Blume kürzt VW-Kapazität um weitere Million Autos
Volkswagen-Chef Oliver Blume will die Produktionskapazität des Konzerns um weitere eine Million Fahrzeuge pro Jahr kürzen. Das Ziel liegt bei neun Millionen Einheiten jährlich, was exakt der tatsächlichen weltweiten Nachfrage nach Fahrzeugen des Wolfsburger Konzerns entspricht. Die Ankündigung, die Blume dem Manager Magazin am Dienstag gab, markiert das Ende eines Jahrzehnts, in dem Volkswagen sein Wachstum vor allem an Stückzahlen gemessen hat.
Drei Millionen Einheiten weniger als Ziel
Volkswagen verfügte vor Beginn der aktuellen Restrukturierung über eine Gesamtkapazität von mehr als zwölf Millionen Fahrzeugen pro Jahr. In China hat der Konzern bereits eine Million Einheiten abgebaut. In Europa steht eine weitere Reduktion um eine Million bis 2028 auf dem Plan. Die jetzt angekündigte dritte Runde würde die Gesamtreduzierung auf drei Millionen Einheiten bringen, von über zwölf auf neun Millionen.
Die Begründung ist sachlich: Die weltweite Nachfrage nach VW-Konzernprodukten stagniert seit der Coronapandemie bei rund neun Millionen Einheiten. Vor 2020 produzierte der Konzern noch elf Millionen Fahrzeuge jährlich und plante weiteres Wachstum. Die erhoffte Erholung blieb aus. Überkapazitäten kosten Milliarden für Energie, Personal und Anlagenunterhalt, ohne je ausgelastet zu werden.
Keine Werksschließungen, aber 50.000 Jobs weg
Parallel zum Kapazitätsabbau streicht VW derzeit 50.000 Arbeitsplätze in Deutschland, bei der Kernmarke sowie bei Audi und Porsche. Das entspricht gut zehn Prozent der deutschen Konzernbelegschaft. Blume hat für die neue Runde keine zusätzlichen Stellenstreichungen in Aussicht gestellt, schließt sie aber nicht explizit aus.
Was er ausdrücklich vermeiden will, sind Werksschließungen in Deutschland. Stattdessen setzt er auf das, was er „intelligente Methoden“ nennt. Die konkreteste davon: Überschusskapazitäten verkaufen statt stillzulegen. VW habe bereits mit möglichen Interessenten für einzelne Produktionsanlagen gesprochen, sagte Blume. Käufer könnten asiatische Hersteller sein, die günstig Produktionsfläche in Europa suchen.
Für die Standorte Osnabrück und Dresden ist die Lage trotzdem angespannt. In Osnabrück fertigt VW Kleinstserien mit niedrigen Auslastungsquoten. Dresden produziert das Elektromodell ID.3, aber in zu kleinen Stückzahlen, um den Standort dauerhaft wirtschaftlich zu rechtfertigen. Ob Blumes angekündigte Methoden reichen, diese Werke zu erhalten, bleibt vorerst offen.
Volkswagen ist nicht allein
Die europäische Automobilindustrie kämpft insgesamt mit einer strukturellen Überkapazität. Die Ursachen sind bekannt: Der Übergang zur Elektromobilität verschiebt die Nachfrage weg von profitablen Verbrennermodellen. Chinesische Hersteller wie BYD und SAIC nehmen europäischen Marken Anteile in Asien ab und dringen zunehmend auch in den europäischen Markt vor. Gleichzeitig wächst die globale Mittelschicht langsamer als in den Planungen der 2010er-Jahre angenommen.
Volkswagen trifft diese Entwicklung besonders hart, weil der Konzern sein Geschäftsmodell auf Volumenwachstum ausgerichtet hatte. Die Expansion des Markennetzwerks mit Skoda, Seat und Cupra sowie der Aufbau gewaltiger Kapazitäten in Osteuropa und China gründeten auf der Erwartung dauerhafter Nachfragesteigerung. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt.
Der Branchenanalyst Ferdinand Dudenhöffer hatte 2024 errechnet, dass die strukturelle Überkapazität der deutschen Automobilindustrie mindestens fünf Millionen Einheiten betrage. VW macht den Löwenanteil davon aus, ist aber nicht das einzige Unternehmen mit diesem Problem. Auch Stellantis und Ford haben in den vergangenen Monaten Kapazitäten in Europa abgebaut.
Was das für Beschäftigte und Verbraucher bedeutet
Für die verbleibenden deutschen VW-Beschäftigten nach dem ersten Stellenabbaupaket bedeutet die Ankündigung neue Unsicherheit. Welche Werke von der dritten Kapazitätsrunde konkret betroffen sind, hat Blume noch nicht offengelegt. Betriebsrat und IG Metall werden in den nächsten Wochen konkrete Planungen einfordern. Die Arbeitnehmervertreter hatten die bisherigen Stellenstreichungen als zu weitreichend kritisiert und auf die Bedeutung der Standorte für ihre Regionen hingewiesen.
Für Verbraucher ändert sich kurzfristig wenig. Volkswagen will weiterhin dieselben Modelle anbieten, nur in geringeren Stückzahlen produzieren. Ob die Kapazitätsreduzierung mittelfristig zu höheren Fahrzeugpreisen führt, hängt davon ab, ob auch andere Hersteller ihre Kapazitäten senken. Sinkt das Gesamtangebot in Europa, schwächt sich der Preisdruck auf alle Anbieter ab.
Hauptversammlung im Mai als nächste Weichenstellung
Blume hat angekündigt, zur Hauptversammlung im Mai 2026 konkrete Schritte zur Umsetzung des weiteren Kapazitätsabbaus vorzustellen. Bis dahin werden die Verhandlungen mit IG Metall und Gesamtbetriebsrat intensiviert. Das strategische Ziel ist formuliert: Volkswagen soll profitabler werden, auch wenn der Konzern dafür deutlich kleiner wird.