Peru wählt zum neunten Mal: Fujimori vorne, Land in der Dauerkrise
Keiko Fujimori hat am Sonntag in Peru zum vierten Mal in Folge eine Stichwahl um die Präsidentschaft erreicht, mit 16,6 Prozent der Stimmen laut Ipsos-Nachwahlbefragung. Hinter ihr liegt ein Feld von 34 Konkurrenten, hinter Peru eine Dekade politischer Auflösung, die das Land tiefer in eine Kriminalitätskrise gezogen hat als jeder andere Staat Südamerikas in vergleichbarer Zeit. Am 7. Juni entscheidet die Stichwahl über Perus neunten Staatschef in weniger als zehn Jahren.
Sechs Präsidenten in einem Jahrzehnt
Kein anderes Land der Region hat in einem vergleichbaren Zeitraum so viele Regierungen verschlissen. Seit 2016 erlebte Peru sechs Amtsinhaber: Pedro Pablo Kuczynski trat 2018 unter Korruptionsdruck zurück, Martín Vizcarra wurde 2020 vom Kongress abgesetzt, Francisco Sagasti führte nur eine Übergangsregierung, Pedro Castillo wurde 2022 nach einem gescheiterten Selbstputsch verhaftet und sitzt bis heute in Untersuchungshaft. Dina Boluarte regiert seither unter massivem Protest. Sie ist technisch die einzige seit 2016, die eine volle Amtszeit absolviert, nicht als Zeichen von Stabilität, sondern weil das Parlament sie aus Eigeninteresse schützte. Bei der Wahl am 12. April traten 35 Kandidaten an, so viele wie noch nie in der Geschichte des Landes.
Parallel zur politischen Krise hat organisierte Kriminalität weite Teile des Landes erfasst. Seit 2019 haben sich die Tötungsdelikte annähernd verdoppelt. Erpressungen stiegen auf das Sechsfache: Schulen, Transportunternehmer und Händler zahlen Schutzgeld an Banden, die Teile Limas und der Küstenregionen kontrollieren, darunter die venezolanische Gruppe Tren de Aragua. 51,7 Prozent der Bevölkerung leiden nach Weltbank-Daten von 2024 unter moderater oder schwerer Nahrungsmittelunsicherheit.
Fujimori führt: trotz Anklage und Familienbelastung
In diesem Umfeld liegt Keiko Fujimori vorne, zum vierten Mal. Sie kandidierte bereits 2011, 2016 und 2021 und verlor alle drei Stichwahlen. Ihr Programm setzt auf harte Sicherheitspolitik: Strafverschärfungen, Pflichtarbeit für Gefangene. Doch Fujimori ist nicht nur Kandidatin, sie ist auch Angeklagte: Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Bestechung durch den brasilianischen Baukonzern Odebrecht vor. Ihr Vater, Ex-Präsident Alberto Fujimori, starb am 11. September 2024; er war wegen Menschenrechtsverbrechen verurteilt worden, darunter die Massaker von Barrios Altos und La Cantuta mit 25 Toten. 54 Prozent der Wähler schließen laut Umfragen aus, sie zu wählen. Trotzdem führt sie.
Wer ihr am 7. Juni gegenübersteht, war beim Redaktionsschluss offen. Roberto Sánchez (linksliberal) lag laut Nachwahlbefragung bei 12,1 Prozent, Ricardo Belmont (Mitte-links) bei 11,8 Prozent. Der Comedian Carlos Álvarez, der sich selbst als peruanischen Bukele bezeichnet und forderte, Kriminelle als militärische Ziele einzustufen, war ebenfalls noch im Rennen. Die amtlichen Ergebnisse werden in den kommenden Tagen erwartet; in der Hauptstadt Lima und in zwei US-Städten mit peruanischer Diaspora wurde die Abstimmung wegen organisatorischer Probleme bis Montag verlängert.
Institutioneller Kollaps als Ursache
Peru zeigt, wie Korruption und institutionelle Schwäche eine Spirale auslösen können, aus der sich ein Land kaum mehr befreit. Jeder der letzten Staatschefs wurde von denselben Strukturen aufgefressen, die er bekämpfen wollte. Der Aufstieg populistischer Hardliner, ob nach dem Modell El Salvadors unter Nayib Bukele oder nach eigenem Rezept, ist die direkte Antwort auf das Versagen eines gesamten politischen Systems. Human Rights Watch dokumentierte im Juli 2025 in einem umfassenden Bericht, wie der peruanische Kongress seit Jahren systematisch Antikorruptionsmaßnahmen sabotiert und Strafverfolgungsbehörden schwächt. Dass Fujimori trotz ihrer juristischen Belastung und des Schattens ihres Vaters die Umfragen anführt, zeigt, wie tief diese Erschöpfung sitzt.
Stichwahl am 7. Juni
Am 7. Juni 2026 findet die Stichwahl statt. Wer auch immer gewinnt, übernimmt ein Land mit zerrütteten Institutionen, einer erstarkten organisierten Kriminalität und einem Parlament, das als Instrument persönlicher Interessen gilt. Für eine strukturelle Wende fehlt der politische Wille auf allen Seiten. Das ist die eigentliche Botschaft dieser ersten Wahlrunde.