Laschet bei Illner: AfD will eine schwache EU
Politik

Laschet bei Illner: AfD will eine schwache EU

CDU-Außenpolitiker Armin Laschet griff AfD-Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen bei Maybrit Illner direkt an: Die AfD wolle eine schwache EU, die international kein Gewicht habe. Im Hintergrund steht ein offener Führungsstreit innerhalb der AfD über die eigene Außenpolitik.

Quellen (8)
  1. ZDF Illner (Laschet vs. Lucassen)zdfheute.de
  2. Berliner Zeitung (Faktencheck Illner)berliner-zeitung.de
  3. T-Online (Lucassen Rücktritt)t-online.de
  4. ZDF (Lucassen Rücktritt)zdfheute.de
  5. Handelsblatt (Lucassen Rücktritt)handelsblatt.com
  6. taz (Höcke-Kritiker Lucassen)taz.de
  7. Apollo News (Streit bei Illner)apollo-news.net
  8. DGAP (Anatomie der Anti-Zeitenwende)dgap.org
3. August 2026, 0:45 Uhr578 Wörter · 3 Min. Lesezeit

In der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ debattierten am 31. Juli CDU-Außenpolitiker Armin Laschet und AfD-Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen über Europas Kurs zwischen Trump und Putin. Laschet fasste sein Argument so zusammen: „Die AfD will eine schwache EU.“ An Lucassen gerichtet sagte er: „Solange Sie sich nicht klar zum europäischen Einigungsprozess der Nachkriegsjahre bekennen, sind Sie eine Gefahr.“ Was auf dem Podium nach einem Schlagabtausch aussah, verdeckt eine tiefere Frage: Die AfD hat keine kohärente Europapolitik. Sie hat zwei konkurrierende Flügel, die sich gegenseitig bekämpfen.

Was Lucassen vertritt und was nicht

Rüdiger Lucassen ist innerhalb der AfD ein Ausnahmefall. Als ehemaliger Bundeswehr-Oberst vertritt er eine pro-westliche Linie: Russland-Abschreckung, Wiedereinführung der Wehrpflicht, Ausbau der Streitkräfte. Er war einer von drei AfD-Politikern, die zur Münchner Sicherheitskonferenz eingeladen wurden. In diesem Sinne ist Lucassen beim Illner-Auftritt kein typischer AfD-Repräsentant, was die EU angeht, jedenfalls nicht in Bezug auf Russland. Er bekennt sich klar zur Abschreckung, eine Position, die er innerhalb der Fraktion aktiv vertritt.

Doch Lucassen unterscheidet im Kern zwischen „Europa“ als geografischer und kultureller Größe und der „EU“ als Institution. Eine gemeinsame europäische Armee lehnt er ab. Er fordert eine deutsche Führungsrolle in Europa, will aber keine institutionell starke EU, die diese Führung bindet. Laschet nennt das eine semantische Taktik: „Sie verwenden bewusst unklare Sprache, weil die AfD eine schwache EU will.“

Der Machtkampf dahinter

Dass Lucassen beim Illner-Auftritt überhaupt noch zur AfD spricht, ist bemerkenswert. Bereits im April 2026 hatte die AfD-Fraktion ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet, nachdem er Björn Höcke im Bundestag öffentlich angegriffen hatte, konkret wegen Höckes Haltung zur Wehrpflicht. Im Kern: Lucassen wollte die Wehrpflicht, Höcke und der ostdeutsche Flügel positionieren die AfD lieber als Friedenspartei. Lucassen kam der Abwahl zuvor und trat von seinem Posten als verteidigungspolitischer Sprecher zurück.

Dieser interne Konflikt ist für Laschets Argument relevant: Die AfD hat keine einheitliche Außenpolitik. Lucassen steht für den westdeutschen, NATO-freundlichen Flügel. Höcke, Siegmund und der ostdeutsche Mehrheitsflügel stehen für eine Außenpolitik, die Russland-Sanktionen ablehnt, eine EU-Armee ablehnt und die Partei lieber als Alternative zur Eskalation profiliert. Beide Richtungen existieren gleichzeitig, eine hat gerade den verteidigungspolitischen Sprecher verdrängt.

Was die AfD-Außenpolitik konkret heißt

Jenseits des Flügelstreits sind die AfD-Positionen zur EU-Außenpolitik im Europawahlprogramm festgeschrieben: Die Partei lehnt eine gemeinsame EU-Außen- und Sicherheitspolitik mit rechtlich verbindlichem Charakter ab. Sie fordert die Aufhebung bestehender EU-Sanktionen gegen Russland. Eine europäische Armee wird abgelehnt. Laut einer Statista-Umfrage aus 2025 befürworten nur 51 Prozent der AfD-Anhänger eine gemeinsame EU-Armee, gegenüber 71 Prozent im Bevölkerungsdurchschnitt und 80 Prozent der CDU/CSU-Anhänger.

Laschets Kern-Argument richtet sich gegen diese programmatischen Positionen, nicht gegen Lucassens persönliche Haltung. Lucassen selbst ist erkennbar westlicher ausgerichtet als das Programm seiner Partei, was einen Teil des parteiinternen Konflikts erklärt.

Der Sachsen-Anhalt-Faktor

Die Illner-Debatte fand fünf Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt. Die AfD steht in Umfragen bei 41 Prozent. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ist dem Höcke-Flügel zuzurechnen, nicht dem Lucassen-Flügel. Ein Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt würde den ostdeutschen Mehrheitsflügel stärken und Lucassens Position innerhalb der Fraktion weiter schwächen. Das hätte keine direkte Auswirkung auf die Bundesaußenpolitik, wohl aber auf die innere Gewichtsverteilung der AfD und ihre Außendarstellung.

Für Laschet, den Außenpolitiker der CDU, hat die Debatte einen praktischen Hintergrund: In einer EU-Außenpolitik, die alle 27 Mitgliedsstaaten einbindet, sind nationale Vetospieler, die gemeinsame Sanktionspolitik blockieren wollen, das strukturelle Kernproblem. Das E3-Format mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien, das er im Illner-Gespräch erwähnte, reiche dafür nicht aus. Europa müsse mit einer Stimme sprechen. Ob das gelingt, hängt nicht nur von der AfD in Sachsen-Anhalt ab.

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