Ryanair verlässt Berlin: Deutsche Luftfahrt zu teuer
Ab Oktober fliegen sieben Ryanair-Maschinen von Berlin nach Schweden und Albanien weiter. Die Passagierzahlen am BER halbieren sich: von 4,5 Millionen auf 2,2 Millionen pro Jahr. Was nach einer gewöhnlichen Geschäftsentscheidung klingt, ist das schärfste Signal, das ein europäischer Billigflieger Deutschland schicken kann. Die durchschnittliche staatliche Belastung pro Ryanair-Flug ab Deutschland liegt bei 4.531 Euro. Der europäische Durchschnitt: 2.326 Euro. Deutschland ist teurer als jedes andere EU-Land.
Was Ryanair konkret bemängelt
Ryanair-Chef Michael O'Leary nennt die deutsche Luftfahrt „zusammengebrochen und nicht wettbewerbsfähig”. Hinter dieser Aussage stecken konkrete Zahlen. Die Luftverkehrsteuer ist seit 2019 von 7,30 Euro auf 15,53 Euro pro Passagier gestiegen, ein Anstieg um 113 Prozent. Flugsicherungsgebühren kletterten im gleichen Zeitraum um 230 Prozent. Am BER selbst stiegen die Flughafengebühren seit 2020 um 50 Prozent; bis 2029 sind weitere zehn Prozent angekündigt.
O'Leary hat Berlin ein konkretes Angebot gemacht: Würde Deutschland die Luftverkehrsteuer vollständig abschaffen und Sicherungs- sowie Flugsicherungsgebühren halbieren, würde Ryanair drei Milliarden Dollar investieren, tausend neue Arbeitsplätze schaffen und zusätzliche Strecken einrichten. Das Angebot liegt seit Monaten auf dem Tisch. Die Koalition hat nicht reagiert.
Aletta von Massenbach, Chefin des BER, reagierte auf die Ankündigung mit demonstrativer Überraschung: Die geplante Gebührenerhöhung sei „nicht geplant“ und die BER-Gebühren lägen im europäischen Mittelfeld. Beides widerspricht den Zahlen, die Ryanair vorlegt. Der Konflikt ist nicht neu: Ryanair hat seit 2019 bereits seine Basen in Frankfurt, Düsseldorf und Stuttgart geschlossen und seither 13 stationierte Flugzeuge aus Deutschland abgezogen.
Berlin verliert besonders viel
Für Berlin trifft der Abzug scharf. BER liegt fernab der Berliner Innenstadt und für Reisende aus Brandenburg und Ostberlin gibt es kaum praktikable Alternativen zum Direktflug. BER ist für viele Reisende in Brandenburg und Ostberlin der einzig praktikable Zubringer. Betroffen sind 210 Arbeitsplätze von Piloten und Kabinenpersonal, die Ryanair ins Ausland verlagert. Die Gewerkschaft ver.di kündigte Verhandlungen für den 28. April an, erwartet aber keinen Verbleib der Basis.
Die Strecken, die wegfallen oder halbiert werden, sind keine Nischenziele: Verbindungen nach Bologna, Tallinn und Pisa werden eingestellt, die London-Verbindungen drastisch reduziert. Günstige Direktflüge in osteuropäische und südeuropäische Städte, die Ryanair in Berlin aufgebaut hat, werden künftig nicht mehr von Berlin aus angeboten.
Kein Einzelfall, sondern ein Trend
Das Muster ist bekannt. Die deutschen Inlandsflüge lagen 2025 um 48,4 Prozent unter dem Niveau von 2019, während die Gesamtpassagierzahlen aller deutschen Flughäfen nur 8,6 Prozent unter Vorkrisenniveau lagen. Kurzstrecken und günstige Verbindungen verschwinden, Langstreckenflüge halten sich besser, weil die staatliche Grundbelastung dort relativ zur Ticketpreisgestaltung weniger ins Gewicht fällt. Für Billigflieger, deren Geschäftsmodell auf minimalen Kosten pro Flug basiert, ist Deutschland strukturell unattraktiv.
Auch die Lufthansa-Gruppe signalisierte im Frühjahr, rund 100 innerdeutsche Flüge pro Woche ab 2026 zu streichen. Das ist keine Reaktion auf die Ryanair-Entscheidung, sondern die parallele Konsequenz derselben Kostenstruktur. Beide Unternehmen ziehen in die gleiche Richtung, auch wenn der Grund unterschiedlich kommuniziert wird.
Was Investoren sehen
Die Ryanair-Entscheidung fällt in dieselbe Woche, in der die KPMG-Umfrage unter 400 Tochterunternehmen ausländischer Konzerne in Deutschland veröffentlicht wurde. Das Ergebnis: Der Standortindex liegt auf einem historischen Tiefstwert von plus 0,2 Punkten auf einer Skala von minus zehn bis plus zehn. 70 Prozent der Befragten sehen Deutschland bei der Regulierung unter den fünf schwächsten EU-Ländern. 43 Prozent sehen das Land bei den Energiekosten am schlechtesten in Europa. 23 Prozent planen, ihre Investitionen in Deutschland zu reduzieren.
Die Umfrage nennt auch fünf Faktoren, die aus Investorensicht für Deutschland sprechen: die Reformagenda der Bundesregierung, die großen Transformationsaufgaben bei Energiewende und Digitalisierung, das Infrastrukturpaket und Verteidigungspaket, die hohe Lebensqualität und die politische Stabilität. Es sind Hoffnungsfaktoren, keine operativen Standortvorteile. Für eine Airline, die Entscheidungen nach Euro pro Landung trifft, zählt politische Stabilität weniger als die Gebührenstruktur an der Quelle.
Was als Nächstes kommt
Ab 1. Juli 2026 senkt die Bundesregierung die Luftverkehrsteuer: von 15,53 auf 13,03 Euro für Kurzstrecken. Das ist eine Reduktion um 16 Prozent auf einen Wert, der immer noch doppelt so hoch ist wie vor zehn Jahren. O'Leary hat bereits erklärt, dass dies für eine Umkehr seiner Entscheidung nicht ausreicht.
Der BER prüft nach eigenen Angaben, ob die angekündigten Gebührenerhöhungen für 2027 bis 2029 modifiziert werden können. Konkrete Gespräche mit Airlines über Übernahme von Teilen der Ryanair-Kapazitäten seien im Gange. Bis Oktober 2026, wenn Ryanair die Schlüssel abgibt, bleibt Zeit. Ob eine andere Airline zu den deutschen Konditionen einspringt, ist offen.