Milch ohne Kuh, Ei ohne Huhn: Drei Fabriken starten 2026
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Milch ohne Kuh, Ei ohne Huhn: Drei Fabriken starten 2026

Drei Projekte auf drei Kontinenten markieren 2026 den Übergang der Precision Fermentation aus dem Labor in die Industrieproduktion: Das Verfahren stellt molekular identische Milchproteine und Eiproteine her, ohne dass ein Tier beteiligt ist.

Quellen (9)
  1. AgFunder News: Perfect Day Gujarat 2026 on trackagfundernews.com
  2. Green Queen: Zydus kauft 50% von Perfect Days Sterling Biotechgreenqueen.com.hk
  3. Green Queen: The Every Company $55M, Walmart-Präsenzgreenqueen.com.hk
  4. Food Ingredients First: ADM und The Every Company skalieren Ei-Fermentationfoodingredientsfirst.com
  5. AgFunder News: Vivici und The Every Co planen UAE-Anlage mit 4 Mio. Liternagfundernews.com
  6. AgFunder News: Vivici erhält 14,4 Mio. Dollar EIC-Förderungagfundernews.com
  7. Green Queen: Wie klimafreundlich ist tierfreie Molke? LCA-Vergleichgreenqueen.com.hk
  8. Sustainable Nutrition Initiative: Umweltauswirkungen Fermentation vs. konventionelle Quellensustainablenutritioninitiative.com
  9. Our World in Data: Umweltauswirkungen von Milch und Milchalternativenourworldindata.org
3. August 2026, 10:06 Uhr830 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Eine Fabrik in Gujarat produziert Molkenprotein ohne eine einzige Kuh. Ein Unternehmen in den USA verkauft tierfreies Eiklar in Walmart-Filialen. In Abu Dhabi entsteht eine Anlage mit vier Millionen Litern Bioreaktorkapazität. Precision Fermentation, das Verfahren zur Herstellung tieridentischer Proteine durch Mikroorganismen, ist 2026 aus dem Labor in die Fabrikhalle übergegangen. Drei Projekte auf drei Kontinenten markieren den Übergang vom Machbarkeitsnachweis zur Industrieproduktion.

Wie das Verfahren funktioniert

Precision Fermentation nutzt dasselbe Prinzip wie die Herstellung von medizinischem Insulin, die seit den frühen 1980er-Jahren auf Hefen statt auf Schweinepankreas setzt. Gentechnisch veränderte Mikroorganismen, meist Hefestämme, erhalten die DNA-Sequenz eines bestimmten Proteins und produzieren dieses dann beim Fermentieren. Bei Perfect Day ist das Protein Beta-Lactoglobulin, der Hauptbestandteil von Molke. Bei The Every Company ist es Ovalbumin, das wichtigste Protein im Hühnereiklar. Das Ergebnis ist molekular identisch mit dem tierischen Original: Es backt, schlägt auf und liefert dasselbe Aminosäureprofil wie die herkömmliche Variante, ohne dass ein Tier beteiligt war.

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Drei Projekte auf drei Kontinenten

In Bharuch im indischen Bundesstaat Gujarat entsteht die erste kommerzielle Anlage für fermentiertes Molkenprotein der Welt. Perfect Day, 2014 in Berkeley, Kalifornien, gegründet, betreibt sie gemeinsam mit dem indischen Pharmaunternehmen Zydus Lifesciences. Der Start ist für das zweite Halbjahr 2026 geplant, die volle Auslastung soll 2027 erreicht sein. Das Unternehmen gibt an, die Anfangskapazität sei bereits ausverkauft. Die US-amerikanische FDA hatte Perfect Days Molkenprotein bereits 2020 als „Generally Recognized as Safe“ eingestuft. Laut der Pressemitteilung des Unternehmens sei das Gemeinschaftsunternehmen mit Zydus „zuversichtlich bezüglich sofortiger Profitabilität ab dem Start der Anlage“.

The Every Company, das aus dem Startup Clara Foods hervorgegangen ist, hat seinen Weg zur Marktreife beschleunigt. Im Juni 2026 begann eine Zusammenarbeit mit dem europäischen Biotechnologieunternehmen Huvepharma: OvoPro, das tierfreie Eiklarprotein des Unternehmens, wird nun an einem europäischen Standort produziert. Eine weitere Partnerschaft mit dem Agrarunternehmen ADM zielt darauf ab, die Verfügbarkeit in Nordamerika auszuweiten. Das Produkt findet sich bereits in Walmart-Filialen und Target-Filialen.

Das dritte große Projekt kommt aus Abu Dhabi. Das niederländische Startup Vivici, an dem die neuseeländische Molkereigenossenschaft Fonterra Anteile hält, untersucht gemeinsam mit The Every Company und dem Abu Dhabi Investment Office den Bau einer Anlage mit vier Millionen Litern Bioreaktorkapazität, halal-zertifiziert für die Märkte in Nahost und Asien. Vivici erhielt im Februar 2025 den GRAS-Status der FDA für Beta-Lactoglobulin und im Juni 2026 zusätzlich 12,5 Millionen Euro über das European Innovation Council Accelerator Programme.

Was die Ökobilanz zeigt und wo Unsicherheiten bleiben

Die Umweltbilanz von Precision Fermentation ist differenzierter als Unternehmenskommunikation oft vermittelt. Perfect Days eigene Lebenszyklusstudie weist für das fermentierte Molkenprotein 91 bis 97 Prozent niedrigere Treibhausgasemissionen und 96 bis 99 Prozent weniger Wasserverbrauch aus als konventionelle Molke. Das Good Food Institute beziffert den Vorteil branchenweit auf 72 Prozent weniger Treibhausgase und 99 Prozent weniger Landverbrauch gegenüber konventioneller Milchwirtschaft, sofern erneuerbare Energie eingesetzt wird.

Unabhängige Forschung zeichnet ein nuancierteres Bild. Die 2022 veröffentlichte Analyse von Behm et al. ermittelte für Precision Fermentation einen CO2-Fußabdruck von 5,5 bis 17,6 Tonnen CO2-Äquivalent pro Tonne Protein, verglichen mit rund 10 Tonnen für konventionelles Milchprotein. Die Spannbreite erklärt sich vor allem durch den Strommix: Eine Anlage mit Kohlestrom verliert den größten Teil ihres Klimavorteils. Mit erneuerbarem Strom kann sie herkömmliche Milchwirtschaft deutlich unterbieten. Für den Standort in Gujarat, einer der sonnenreichsten Industrieregionen Indiens, sehen unabhängige Analysten Potenzial für günstige Solarstromanbindung.

Im Vergleich mit pflanzlichen Alternativen

Hafermilch und Sojamilch zeigen vergleichbare Vorteile beim Ressourcenverbrauch: Hafermilch benötigt laut der Auswertung von Our World in Data rund 92 Prozent weniger Wasser und ebenso viel weniger Ackerland als Kuhmilch. Warum dann der zusätzliche Aufwand der Fermentation?

Der Unterschied liegt in der Funktionalität. Pflanzenmilch kann in vielen Anwendungen Kuhmilch ersetzen, nicht aber in allen. Molkenprotein ist für seine Gelbildung und hohe biologische Wertigkeit in der Sporternährung und Medizinalernährung schwer zu imitieren. Eiklar schlägt auf eine Weise auf, die pflanzliche Alternativen bisher nicht vollständig replizieren. Precision Fermentation schließt die Lücke, die pflanzliche Proteinquellen für technologisch anspruchsvolle Anwendungen offenlassen. Dazu kommt die Akzeptanzfrage: Verbraucher, die zu pflanzlichen Alternativen nicht wechseln, könnten eher zu funktional identischen fermentierten Proteinen greifen, sofern der Preis stimmt.

Gujarat 2026: Erster Test der Wirtschaftlichkeit

Die entscheidende offene Frage ist nicht die Technologie, sondern der Preis. Fermentiertes Molkenprotein von Perfect Day kostete in den Vorjahren ein Vielfaches des konventionellen Äquivalents, weil die Produktion vollständig über externe Auftragsfermentierungsanlagen lief. Die Gujarat-Fabrik ist der erste eigene Produktionsstandort des Unternehmens und damit der erste echte Test, ob die Kostendegression bei Eigenbetrieb greift.

Die Analogie zur Solarenergie ist naheliegend: Auch dort sanken die Kosten über Jahrzehnte durch Skaleneffekte und Prozessoptimierung von zunächst prohibitiven auf heute konkurrenzfähige Niveaus. Precision Fermentation baut auf Fermentierungsverfahren auf, die in Pharmazie und Biotechnologie seit Jahrzehnten etabliert sind. Dieser Vorsprung könnte die Kurve steiler machen als bei Photovoltaik.

Für den europäischen Markt ist die Regulierungslage ein wichtiger Baustein. Vivicis Beta-Lactoglobulin durchläuft derzeit das EU-Novel-Food-Verfahren. Eine Zulassung würde es ermöglichen, fermentiertes Molkenprotein auch in Deutschland und anderen EU-Staaten in Lebensmitteln zu verwenden. Das ist der fehlende Baustein für eine Marktdurchdringung außerhalb Nordamerikas und der Golfregion.

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