
Türkei schränkt Dardanellen ein: Moratorium gefordert
Quellen (9)
- Deutschlandfunk: Türkei fordert Russland und Ukraine auf, Angriffe im Schwarzen Meer zu stoppendeutschlandfunk.de
- Kyiv Post: Turkey Restricts Black Sea Shipping, Urges Moratoriumkyivpost.com
- gCaptain: Turkey Restricts Black Sea Ship Traffic After Surge In Attacksgcaptain.com
- Ukrainska Pravda: Turkey offers Ukraine and Russia moratorium on military operations in Black Seapravda.com.ua
- Jordan News: Turkey Restricts Shipping via the Dardanelles Straitjordannews.jo
- Pravda DE: Türkei schlägt Moratorium für militärische Aktivitäten im Schwarzen Meer vordeutsch.news-pravda.com
- Pravda DE: Türkei fordert Russland und Ukraine auf, Angriffe zu stoppendeutsch.news-pravda.com
- n-tv: Russland arbeitet fleißig am Ziel vom hungernden Kiewn-tv.de
- Yahoo DE: Türkei meldet Angriff auf dritten russischen Tankerde.nachrichten.yahoo.com
Dreißig Prozent des weltweit gehandelten Weizens fließen durch das Schwarze Meer. Der einzige Durchlass dorthin liegt in türkischer Hand. Seit dem 8. August verweigern türkische Behörden Handelsschiffen die Dardanellen-Transitgenehmigungen oder verzögern sie erheblich, nachdem Drohnen am 4. August zwei türkische Frachter im Schwarzen Meer getroffen hatten. Außenminister Hakan Fidan fordert von beiden Kriegsparteien ein Moratorium für Angriffe auf Handelsschiffe: Sie griffen inzwischen alle Frachtschiffe an, ohne Ausnahme.
Fünf Tage nach den ersten türkischen Opfern
Am 4. August wurden zwei türkische Handelsschiffe im Schwarzen Meer von Drohnen getroffen. Die Nadeschda, im Eigentum eines türkischen Unternehmens unter kamerunischer Flagge, fuhr von Noworossijsk Richtung Samsun, als sie etwa 37 Kilometer vor der russischen Küste angegriffen wurde. Drei Seeleute wurden schwer verletzt, an Bord brach ein Feuer aus. Am selben Abend traf es die Yasar unter panamaischer Flagge, ebenfalls in türkischem Eigentum. Weder Russland noch die Ukraine bekannte sich zu den Angriffen.
Das türkische Außenministerium verurteilte die Vorfälle sofort und erklärte, man sei tief besorgt darüber, dass der Krieg sich auf die Zivilschifffahrt ausweite. Ankara hatte bereits zu Kriegsbeginn 2022 die Durchfahrt für Kriegsschiffe beider Seiten durch Bosphorus und Dardanellen gesperrt, gestützt auf die Montreux-Konvention von 1936, die der Türkei die Kontrolle über diese strategischen Meerengen gibt. Den Handelsverkehr konnten die Kriegsparteien bislang nicht einschränken, doch dieser politische Hebel existiert.
Was die Drosselung konkret bedeutet
Seit dem 8. August verweigern oder verzögern türkische Behörden Genehmigungen für Handelsschiffe auf dem Weg ins Schwarze Meer. Betroffen sind Routen nach Noworossijsk, dem wichtigsten russischen Schwarzmeerhafen für Ölexporte und Getreide und nach Odessa, dem wichtigsten ukrainischen Getreidehafen. Es handelt sich noch nicht um eine vollständige Schließung: Einzelne Transitgenehmigungen werden nach Angaben aus der Schifffahrtsbranche weiterhin erteilt, aber die Wartezeiten haben sich erheblich verlängert.
Außenminister Fidan unterstrich die Ernsthaftigkeit des Schritts: Die Türkei habe Russland und der Ukraine angeboten, ein Moratorium für Militäreinsätze im Schwarzen Meer zu erklären. Jüngster Vorfall, der die Situation weiter zuspitzte: Der Tanker MIDVOLGA-2, der angeblich Sonnenblumenöl von Russland nach Georgien transportierte, wurde rund 130 Kilometer vor der türkischen Küste angegriffen. Fidan betonte, das ursprüngliche Ziel der Angriffe seien Häfen und Kriegsschiffe gewesen, jetzt würden alle Schiffe ohne Unterschied attackiert.
Ankaras Hebelwirkung zwischen den Fronten
Die Türkei befindet sich in einer außenpolitisch einzigartigen Position. Als NATO-Mitglied ist sie formal Verbündete der Ukraine und der westlichen Staaten. Gleichzeitig hat Ankara enge Wirtschaftsbeziehungen zu Russland aufrechterhalten: Türkische Unternehmen fungieren als Handelsbrücke für russische Exporte, Russland ist ein wichtiger Erdgaslieferant und russische Touristen sind für die türkische Wirtschaft bedeutsam.
Genau diese Doppelrolle macht die jetzige Drosselung diplomatisch brisant. Die Beschränkungen treffen Schiffe in Richtung Noworossijsk ebenso wie Schiffe Richtung Odessa, Ankara übt also Druck auf beide Seiten gleichzeitig aus. Das ist kein Zufall: Fidan hat betont, dass die Türkei das Moratorium von beiden Kriegsparteien fordere, nicht nur von Russland oder nur von der Ukraine. Für Moskau bedeutet die Beschränkung, dass russische Ölexporte über den Schwarzmeerweg unsicherer werden. Für Kiew gerät der Getreideexport über Odessa unter Druck.
Die wirtschaftlichen Folgen gehen über den Krieg hinaus. Das Schwarze Meer ist eine der wichtigsten Transitrouten für Getreide und Energie. Russland und die Ukraine zusammen exportieren rund 30 Prozent des weltweit gehandelten Weizens. Russland greift seit Wochen gezielt ukrainische Agrarinfrastruktur an, darunter Felder, Silos und Häfen. Eine anhaltende Dardanellen-Drosselung würde eine bereits angespannte globale Nahrungsmittelversorgungslage weiter verschärfen.
Bis Kiew und Moskau auf das Moratorium antworten
Weder Russland noch die Ukraine haben offiziell auf Fidans Moratoriumsvorschlag reagiert. Für Moskau wäre ein Moratorium für Handelsschiffe taktisch schwer zu akzeptieren, solange die Ukraine ihre systematischen Angriffe auf russische Schwarzmeerflotte und Häfen fortsetzt. Die Ukraine hat seit Mitte Juli in ihrer Schwarzmeer-Operation mehr als 150 russische Schiffe außer Gefecht gesetzt. Kiew seinerseits müsste einen Angriffsverzicht auf russische Schiffe akzeptieren, was einem Verzicht auf eines ihrer wirksamsten Kriegsmittel gleichkäme.
Ob die Drosselung eine vorübergehende diplomatische Geste oder ein dauerhafter Politikschwenk ist, hängt davon ab, ob in den nächsten Tagen ein konkretes Gesprächsformat zwischen den Konfliktparteien entsteht. Die Türkei hat sowohl die geografische als auch die diplomatische Position, als Vermittler zu handeln: Sie kontrolliert den einzigen Zugang zum Schwarzen Meer und unterhält Kontakte zu beiden Seiten. Ob Ankara diesen Hebel ausbauen wird, entscheidet sich in den nächsten Tagen.
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