Berliner Laser misst Blutzucker ohne Fingerpiks
Seit mehr als dreißig Jahren scheitern Forscher immer wieder an derselben Aufgabe: Glukose im Blut messen, ohne die Haut zu durchstechen. Zahllose Prototypen, Studien, Fehlanzeigen. Jetzt hat das Berliner Unternehmen DiaMonTech als erstes Startup weltweit eine klinische Studie veröffentlicht, die zeigt: Ein Infrarotlaser kann Blutzucker durch die Haut hindurch messen, mit einer Genauigkeit, die frühen Generationen medizinisch zugelassener Sensortechnik entspricht. Für die rund 10 Millionen Diabetikerinnen und Diabetiker in Deutschland könnte das der Beginn einer grundlegenden Veränderung im Alltag sein.
Täglich Blut zapfen
Wer Insulin dosiert, braucht mehrmals täglich Glukosewerte. Die klassische Methode ist seit Jahrzehnten identisch: Fingerkuppe einstechen, Bluttropfen auf einen Teststreifen, Messwert nach Sekunden. Moderner funktioniert das mit kontinuierlichen Glukosesensoren (CGM), die ein feines Filament wenige Millimeter unter die Haut schieben und dort alle paar Minuten messen. Systeme wie der Dexcom G7 oder der Abbott FreeStyle Libre 3 sind unter Typ-1-Diabetikerinnen und Typ-1-Diabetikern weit verbreitet. Sie liefern deutlich mehr Daten, aber auch sie erfordern einen Eingriff: Das Sensorfilament muss eingesetzt werden, alle 14 Tage ausgewechselt und kostet rund 50 bis 60 Euro pro Sensor.
DiaMonTechs Ansatz braucht keinen Einstich, keinen Sensor unter der Haut, kein Verbrauchsmaterial. Ein Infrarotlaser richtet einen Strahl auf die Haut und misst die Wärme, die entsteht, wenn Glukosemoleküle das Licht absorbieren.
Was die Studie zeigt
Die klinische Studie wurde im November 2025 in der Fachzeitschrift Communications Medicine veröffentlicht, einem Journal der Nature-Gruppe mit Peer-Review-Verfahren. 36 Teilnehmer wurden am Institut für Diabetes-Technologie in Ulm getestet. Das Gerät nutzt einen Quantenkaskadenlaser und tastet die Haut mit Wellenlängen zwischen 8 und 12 Mikrometern ab. In diesem Bereich zeigen Glukosemoleküle eine spezifische Absorption, ein sogenanntes molekulares Fingerabdruckmuster. Die entstehende Wärmebewegung an der Hautoberfläche registriert ein Photothermal-Detektor.
Die Messgenauigkeit, in der Medizintechnik als mittlere absolute relative Abweichung (MARD) angegeben, lag bei 20,7 Prozent im ersten und 19,6 Prozent im zweiten Messdurchgang. Diese Werte entsprechen dem, was frühe, von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassene CGM-Geräte der ersten Generation Anfang der 2000er-Jahre erreichten. Aktuelle Sensorsysteme von Dexcom und Abbott liegen heute bei 9 bis 11 Prozent MARD. DiaMonTechs Lasergerät ist also noch nicht so genau wie ein modernes CGM, aber es beweist erstmals in einer kontrollierten klinischen Studie, dass das Prinzip funktioniert.
Das klingt wie eine technische Einschränkung, ist aber aus wissenschaftlicher Sicht der entscheidende Sprung: Frühere Behauptungen anderer Firmen über nicht-invasive Glukosemessung hielten unabhängiger Überprüfung nie stand. DiaMonTechs Ergebnisse wurden jetzt von externen Gutachtern geprüft und in einem renommierten Journal veröffentlicht.
Warum nicht-invasiv so schwer ist
Die Haut ist kein simples Messfenster. Wasser, Fett, Kollagen, Melanin und Häm absorbieren Infrarotlicht jeweils anders. Diese Überlagerungen machen es extrem schwer, das Glukosesignal herauszufiltern. Dutzende Unternehmen haben an diesem Problem gearbeitet, viele mit erheblichem Kapital. Apple testete jahrelang eine Uhrensensor-Lösung, ohne bisher ein marktreifes Produkt vorzustellen. Samsung, Google und mehrere Biotechstartups forschten parallel, ohne klinische Validierung vorzuweisen.
DiaMonTechs Durchbruch liegt in der Wahl des Wellenlängenbereichs. Zwischen 8 und 12 Mikrometern haben Glukosemoleküle eine so charakteristische Absorption, dass sie sich trotz der komplexen Hautmatrix vom Hintergrundsignal trennen lassen. Das Verfahren ist laut Studienveröffentlichung schmerzfrei und ohne bekannte Nebenwirkungen und benötigt keine Einwegmaterialien.
Von der Studie zum Markt
DiaMonTech entwickelt das D-Pocket, ein Handgerät in Smartphonegröße für den Alltag. Die Markteinführung ist für 2026/2027 geplant, vorbehaltlich der CE-Zertifizierung nach der europäischen Medizinprodukteverordnung MDR. Zwischen klinischer Studie und Marktzulassung liegt ein aufwendiger Prozess: Das Gerät muss die erforderlichen Genauigkeitsstandards in größeren Patientenkohorten belegen und Zulassungsverfahren in Europa und den USA durchlaufen.
Das EU-Innovationsnetzwerk EIT Health begleitet das Berliner Unternehmen. Eine Zertifizierung als Medizinprodukt der Klasse IIa würde den Einsatz zur Behandlungsunterstützung, nicht nur zur Orientierung, erlauben. Bis dahin bleibt das D-Pocket ein Gerät für Punktmessungen zwischen den Mahlzeiten, kein Ersatz für ein CGM. Aber auch das wäre für viele Betroffene eine erhebliche Erleichterung: Menschen mit Typ-2-Diabetes, die kein CGM tragen, aber gelegentlich messen müssen, würden von einem nadelfreien Gerät direkt profitieren.
In Deutschland gibt es rund 7,5 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes und etwa 370.000 mit Typ 1. Die Kassenzulassung für CGM-Geräte ist in Deutschland auf Typ-1-Diabetiker beschränkt, sofern keine besonderen Indikationen vorliegen. Typ-2-Diabetiker zahlen Sensoren oft selbst, 600 bis 800 Euro im Jahr. Ein nicht-invasives Handgerät ohne Verbrauchskosten würde diese Versorgungslücke schließen.