insgesamt zwei Milliarden Dollar verkauft, deren tatsächliche Einkaufspreise Hunderte Millionen niedriger lagen. Bouvier nutzte das Freilager, um die Preismanipulationen zu verschleiern.
Europa reguliert, USA zögern, Asien bleibt Grauzone
Die EU reagierte als erste große Jurisdiktion mit der 5. AML-Direktive von 2020, die Kunsthändler und Auktionshäuser erstmals unter Geldwäschevorschriften stellte. Frankreich und Italien beschlagnahmen seitdem Zehntausende von Kulturgütern jährlich; nach Angaben aus Kreisen der italienischen Kulturpolizei wurden 2024 rund 50.000 Objekte sichergestellt. In Deutschland müssen Kunsthändler seit der Richtlinienumsetzung Sorgfaltspflichten einhalten. Die zuständige Behörde ist das Hauptzollamt; aus der Kunstbranche kommt wenig öffentliche Kritik an der Durchsetzungsintensität, was Branchenbeobachter als Zeichen zurückhaltender Kontrolle werten.
Das Vereinigte Königreich reguliert seinen Kunstmarkt seit 2020. Die britische Steuerbehörde HMRC verhängte zwischen 2021 und 2023 mindestens 31 Bußgelder gegen Akteure des Kunstmarkts, mit einer Durchschnittshöhe von rund 5.000 Pfund. The Art Newspaper beschrieb diese Summen als für einen Sektor, in dem Einzeltransaktionen Millionenbeträge erreichen, nicht abschreckend.
In Asien bleibt die Lage lückenhaft. Kunstmarktanalysten schätzen, dass 30 bis 50 Prozent des asiatischen Kunstmarkts mit Geldwäsche verbunden sein könnten; unabhängig verifizierbare Daten gibt es kaum. Das US-Finanzministerium identifizierte 2022 verdächtige Kunstmarkttransaktionen im Umfang von rund drei Milliarden Dollar jährlich in den USA allein. Kunsthändler waren nicht meldepflichtig, Ermittlern fehlten damit die rechtlichen Instrumente für systematische Kontrollen.
Was normale Bürger dabei zahlen
Die Folgen des unregulierten Kunstmarkts sind für Normalbürger nicht abstrakt. Erstens treiben illegale Geldflüsse Kunstpreise künstlich in die Höhe: Öffentliche Museen kaufen mit Steuergeldern in einem Markt, in dem ein Teil der Preisbildung durch Geldwäsche verzerrt wird. Zweitens blieb Abramovichs Kunstsammlung trotz vier Jahren westlicher Sanktionen vollständig im Besitz des Trusts. Proklamierte Ziele westlicher Außenpolitik verpufften, weil Kunstmarktstrukturen genutzt wurden, die Regulierungen bewusst umgehen.
Drittens kostete die Mitverantwortung der Deutschen Bank reale Milliardenbeträge. Die New Yorker Finanzaufsicht (NYDFS) und die britische Financial Conduct Authority (FCA) verhängten 2017 gemeinsam eine Strafe von 629 Millionen Dollar gegen Deutsche Bank für das Durchschleusen von rund zehn Milliarden Dollar russischer Schmutzgelder durch Spiegelgeschäfte zwischen 2011 und 2015. Diese Strafe zahlen die Aktionäre. Im Fall einer systemrelevanten Bankenkrise greifen staatliche Garantien, die letztlich auf Steuergeldern beruhen.
Ein weiterer Aspekt, der im öffentlichen Diskurs kaum thematisiert wird: Die Regulierungslücken betreffen nicht nur Oligarchen. Sie ermöglichen auch Drogenkartellen, Steuerhinterziehern und nach UNODC-Angaben auch terroristischen Gruppen, die Kulturgüter aus von ihnen kontrollierten Gebieten verkaufen, finanzielle Infrastruktur zu nutzen, die für sie keine Compliance-Anforderungen kennt.
Bis der US-Senat abstimmt
Am 23. Juli 2025 brachten die US-Senatoren Chuck Grassley (Republikaner, Iowa) und John Fetterman (Demokrat, Pennsylvania) zusammen mit vier weiteren Senatoren den Art Market Integrity Act in den Senat ein. Das überparteiliche Gesetz würde Kunsthändler und Auktionshäuser verpflichten, AML-Programme einzurichten, Kundendaten zu erfassen und verdächtige Transaktionen zu melden. Das US-Finanzministerium hatte 2024 explizit festgestellt, dass der amerikanische Kunstmarkt besonders anfällig für Geldwäsche und Sanktionsumgehung sei.
Ob der Gesetzentwurf im Senat eine Mehrheit findet, ist ungewiss. Transparency International USA und das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) berichteten im August 2025, dass die Abstimmungslage noch offen ist. Ob der Druck der Senatoren sowie die öffentliche Dokumentation aus dem OCCRP-Bericht über Abramovich und dem überparteilichen Senatsbericht über die Rotenbergs ausreicht, um den Lobbydruck der Kunsthandelsbranche zu überwinden, entscheidet sich in den kommenden Monaten.
In Europa und international nimmt der Druck der Strafverfolgung derweil zu. Interpol verhaftete 2025 im Rahmen der Operation Pandora 80 Personen und beschlagnahmte 37.700 Kulturgüter in 23 Ländern. Die EU arbeitet an einer sechsten AML-Direktive, die Freeports stärker einbeziehen soll. Eine Vergleichsstudie von Harvard Law aus dem Jahr 2025 kommt zu dem Schluss, dass die europäische Regulierung die Lücken erkannt habe, sie aber noch nicht vollständig schließe. Abramovichs Gemälde hängen nach Angaben des OCCRP weiterhin in verschiedenen Einrichtungen in Europa und den USA und warten darauf, dass Behörden Antworten auf Fragen finden, die Anwälte bereits im Februar 2022 vorweggenommen hatten.
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