
65 Jahre Mauerbau: Berlin gedenkt der geteilten Stadt
Quellen (10)
- tagesschautagesschau.de
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- Bundestagbundestag.de
- Berlin.deberlin.de
- Tagesspiegeltagesspiegel.de
- Euronewsde.euronews.com
- Chronik der Mauerchronik-der-mauer.de
- Stiftung Berliner Mauerstiftung-berliner-mauer.de
- Berlin Magazineberlinmagazine.de
- Kulturprojekte Berlinkulturprojekte.berlin
Um 6 Uhr morgens des 13. August 1961 begannen DDR-Grenzsoldaten, die Übergänge zu West-Berlin zu sperren. Stacheldraht zuerst, dann Beton, dann der Schießbefehl. Heute erinnert Berlin zum 65. Mal an den Beginn einer Teilung, die 28 Jahre dauerte und mindestens 140 Menschen das Leben kostete.
Der Morgen, der Berlin spaltete
In der Nacht zum 13. August 1961 handelte die DDR-Staatsführung unter Walter Ulbricht. Arbeiter und Grenzsoldaten sperrten zunächst mit Stacheldraht alle Verbindungen zu West-Berlin. Innerhalb weniger Tage entstand daraus das Grenzsystem, das als Berliner Mauer Geschichte schreiben sollte: 155 Kilometer lang, 43 davon innerhalb Berlins, gesichert von 302 Beobachtungstürmen.
Der Anlass für den Mauerbau war eine Massenflucht. Allein 1960 und in der ersten Hälfte von 1961 hatten rund 207.000 DDR-Bürger das Land verlassen. Die SED-Führung fürchtete den wirtschaftlichen Zusammenbruch. Wer blieb, tat es fortan unter Zwang; wer floh, riskierte sein Leben.
Mindestens 140 Menschen wurden an der Mauer getötet oder starben in direktem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime. Insgesamt kamen über 600 Menschen bei Fluchtversuchen ums Leben. Das erste namentlich bekannte Todesopfer war Ida Siekmann, die am 22. August 1961 aus dem Fenster eines Hauses in der Bernauer Straße sprang und ihren Verletzungen erlag. Das letzte war Chris Gueffroy, erschossen am 5. Februar 1989, gerade neun Monate bevor die Mauer fiel.
Das Gedenken am 65. Jahrestag
Zur zentralen Gedenkfeier am Donnerstag sprach Bundestagspräsidentin Julia Klöckner in der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße 4, dem bedeutendsten Erinnerungsort der deutschen Teilung. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer waren ebenfalls anwesend. Wegner sagte: "Wir werden die Opfer nie vergessen."
Parallel dazu lasen Berliner Bürgerinnen und Bürger im Rahmen der Reihe "140 Menschen 140 Namen" die Biografie jedes bekannten Todesopfers der Berliner Mauer laut vor, an dem Ort, an dem viele von ihnen starben. Die Lesungen übersetzen, was Statistiken nicht leisten können: 140 individuelle Leben mit Namen, Berufen, Familien und Hoffnungen.
Am Brandenburger Tor haben Kulturprojekte Berlin und die Stiftung Berliner Mauer eine 30 Meter lange und fast drei Meter hohe Installation errichtet. Das Werk ist kein Replikat der Mauer, erinnert aber an ihren Verlauf; je nach Betrachtungswinkel erscheint es transparent oder undurchdringlich. Die begleitende Freiluftausstellung "Mauerblicke. Berlin 1961 1990" läuft bis Sonntag, 16. August, mit Zeitzeugenberichten, Konzerten und Führungen entlang des ehemaligen Mauerverlaufs.
Was von der Teilung übrig blieb
65 Jahre nach dem Mauerbau zeigt die politische Landkarte Deutschlands noch immer ein Ost-West-Muster, nur mit anderen Vorzeichen. In Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen ist die AfD bei jüngsten Wahlen zur stärksten Kraft geworden. Gleichzeitig hat BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht angekündigt, ihre Partei werde sich im dritten Wahlgang eines möglichen Sachsen-Anhalt-Ministerpräsidentenwahlgangs enthalten und damit einem AfD-Kandidaten den Weg freimachen. Politische Wissenschaftler sehen darin eine Verlängerung der systemischen Frustration, die nach der Wende nie vollständig aufgelöst wurde.
Die wirtschaftlichen Zahlen sind gemischt. Das Pro-Kopf-BIP in Ostdeutschland hat sich nach Berechnungen des ifo Instituts seit 1990 von rund 40 auf etwa 80 Prozent des Westniveaus verbessert. Vollständige wirtschaftliche Angleichung liegt in weiter Ferne. Der demografische Abfluss junger Menschen aus strukturschwachen Regionen hält an, eine Spiegelung der Fluchtdynamik von 1961: diesmal ohne Mauer, aber mit ähnlicher Grundursache.
Zwei Generationen nach dem Mauerbau fehlt die gelebte Erinnerung. Menschen, die heute 18 werden, wurden 18 Jahre nach der Wiedervereinigung geboren. Ihre Eltern, Anfang 40, haben die DDR kaum bewusst erlebt. Die Gedenkstätte Berliner Mauer arbeitet deshalb auf das Szenario hin, wenn die letzten Zeitzeugen sterben: Oral-History-Archive, digitale Einzelschicksale, VR-gestützte Führungen, die das Unfassbare durch Immersion vermitteln sollen.
Vier Tage Erinnerung, eine offene Frage
Das Programm rund um den Jahrestag läuft bis Sonntag, 16. August. Konzerte, Führungen, Diskussionen und die Installation am Brandenburger Tor ziehen in den nächsten Tagen Zehntausende Besucherinnen und Besucher an, darunter Schulklassen aus ganz Deutschland.
Bundestagspräsidentin Klöckner formulierte in ihrer Rede eine Frage, die jenseits der Gedenkrituale bleibt: Was bedeutet Freiheit für Menschen, die nie ohne sie gelebt haben? Die Mauer ist 37 Jahre lang Geschichte. Ob ihre politischen und sozialen Narben verheilt sind, beantwortet die Wahlkarte Ostdeutschlands noch nicht mit einem klaren Ja.
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