15 Millionen pro Stunde: Ölkonzerne und der Krieg
Wirtschaft

15 Millionen pro Stunde: Ölkonzerne und der Krieg

Shell verdiente im zweiten Quartal 2026 fast doppelt so viel wie im Vorjahr, Chevron fast viermal so viel. Während der Iran-Krieg Europas Haushalte mit Rekordspritpreisen belastete, kassierten die Ölkonzerne historische Gewinne. Eine Übergewinnsteuer scheiterte in Brüssel am Einstimmigkeitsprinzip und im Bundestag an der CDU.

Quellen (10)
  1. ZEIT Onlinezeit.de
  2. CNBCcnbc.com
  3. Al Jazeeraaljazeera.com
  4. Oxfamoxfam.org
  5. taztaz.de
  6. CNN Businesscnn.com
  7. NZZnzz.ch
  8. Berliner Zeitungberliner-zeitung.de
  9. IndexBoxindexbox.io
  10. tagesschautagesschau.de
5. August 2026, 12:46 Uhr852 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Brent Crude stand im April 2026 bei 126 Dollar pro Barrel, dem höchsten Stand seit 2008. Für europäische Haushalte bedeutete das Rekordspritpreise und steigende Energiekosten. Für die Ölkonzerne war es das lukrativste Quartal seit Jahren: Shell verdiente nach Angaben des Branchenanalysten IndexBox im zweiten Quartal 2026 bereinigt 9,84 Milliarden Dollar, fast das Doppelte des Vorjahreswerts. Chevron kam auf 12,1 Milliarden, fast viermal so viel wie im zweiten Quartal 2025. Die politische Reaktion, eine Übergewinnsteuer auf diese Gewinne, ist in Brüssel und Berlin gescheitert.

Wie der Iran-Krieg die Margen explodieren ließ

Die Straße von Hormus ist die engste Stelle des globalen Ölhandels: Täglich passierten vor dem Krieg rund 21 Millionen Barrel die Meerenge, ungefähr ein Fünftel des weltweiten Ölexports. Nach Kriegsbeginn im Februar 2026 sperrte der Iran die Route für westlich orientierte Schiffe faktisch. Der Brent-Preis stieg von rund 76 Dollar je Barrel zu Jahresbeginn auf 126 Dollar im April 2026, ein Plus von 65 Prozent in weniger als drei Monaten.

Der entscheidende Mechanismus ist simpel: Die Förderkosten der Ölkonzerne blieben nahezu konstant, während die Marktpreise explodierten. Saudi Aramcos Förderung kostet weniger als drei Dollar pro Barrel, westliche Konzerne zahlen 10 bis 25 Dollar. Was am Markt für 100 Dollar gehandelt wird, ergibt Gewinnmargen, die sich durch keine Produktionskostensteigerung erklären lassen.

Die Quartalszahlen, die Konzerne nicht betonen

Saudi Aramco meldete für das zweite Quartal 2026 laut CNBC (4. August 2026) einen Nettogewinn von 32,69 Milliarden Dollar, 44 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der realisierte Rohölpreis lag bei 108,1 Dollar je Barrel, ein Anstieg von 62 Prozent gegenüber Q2 2025. BP wies einen bereinigten Gewinn von 5,7 Milliarden Dollar aus, nach 2,4 Milliarden im Vorjahr (bereinigt), ein Anstieg von 139 Prozent. ExxonMobil verdiente laut CNN Business 14,5 Milliarden Dollar in drei Monaten, umgerechnet rund 160 Millionen Dollar täglich oder 6,7 Millionen pro Stunde. Chevron steigerte seinen Gewinn von 2,5 auf 12,1 Milliarden Dollar, ein Plus von 384 Prozent, der höchste Quartalsgewinn seit sechs Jahren.

Zusammengerechnet kamen die sechs größten westlichen Ölkonzerne (BP, Chevron, Eni, ExxonMobil, Shell und TotalEnergies) laut Oxfam-Berechnung auf rund 45 Milliarden Dollar Quartalsgewinn, was etwa 20 Millionen Dollar pro Stunde entspricht. Die ZEIT beziffert die Summe für eine engere Teilgruppe westlicher Konzerne auf 15 Millionen Dollar pro Stunde. Zum Vergleich: Die Bundesregierung beschloss in derselben Zeit eine Energiesteuerabsenkung von 17 Cent je Liter, die für zwei Monate galt und rund sechs Milliarden Euro kostete.

Übergewinnsteuer: Im Ausschuss gestorben

Die politische Reaktion kam schnell und verpuffte. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil ließ im Ministerium ausrechnen, was eine nationale Übergewinnsteuer auf Mineralölkonzerne einbringen könnte und warb auf EU-Ebene für eine gemeinschaftliche Lösung. Österreich, Italien, Portugal und Spanien unterstützten den Vorstoß. Trotzdem kam keine EU-Lösung zustande: Steuerfragen erfordern Einstimmigkeit aller 27 EU-Mitgliedstaaten und diese ließ sich nicht herstellen, wie die Berliner Zeitung berichtete.

Im Bundestag scheiterte der Antrag der Grünen für eine nationale Übergewinnsteuer im Juli 2026 im Finanzausschuss. Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Fraktion, formulierte den Widerspruch so: "Die obszönen Gewinne der Ölkonzerne schreien nach einer Übergewinnsteuer." Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU lehnte eine Gewinnsteuer ab und setzte stattdessen auf kartellrechtliche Prüfungen und die bereits beschlossene Energiesteuerentlastung. Eine Steuer auf Gewinne, so ihr Argument, werde letztlich auf die Verbraucher abgewälzt.

Die Gegenposition stützt sich auf Zahlen, die Oxfam im Juli 2026 veröffentlichte: 41 Milliardäre, deren Vermögen hauptsächlich aus fossilen Brennstoffen stammt, wurden seit Kriegsbeginn um 23,5 Milliarden Dollar reicher. Oxfam-Klimaschutzexpertin Mariana Paoli kommentierte: "Fossil fuel corporations are making a killing, literally and figuratively." Die Organisation fordert eine 50-prozentige Steuer auf Übergewinne, die global 400 Milliarden Dollar jährlich einbringen könnte.

Was die Kritik von Linke-Abgeordneter Janine Wissler und dem Sozialverband VdK verbindet: Die Kosten des Iran-Krieges wurden über höhere Energiepreise auf Haushalte und Unternehmen verteilt, während die Gewinne konzentriert bei den Konzernen blieben. Der Paritätische Gesamtverband verwies im Juli darauf, dass einkommensschwache Haushalte, die einen höheren Anteil ihres Einkommens für Energie ausgeben, die Preisspitze im April überproportional traf.

Wenn der Preis sinkt, bleibt die Frage bestehen

Brent Crude notiert aktuell bei rund 79 Dollar je Barrel (CNBC, 4. August 2026). Der Rückgang seit dem April-Peak erklärt sich aus dem US-iranischen Memorandum of Understanding vom Juni 2026, das den Schiffsverkehr durch Hormus schrittweise normalisierte. Die Rekordgewinne des zweiten Quartals werden sich im dritten Quartal nicht wiederholen.

Das ändert nichts an der strukturellen Frage, die der Kriegssommer aufgeworfen hat. Die Jahresgewinnprognose der sechs größten Ölkonzerne liegt nach Oxfam-Berechnungen für das Gesamtjahr 2026 bei 147 Milliarden Dollar, weil das erste Halbjahr so stark war. Diese Summe entstand, während die durch fossile Emissionen mitverursachten Klimafolgen, Dürren, Waldbrände und Hitzewellen, Europa in diesem Sommer mit voller Wucht trafen. Klimaforscher weisen seit Jahren auf den Zusammenhang hin: Historische Emissionen der Ölkonzerne tragen nach Studienanalysen von Climate Attribution zu jeder vierten Hitzewelle zwischen 2000 und 2023 bei.

Ob eine Übergewinnsteuer in der aktuellen Bundesregierung noch eine Chance hat, hängt von der CDU ab. Klingbeils Ministerium hat die Berechnungen abgeschlossen, aber koalitionsintern keinen Konsens erreicht. Für die nächste Runde hoher Ölpreise, ob durch einen neuen Konflikt oder eine neue Eskalation, wird die politische Frage dieselbe sein.

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