EU startet historisches Mercosur-Freihandelsabkommen
Seit Mitternacht des 1. Mai 2026 gilt vorläufig ein Abkommen, über das 25 Jahre lang verhandelt wurde: Das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den vier Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay ist in Kraft getreten. Die Handelszone umfasst rund 780 Millionen Menschen und ist damit die größte, die EU je vereinbart hat. Für deutsche Exporteure beginnt ein neues Kapitel. Für europäische Bauern beginnt härterer Wettbewerb.
Was das Abkommen konkret bedeutet
Das Kernstück sind die Zollabbausätze: 91 Prozent aller EU-Exporte in die Mercosur-Länder werden schrittweise zollfrei, auf der anderen Seite fallen 93 Prozent der Mercosur-Importe in die EU ohne Zoll. Für europäische Unternehmen ergibt sich daraus laut EU-Kommission eine jährliche Ersparnis von rund vier Milliarden Euro. Deutsche Exportgüter, die von den Senkungen am stärksten profitieren, sind Maschinen, Kraftfahrzeuge und Pharmapräparate, Bereiche, in denen Deutschland globaler Marktführer ist, aber in Südamerika bisher hohe Marktzugangshürden hatte.
Der BDI nannte das Abkommen einen wichtigen Erfolg und ein längst überfälliges Signal für strategische Handlungskapazität gegenüber China und den USA. Deutschland exportiert jährlich Waren im Wert von etwa 14 Milliarden Euro in die vier Mercosur-Länder, weniger als zwei Prozent des gesamten deutschen Exports. Das Potenzial galt unter Außenhändlern als bei weitem nicht ausgeschöpft.
Die Gegner und ihre Argumente
Frankreich stimmte am 9. Januar 2026 gemeinsam mit Österreich, Ungarn, Irland und Polen gegen das Abkommen. Paris konnte die Unterzeichnung nicht verhindern, da 21 von 27 EU-Mitgliedstaaten zustimmten. Für die vorläufige Anwendung, die heute beginnt, ist keine Einstimmigkeit erforderlich. Frankreichs Hauptargument: Billiges südamerikanisches Rindfleisch, Geflügel und Zucker würden europäische Bauern ruinieren. Allein aus Brasilien könnten jährlich bis zu 99.000 Tonnen Rindfleisch zollfrei in die EU gelangen, verteilt auf Kontingente mit gestaffeltem Aufbau.
Der Deutsche Bauernverband zeigte sich gespalten. Für Ackerbauern, die Soja und Weizen erzeugen, ist das Abkommen weniger problematisch. Rinder- und Geflügelhalter in Bayern und Niedersachsen befürchten Preisdruck, weil brasilianische und argentinische Produzenten zu deutlich niedrigeren Kosten wirtschaften können, unter anderem wegen günstigerer Arbeit und Land.
Umweltverbände sehen ein grundsätzlicheres Problem: Rund ein Fünftel der Sojaexporte und Rindfleischmengen, die zwischen Brasilien und der EU gehandelt werden, lassen sich nach Analysen der Nichtregierungsorganisation Global Witness auf entwaldete Flächen zurückführen. Das Abkommen enthält Nachhaltigkeitsklauseln, aber keine automatischen Sanktionen bei Verstößen. Kritiker nennen das Regelwerk zahnlos.
Vorläufig heißt nicht endgültig
Die vier Mercosur-Staaten haben das Abkommen vollständig ratifiziert: Uruguay am 25. Februar, Argentinien am 26. Februar, Brasilien am 4. März und Paraguay am 17. März 2026. Auf EU-Seite gilt die vorläufige Anwendung über den Handelsbereich, für den die Kommission allein zuständig ist. Für die vollständige Ratifizierung, die alle 27 EU-Mitgliedstaaten einschließt, braucht es noch nationale Parlamentsabstimmungen. Ob das je passiert, ist offen.
Frankreich hat eine Nachverhandlung einzelner Bestimmungen, vor allem der Agrarkontingente, gefordert. Der EU-Agrarministerrat, der voraussichtlich im Juni tagt, wird über Begleitmaßnahmen für betroffene europäische Landwirte entscheiden. Ob diese Maßnahmen die französische Regierung beschwichtigen, gilt als fraglich.
Was als nächstes passiert
In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob der Rückgang der Zölle tatsächlich zu mehr Handel führt oder ob nichttarifäre Handelshemmnisse, Qualitätsstandards, Bürokratie und Transportkosten, den erhofften Effekt dämpfen. Erfahrungen mit dem EU-Kanada-Abkommen CETA, das 2017 vorläufig in Kraft trat, zeigen, dass vollständige Zollsenkungen erst nach Jahren greifen und der Handelsaufbau langsam verläuft.
Für Verbraucher in Deutschland könnte das Abkommen mittelfristig zu günstigeren Preisen bei bestimmten Lebensmitteln führen, Rindfleisch, Orangensaft und Zucker sind die häufigsten Nennungen. Wie stark dieser Effekt ist, hängt davon ab, ob die Lebensmittelindustrie Einsparungen weitergibt oder für höhere Margen nutzt. Eine Antwort darauf gibt es frühestens in zwei bis drei Jahren.