← Zurück zur Übersicht
International
63 Tage Krieg, 3375 Tote: IKRK-Chefin in Teheran

63 Tage Krieg, 3375 Tote: IKRK-Chefin in Teheran

IKRK-Präsidentin Mirjana Spoljaric Egger ist am 1. Mai in Teheran eingetroffen, um die humanitären Folgen des Irankriegs zu besprechen. Mehr als 3.375 Zivilisten wurden getötet, die Straße von Hormus ist nahezu gesperrt. Die Verhandlungen in Islamabad stocken.

1. Mai 2026, 4:38 Uhr 812 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Während die politischen Verhandlungen in Islamabad seit Wochen nahezu ohne Ergebnis laufen, hat am 1. Mai 2026 die Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Teheran Gespräche aufgenommen. Mirjana Spoljaric Egger traf Außenminister Seyed Abbas Araghchi, Vizeaußenminister Kazem Gharibabadi und den Präsidenten der Iranischen Rothalbmond-Gesellschaft, Pir Hossein Kolivand. Ihr Besuch ist das bisher deutlichste Signal, dass die humanitäre Krise im Iran ein Ausmaß erreicht hat, das internationale Institutionen nicht mehr ignorieren können.

Die Dimension des Schadens

Seit dem Beginn der US-amerikanischen und israelischen Luftangriffe am 28. Februar 2026 wurden nach IKRK-Angaben 3.375 Zivilisten getötet und weitere 26.500 verletzt. Die Zahlen stammen aus Berichten der Iranischen Rothalbmond-Gesellschaft und sind, nach Angaben von IKRK-Mitarbeitern, eher konservativ geschätzt, da viele betroffene Gebiete schwer zugänglich bleiben. Die israelische Luftwaffe flog bis zur Waffenstillstandsvereinbarung am 8. April mehr als 2.500 Einsätze und setzte über 6.500 Bomben ein. Über 100 Kulturstätten wurden beschädigt, mindestens 120 Museen und historische Bauwerke schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Die Straße von Hormus, durch die in normalen Zeiten etwa 20 Prozent des weltweiten Rohöltransports fließen, ist nahezu gesperrt. Im März 2026 passierten lediglich 154 Schiffe die Meerenge, verglichen mit einem normalen Monatsdurchsatz von rund 2.500 Schiffen. Das entspricht weniger als fünf Prozent des Vorkrisendurchsatzes. Der Brent-Rohölpreis hatte im März 126 Dollar je Barrel erreicht, was den europäischen Energiemarkt empfindlich getroffen hat. In Deutschland stiegen die Inflationserwartungen laut ifo-Institut von 2,5 Prozent im Februar auf 4,0 Prozent im März.

Spoljarics drei Forderungen

In Teheran stellte Spoljaric Egger drei konkrete Forderungen in den Mittelpunkt: Erstens die Einhaltung des internationalen humanitären Völkerrechts zum Schutz der Zivilbevölkerung und der kritischen Infrastruktur, einschließlich Krankenhäusern und Wasserversorgung. Zweitens die Genehmigung zusätzlicher IKRK-Hilfslieferungen, deren Import durch die anhaltende Seeblockade vor dem Hafen Bandar Abbas erschwert wird. Drittens den Schutz von Kulturerbestätten, die nach dem Haager Abkommen von 1954 auch in bewaffneten Konflikten besonderem Schutz unterliegen.

In ihrer Erklärung nach den ersten Gesprächen warnte Spoljaric vor einem Scheitern der Friedensverhandlungen: Eine Rückkehr zu aktiven Kampfhandlungen wäre für die iranische Zivilbevölkerung "katastrophal". Das IKRK hat nach eigenen Angaben bislang Zugang zu drei Krankenhäusern im Iran, sucht jedoch Genehmigung für weitere vierzehn Einrichtungen in den am stärksten betroffenen Provinzen, darunter Khuzestan und Isfahan.

Verhandlungen ohne Ergebnis

Der Waffenstillstand vom 8. April hält formal, wird jedoch von allen Parteien unterschiedlich interpretiert. Die US-Marineblockade vor Bandar Abbas läuft weiter. Iran fordert ihre Aufhebung als Vorbedingung für Fortschritte. Auf der Vermittlerkonferenz in Islamabad, die Pakistan koordiniert, haben mehrere Verhandlungsrunden bisher keinen der zentralen Streitpunkte aufgelöst: den Status des iranischen Nuklearprogramms, die dauerhafte Kontrolle über die Straße von Hormus und die Frage von Reparationen und Sanktionserleichterungen.

Hinzu kommt ein verfassungsrechtliches Vakuum in Washington. Am 1. Mai lief die 60-Tage-Frist der US-amerikanischen War Powers Resolution aus, die Trumps Militäreinsatz parlamentarisch abgedeckt hatte. Ein sechster Senatsvorstoß zur Begrenzung der Kriegsvollmachten scheiterte am 30. April mit 47 zu 50 Stimmen. Der Krieg läuft damit weiterhin ohne formale Zustimmung des Kongresses, was mehrere Rechtsprofessoren als juristisches Problem bezeichnen. Verteidigungsminister Pete Hegseth argumentiert, der Waffenstillstand selbst setze die Frist aus, obwohl eine solche Ausnahmeregelung in der War Powers Resolution von 1973 nicht vorgesehen ist.

IKRK als Kanal, wo Diplomatie nicht weiterkommt

Der IKRK-Besuch in Teheran hat eine historische Bedeutung, die über die humanitären Forderungen hinausgeht. Das IKRK ist eine der wenigen internationalen Organisationen, die in aktiven Konflikten direkten Zugang zu allen Kriegsparteien aufrechterhalten. In Verhandlungen, die auf staatlicher Ebene blockiert sind, fungiert das Komitee regelmäßig als Kanal für praktische Vereinbarungen: Gefangenenaustausch, humanitäre Korridore, medizinische Evakuierungen.

Ob Spoljarics Besuch in konkrete Vereinbarungen mündet, ist offen. Die Seeblockade liegt unter US-Kontrolle, nicht iranischer. Das bedeutet: Selbst wenn Teheran dem IKRK umfangreiche Hilfslieferungen genehmigt, müsste Washington den Weg durch die Blockade freigeben. Das IKRK hat diesen Aspekt öffentlich noch nicht adressiert, arbeitet aber nach eigenen Angaben an einem Vorschlag für einen humanitären Seekorridor.

Ausblick: Nächste Schritte

Das nächste Verhandlungstreffen in Islamabad ist nach Angaben der pakistanischen Regierung für kommende Woche geplant. Mehrere westliche Außenministerien haben unterdessen signalisiert, die Forderungen des IKRK nach humanitärem Zugang politisch zu unterstützen. Bundesaußenminister Johann Wadephul erklärte am 30. April, Deutschland sei bereit, die Koordination humanitärer Hilfe aktiv zu begleiten.

Für die etwa 85 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Iran bleibt die Lage akut. Die Nahrungsmittelpreise sind nach Angaben des Welternährungsprogramms seit Februar um durchschnittlich 34 Prozent gestiegen. In den städtischen Ballungsräumen Teheran, Isfahan und Schiras sind Teile der Wasserinfrastruktur beschädigt. Der Besuch der IKRK-Präsidentin ist ein Signal, dass die internationale Gemeinschaft die humanitäre Dimension des Konflikts nicht länger dem politischen Patt überlassen will. Ob das ausreicht, liegt nicht in den Händen des Roten Kreuzes.