Warnstreiks in Metallindustrie beginnen nach Mitternacht
Wirtschaft

Warnstreiks in Metallindustrie beginnen nach Mitternacht

In der Nacht zum 1. November sind in der deutschen Metall- und Elektroindustrie die ersten Warnstreiks angelaufen, direkt nachdem die Friedenspflicht um Mitternacht ausgelaufen war. Grund ist der Tarifstreit um höhere Entgelte und die Sicherung von Beschäftigung, nachdem die IG Metall das Angebot der Arbeitgeber als Minus-Angebot zurückgewiesen hat. Die IG Metall kündigte für die kommenden Tage weitere Warnstreiks an.

Quellen (12)
  1. 300 Beschäftigte von thyssenkrupp Rasselstein legten in demitte.igmetall.de
  2. Metall- und Elektroindustrie: Warnstreiks der IG Metall kurz nach Mitternacht angelaufenhandelsblatt.com
  3. 2026-10-31 Rund 300 Metallerinnen und Metaller setzen Startsignal in Hildesheimnieder-sachsen-anhalt.igmetall.de
  4. Tarifrunde 2024 - Arbeitgeberverband Gesamtmetallgesamtmetall.de
  5. Tarifverhandungen 2026: Arbeitgeber legen Angebot vor | NiedersachsenMetallniedersachsenmetall.de
  6. Pressemitteilung: Zweite Tarifverhandlung M+E MITTE - vem.diearbeitgebervem.diearbeitgeber.de
  7. Reaktion auf Minus-Angebot: IG Metall startet Warnstreiksigmetall.de
  8. Hildesheim: Ende der Friedenspflicht – IG Metall läutet Warnstreiks ein - WELTwelt.de
  9. ifo Geschäftsklimaindex gestiegen (Oktober 2026) | ifo Geschäftsklima Deutschland | ifo Institutifo.de
  10. Gesamtmetall-Blitzumfrage: Schwerste Krise der Metall- und Elektro-Industrie seit Gründung der Bundesrepublik hält angesamtmetall.de
  11. Inflationsrate im Oktober 2026 voraussichtlich +2,8 % - Statistisches Bundesamtdestatis.de
  12. M+E-Tarifrunde: Erste Warnstreiks im Südwestenbaden-wuerttemberg.igmetall.de
1. November 2026, 4:42 Uhr800 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Um Mitternacht legte die Nachtschicht bei thyssenkrupp Rasselstein in Andernach die Arbeit nieder; rund 300 Beschäftigte von thyssenkrupp Rasselstein und weitere Gäste aus umliegenden Betrieben versammelten sich vor dem Werkstor, unmittelbar nachdem die Friedenspflicht ausgelaufen war. In Hildesheim kamen nach Angaben der Gewerkschaft ebenfalls rund 300 Metallerinnen und Metaller zusammen, um die Friedenspflicht auszuläuten.

Vom Tarifabschluss 2024 zum Streikbeginn

Der Tarifabschluss vom 12. November 2024 in Hamburg hatte laut Arbeitgeberverband Gesamtmetall eine Laufzeit von 25 Monaten bis zum 31. Oktober 2026. Dieser Vertrag sah zuletzt zum 1. April 2026 eine Tabellenerhöhung von 3,1 Prozent vor, nachdem bereits eine Einmalzahlung von 600 Euro und eine frühere Stufe von 2,0 Prozent vereinbart worden waren. Für die neue Runde fordert die IG Metall fünf Prozent mehr Entgelt für Beschäftigte und Auszubildende bei zwölf Monaten Laufzeit, eine soziale Komponente für untere Entgeltgruppen und eine Gewinnbeteiligung in wirtschaftlich erfolgreichen Betrieben. Nach Darstellung der Gewerkschaft legten die Arbeitgeber in der ersten Verhandlung nichts vor, in der zweiten folgte ein bundesweit abgestimmtes Angebot der Verbände aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Das sieht für 2026 und 2027 keine Erhöhung der Tabellenentgelte vor, lediglich eine im Juli 2027 fällige und bei schwacher Rendite streichbare Einmalzahlung von einem Prozent des durchschnittlichen tariflichen Jahresbruttoentgelts, dazu ab Juli 2028 ein Plus von 1,3 Prozent bei einer Laufzeit bis Ende 2028. Die Einmalzahlung soll zudem nach den Regeln der sogenannten Automatischen Differenzierung an die wirtschaftliche Lage des jeweiligen Unternehmens angepasst werden können.

IG Metall sieht Reallohnverlust, Arbeitgeber schwierige Lage

IG-Metall-Chefin Christiane Benner verlangte ein klares Bekenntnis der Arbeitgeber zu Standorten und Beschäftigten und erklärte, das sogenannte Angebot provoziere in den Betrieben nur Unverständnis und Wut, weshalb die Beschäftigten mit starken Warnstreiks reagieren würden. André Arenz, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, bezeichnete das Angebot als Minus-Angebot mit Reallohnverlusten und sagte, Verzicht rettet keinen Beschäftigten, keinen Standort und erst recht nicht die Konjunktur. Vor dem Werkstor in Andernach erklärte Jörg Köhlinger, Bezirksleiter der IG Metall Mitte, die Arbeitgeber sähen Beschäftigte als reine Kostenfaktoren und kündigte den nächtlichen Streik als Auftakt einer massiven Warnstreikphase an. Markus Eulenbach, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Neuwied, sprach von mangelndem Respekt der Arbeitgeber und forderte ein deutliches Entgegenkommen, um die Kaufkraft der Beschäftigten nachhaltig zu steigern. Auf Arbeitgeberseite begründete Ralph Wangemann, Verhandlungsführer von M+E MITTE, das frühe Angebot mit der schwierigen Lage der Industrie und verwies darauf, dass die Beschäftigten aus dem laufenden Vertrag seit April bereits eine Entgelterhöhung von 3,1 Prozent erhalten hätten. Thomas Merfeld, Vorsitzender von vem.die arbeitgeber, nannte das Angebot einen konstruktiven Schritt zu einer Lösung und erklärte, viele Betriebe könnten sich angesichts der Lage dauerhafte zusätzliche Belastungen nicht leisten.

Aufhellung trifft Schrumpfungsdiagnose

Das ifo Institut meldete für Oktober einen gestiegenen Geschäftsklimaindex von 90,2 Punkten nach 89,9 im September; im Verarbeitenden Gewerbe drehten Lage und Erwartungen demnach erstmals seit mehr als drei Jahren wieder ins Plus. Gesamtmetall zeichnet für die eigene Branche ein anderes Bild: Laut einer Blitzumfrage unter 1.461 Mitgliedsunternehmen mit rund 800.000 Beschäftigten lagen bei 42 Prozent der Firmen die Neuaufträge unter dem Vorjahr, nur bei 23 Prozent stiegen sie. 39 Prozent der befragten Unternehmen schätzen ihre Lage als schlecht ein, 85 Prozent erwarten in den kommenden sechs Monaten keine Verbesserung oder sogar eine weitere Verschlechterung und 42 Prozent planen laut der Umfrage weiteren Personalabbau. Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander erklärte dazu, über 10.000 Betriebe der Branche schrumpften, mehr als 1.000 drohe sogar die Schließung; wie der Verband zu diesen Zahlen kommt, führt die Mitteilung nicht aus. Hinzu kommt die Preisentwicklung: Das Statistische Bundesamt bezifferte die Inflationsrate für Oktober vorläufig auf 2,8 Prozent, bei Energie lag der Anstieg zum Vorjahresmonat voraussichtlich bei 12,2 Prozent nach 14,9 Prozent im September. Endgültige Zahlen für Oktober will die Behörde erst am 11. November veröffentlichen.

Baden-Württemberg folgt am Montag

Nach dem nächtlichen Auftakt kündigte die IG Metall weitere Warnstreiks im Tarifgebiet der Mittelgruppe mit Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sowie in Thüringen für die kommenden Tage an. Nach Angaben des Handelsblatts soll die Protestwelle in der kommenden Woche auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet werden; betroffen seien unter anderem Autobau, Maschinenbau, Elektronik und Metallerzeugung. In der Nacht habe es demnach auch beim Mobilfunkzulieferer RF 360 Europe/Qualcomm in München eine Aktion gegeben. In Baden-Württemberg ging die zweite Verhandlung nach Angaben der IG Metall ohne Annäherung zu Ende; die Gewerkschaft nannte das Angebot von Südwestmetall „nicht verhandlungsfähig“ und erklärte, dass es keine Perspektive für Arbeitsplätze und Standorte biete. Weil der 1. November auf einen Sonntag und Feiertag fällt, sollen die großen Warnstreiks dort am Montag, den 2. November, beginnen; Barbara Resch, Verhandlungsführerin und Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg, kündigte an, bis zur nächsten Verhandlung mit Warnstreiks ordentlich Druck zu machen und dort ein verbessertes Angebot und ein richtiges Konzept für die industrielle Zukunft zu erwarten. Die Arbeitgeberverbände selbst erklären, sie setzten auf konstruktive Verhandlungen mit der IG Metall.

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