
Washingtons Kriminalität: Trumps Rechnung stimmt nicht
Quellen (11)
- CNNcnn.com
- NPRnpr.org
- Frankfurter Rundschaufr.de
- Newsweek (crime data)newsweek.com
- Newsweek (costs)newsweek.com
- NPR (Niskanen-Studie)npr.org
- Council on Criminal Justicecounciloncj.org
- Center for American Progressamericanprogress.org
- Reason.comreason.com
- Daily Signaldailysignal.com
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
Karoline Leavitt, 28, verlässt Ende August das Weiße Haus. Als jüngste Pressesprecherin in der Geschichte der Vereinigten Staaten hat sie anderthalb Jahre lang Trumps Behauptung verteidigt, die Nationalgarde habe die Kriminalität in Washington um bis zu 92 Prozent gesenkt. Was die tatsächlichen Daten zeigen, ist ein anderes Bild.
Die Behauptung
Trump wiederholte in Interviews und auf TruthSocial regelmäßig, die Stationierung der Nationalgarde in Washington habe die Kriminalität um 88 bis 92 Prozent reduziert. Leavitt bestätigte und verbreitete diese Zahlen in Briefings und öffentlichen Auftritten. Die Nationalgarde wurde kurz nach Trumps Amtsantritt im Januar 2025 in die Hauptstadt beordert und ist seitdem dauerhaft stationiert, mit offiziell erklärtem Ziel: Kriminalitätsbekämpfung in einer Bundeshauptstadt, die seit Jahren mit hohen Verbrechensraten kämpft.
Was die Daten sagen
Richtig ist: Die Mordrate in Washington ist deutlich gesunken. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 41 Prozent weniger Homizide gezählt als im gleichen Zeitraum 2025. Im Jahresvergleich liegt der Rückgang bei 32 Prozent, nach Angaben des Council on Criminal Justice, einem überparteilichen Forschungsinstitut. Autodiebstähle sanken um 54 Prozent, Fahrzeugentwendungen (Carjackings) um 63 Prozent.
Falsch ist: Dass Gewaltverbrechen insgesamt gesunken sind. Schwere Körperverletzungen (Aggravated Assaults) stiegen um 45 Prozent. Waffengewalt legte um 13 Prozent zu. Die Gesamtzahl der Gewaltverbrechen in Washington stieg im selben Zeitraum um drei Prozent. Die Zahlen, die Trump und Leavitt zitierten, waren real, aber selektiv.
Entscheidend ist ein weiterer Befund: Das Niskanen Center, ein überparteilicher Thinktank in Washington, veröffentlichte im Juni 2026 eine Studie zu den Effekten der Nationalgarde auf die Kriminalität. Ergebnis: Die Präsenz der Truppen hatte keinen nachweisbaren Effekt auf Gewaltverbrechen. Sie reduzierten kleinere Eigentumsdelikte, nicht aber die Taten, die Trump in seiner Bilanz besonders hervorhob. Parallel dazu berichtete die Washington Post, dass der Rückgang bei Morden und Fahrzeugdiebstählen bereits vor dem Einsatz der Nationalgarde einsetzte, als Fortsetzung eines Abwärtstrends, der 2023 begann.
Was diese Bilanz kostet
Die Kosten der dauerhaften Stationierung belaufen sich nach aktuellen Regierungsangaben auf weitere 1,4 Milliarden Dollar bis Januar 2029. Das kommt auf die bereits verausgabten 1,7 Milliarden Dollar der ersten 18 Monate. Zusammen zahlt die US-Bundesregierung also rund drei Milliarden Dollar für eine Nationalgarde-Präsenz in einer Hauptstadt, deren Effekt auf Gewaltverbrechen nach unabhängiger Forschung minimal ist.
DC-Bürgermeisterin Muriel Bowser hat die Stationierung wiederholt kritisiert: als Eingriff in die Eigenständigkeit der Hauptstadt und als Maßnahme, die von bewährten lokalen Polizeimethoden ablenke. Sie fordert stattdessen Investitionen in reguläre Polizeiarbeit und soziale Prävention. Die Trump-Administration hat diesen Einwand ignoriert.
Was Leavitts Abgang bedeutet
Trump beschrieb ihren Abgang in gewohnt loyaler Sprache: „eine meiner vertrauenswürdigsten Mitarbeiterinnen“, die ihren Posten aufgebe, „um mehr Zeit mit ihren Kindern und ihrer Familie zu verbringen, eine Entscheidung, die ich vollständig verstehe und respektiere“. Leavitt hatte im Mai 2026 ihr zweites Kind zur Welt gebracht, war kurz darauf noch einmal in das Amt zurückgekehrt und tritt nun Ende August endgültig ab. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin hat Trump nicht benannt.
In ihrer Amtszeit war Leavitt mehr als eine Sprecherin. Sie war die Kommunikationsfigur hinter Trumps Darstellung innenpolitischer Erfolge, darunter eben die Kriminalitätsstatistiken zu Washington. Dass sie das Amt verlässt, während die selektiven Zahlen weiterhin im Raum stehen, ist auch eine Frage daran, wie das Weiße Haus künftig mit unbequemen Fakten umgeht.
Das Muster: Selektive Statistik
Trumps Kriminalitätsrhetorik zu Washington folgt einem Muster, das in anderen politischen Kontexten ebenfalls zu beobachten ist: Aus einem mehrdimensionalen Datensatz werden jene Indikatoren herausgegriffen, die eigene Maßnahme bestätigen. Der Rest bleibt unerwähnt. Das hat nichts mit Fälschung zu tun, verfehlt aber die vollständige Wahrheit.
Der Rückgang bei Morden in Washington ist real und positiv. Ob er kausal auf die Nationalgarde zurückgeht, ist empirisch nicht belegt. Dass schwere Gewalt gleichzeitig zunahm, gehört zur Bilanz. Auf diese Fragen hat die Regierung bisher keine öffentliche Antwort gegeben. Wer auch immer Leavitt nachfolgt, erbt dieses offene Konto.
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