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International
Drohnenangriff auf Russlands Ostseeterminal Primorsk

Drohnenangriff auf Russlands Ostseeterminal Primorsk

Ukraine hat in der Nacht zum 3. Mai das Primorsk-Terminal an der Ostsee angegriffen, Russlands wichtigsten Rohölexporthafen an der Baltik. 334 ukrainische Drohnen flogen gleichzeitig 15 russische Regionen an. Russland schoss 268 Drohnen zurück, drei Menschen starben in Odessa.

4. Mai 2026, 0:36 Uhr 762 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Ukraine hat in der Nacht zum 3. Mai das Primorsk-Terminal an der Ostsee angegriffen, einen der wichtigsten russischen Rohölexporthäfen überhaupt. 334 ukrainische Drohnen flogen gleichzeitig Ziele in 15 russischen Regionen an. Zeitgleich schoss Russland 268 Drohnen und eine Rakete auf ukrainische Städte ab, drei Menschen starben in der Odessa-Region. Der Drohnenkrieg beider Seiten läuft auf Hochtouren, während Wladimir Putin öffentlich eine Feuerpause für den 9. Mai anbietet.

Primorsk: Russlands Öltor an die Ostsee

Der Hafen von Primorsk liegt am Finnischen Meerbusen in der Leningrader Oblast und ist über die Baltische Pipeline an das russische Transneft-Netz angebunden. Mit einer Tageskapazität von einer Million Barrel Rohöl gehört er zu den bedeutendsten russischen Exporthäfen für Schweres Baltik-Rohöl, das vor allem an asiatische Raffinerien und über Drittländer nach Europa gelangt. Primorsk ist damit Teil der Exportinfrastruktur, die Russlands Staatskasse täglich mit Öleinnahmen versorgt.

Ukrainische Drohnen setzten das Terminal in Brand. Alexander Drozdenko, Gouverneur der Leningrader Oblast, erklärte, das Feuer sei schnell gelöscht worden und es habe keinen Ölaustritt ins Meer gegeben. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte dennoch erhebliche Schäden am Ölterminal und dem Hafengelände. Mitgetroffen wurden ein Öltanker, ein Karakurt-Raketenschiff der russischen Kriegsmarine sowie ein Patrouillenboot. Das Karakurt-Schiff ist ein modernes Raketenkorvett; Russland verfügt nach eigenen Angaben über gut zwei Dutzend dieser Klasse, die auch im Schwarzen Meer eingesetzt werden.

Schattenflotte im Visier

Parallel zu den Primorsk-Angriffen griffen ukrainische Drohnen in der Nacht zwei Tankschiffe der russischen Schattenflotte am Schwarzmeerhafen Noworossijsk an. Die Schattenflotte besteht aus Tankern unter wechselnden Flaggen und Eigentümerstrukturen, die russisches Öl außerhalb des westlichen Finanzsystems transportieren und damit Sanktionen umgehen. Das US-Finanzministerium hat mehrere Schiffe dieser Flotte bereits sanktioniert, ohne den Betrieb vollständig unterbrechen zu können.

Wenn ukrainische Drohnen diese Tanker beschädigen oder zerstören, trifft das Russland an einem Punkt, den Sanktionen allein nicht erreichen: der physischen Transportkapazität. Selenskyj formulierte das nüchtern: Jedes solche Ergebnis begrenze Russlands Kriegspotenzial weiter.

Für Deutschland ist das nicht abstrakt. Brent-Rohöl notiert nach Angaben der Internationalen Energieagentur derzeit bei rund 111 Dollar pro Barrel, deutlich über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Jede weitere Störung russischer Exportkapazitäten kann den Preis treiben, obwohl der Westen formal kein russisches Öl mehr kauft. Denn die weltweiten Ölmärkte reagieren auf Angebotssignale, nicht auf Herkunftszertifikate.

Russlands Nacht über der Ukraine

Während Ukraine russische Exportinfrastruktur angriff, schoss Russland 268 Drohnen und eine Rakete auf ukrainische Ziele ab. In der Odessa-Region trafen Drohnen drei Wohngebäude, zwei weitere wurden beschädigt. Gouverneur Oleh Kiper bestätigte drei Tote. Im Gebiet Cherson wurde ein Mensch getötet, im Gebiet Dnipro ein weiterer. Russlands Abwehr gab an, in der Nacht über 60 ukrainische Drohnen abgeschossen zu haben.

Die Angriffszahlen setzen einen Trend fort. In der Nacht zum 1. Mai hatte Russland über 400 Drohnen eingesetzt, am 2. Mai 227. Der April-Durchschnitt lag nach ukrainischen Angaben bei mehr als 200 russischen Drohnen täglich. Der Angriff in der Nacht zum 3. Mai ist in diesem Kontext kein Rekord, aber kein Ausreißer nach unten.

Ein Widerspruchsprotokoll

Die Gleichzeitigkeit fällt auf. Am 29. April telefonierte Putin 90 Minuten mit Donald Trump und signalisierte Bereitschaft zu einer Feuerpause am 9. Mai, dem russischen Tag des Sieges. In den Tagen danach feuerte Russland mehr als 900 Drohnen auf ukrainisches Territorium, Nacht für Nacht.

Kremlsprecher Dmitri Peskow kommentierte den Angriff auf Primorsk mit bemerkenswert unverhüllter Logik: Selbst bei sinkenden Exportvolumen würden russische Unternehmen durch höhere Ölpreise mehr verdienen. Das ist Kalkül, kein Versprechen. Russland führt Gespräche und kämpft weiter. Ukraine greift Infrastruktur an und wartet nicht auf eine Feuerpause, die niemand formal ausgerufen hat.

Primorsk kombiniert sich mit dem Angriff auf Tuapse vom 1. Mai zu einem Muster: Ukraine trifft Russlands Ölinfrastruktur an beiden Meeresküsten, Ostsee und Schwarzes Meer. Ob das den Exporterlös spürbar senkt, hängt davon ab, wie schnell Russland die Schäden beheben kann. Gouverneur Drozdenko versuchte zu beruhigen. Selenskyj sah das offenbar anders.

Sechs Tage bis zum 9. Mai

Putin hat bislang keine formelle Erklärung zur Feuerpause abgegeben. Kremlberater Juri Uschakow hatte angekündigt, die Ankündigung werde in den nächsten Tagen folgen. Selenskyj hat Washington gebeten, die Details zu klären: Ob es sich um einige Stunden Ruhe für eine Parade auf dem Roten Platz handelt oder um etwas Substanzielleres. Eine Antwort aus Washington ist bislang ausgeblieben. Am 9. Mai findet die Parade im Sparformat statt, ohne Panzer und Raketenwerfer, weil das schwere Gerät an der Front gebraucht wird. Die Drohnen fliegen weiter.

Quellen (6)