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Gesellschaft
Jüdische Gemeinden: Solidarität bricht weg

Jüdische Gemeinden: Solidarität bricht weg

Fast jede zweite jüdische Gemeinde in Deutschland meldete 2025 antisemitische Vorfälle. Gleichzeitig fiel die wahrgenommene Solidarität der Zivilgesellschaft innerhalb von zwei Jahren von 62 auf 35 Prozent. Ein neues Lagebild des Zentralrats der Juden zeigt, wie verfestigt die Unsicherheit geworden ist.

1. Mai 2026, 7:00 Uhr 611 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im Oktober 2023 war die Solidarität groß: Mahnwachen, Lichterketten, Unterschriftenlisten. Zwei Jahre später zeichnet der Zentralrat der Juden ein anderes Bild. In einer Befragung von 102 jüdischen Gemeinden im März 2026 gaben nur noch 35 Prozent an, die Zivilgesellschaft stehe ihnen solidarisch zur Seite. Ende 2023 waren es 62 Prozent. Fast jede zweite Gemeinde meldete im vergangenen Jahr antisemitische Vorfälle. Die Behörden kooperieren gut, die Gesellschaft hat sich zurückgezogen.

Was das Lagebild zeigt

Der Zentralrat der Juden befragte 102 Gemeinden deutschlandweit, ein repräsentativer Querschnitt des jüdischen Gemeinschaftslebens von Flensburg bis München. 46 Gemeinden, das entspricht 45 Prozent, berichteten von antisemitischen Vorfällen im Zeitraum bis März 2026. Die Bandbreite reicht von Schmierereien und Drohbriefen bis zu körperlichen Übergriffen und Anschlägen auf Gemeindegebäude.

Der auffälligste Befund ist der Rückgang der zivilgesellschaftlichen Solidarität. Im Herbst 2023, unmittelbar nach dem Hamas-Angriff auf Israel, verzeichnete der Zentralrat eine Welle des Mitgefühls: Synagogen wurden spontan besucht, Politikerinnen und Politiker aller Parteien erschienen zu Gedenkveranstaltungen, Schulen luden Rabbiner ein. Dieser Effekt ist verpufft. 62 Prozent der Gemeinden berichteten damals von gestärkter Solidarität. Heute sind es 35 Prozent.

Zentralratspräsident Josef Schuster formulierte es direkt: In diesem Land sei etwas schiefgelaufen. Die neue Normalität sei eine, in der Jüdinnen und Juden dauerhaften Polizeischutz benötigten und religiöse Symbole im öffentlichen Raum verbergen müssten.

Zwei Welten: Behörden und Gesellschaft

Die Statistik zeigt eine Spaltung zwischen institutioneller und gesellschaftlicher Reaktion. 90 Prozent der Gemeinden sind mit der Kooperation von Polizei und Behörden zufrieden, ein stabiler Wert, der sich gegenüber 2023 nicht wesentlich verändert hat. Sicherheitskonzepte werden umgesetzt, Bedrohungen ernstgenommen, strafrechtliche Verfolgung eingeleitet.

Die Zivilgesellschaft liefert ein anderes Bild. Die wahrgenommene Ermüdung nach dem Schock von 2023 ist das, was Soziologen als Desensibilisierung beschreiben: Wenn ein Zustand anhält, wird er zur Hintergrundtatsache. Antisemitismus wird toleriert, nicht aus Zustimmung, sondern weil er nicht mehr als außerordentlich wahrgenommen wird.

45 Prozent der Gemeinden berichten von einer Verschlechterung des Verhältnisses zu muslimischen Institutionen. Das ist ein Befund, der über pauschale Schuldzuweisungen hinausgeht: In Städten wie Frankfurt und Berlin gab es in den vergangenen Jahren bewusste Dialoginitiativen zwischen jüdischen und muslimischen Verbänden. Viele dieser Initiativen leiden, weil der Nahostkonflikt die Gespräche belastet. 95 Prozent der Gemeinden können ihr religiöses Leben noch führen, aber mit Sicherheitsauflagen und Einschränkungen, die vor 2023 undenkbar gewesen wären.

Was hinter den Zahlen steht

Der Rückgang der Solidarität ist kein abstrakt-statistisches Phänomen. Er äußert sich in konkreten Alltagssituationen: Schulen, die sich nach anfänglichem Engagement wieder aus der Antisemitismusprävention zurückziehen. Nachbarn, die nicht mehr nachfragen, wenn Gemeindemitglieder bedroht werden. Medien, die nach einer intensiven Berichterstattungsphase seltener über Alltagsantisemitismus berichten.

Die Bundesregierung hat eine Nationale Strategie gegen Antisemitismus (NASAS) entwickelt, die fünf Handlungsfelder umfasst: Datenerfassung, Bildung, Erinnerungskultur, strafrechtliche Verfolgung und Förderung jüdischen Lebens. Wie effektiv diese Strategie ist, lässt sich an den aktuellen Zahlen schwer ablesen. Die strafrechtliche Komponente, also die Zusammenarbeit mit den Behörden, wird von den Gemeinden positiv bewertet. Die gesellschaftlichen Handlungsfelder zeigen keine messbaren Fortschritte.

Was als nächstes passiert

Der Zentralrat hat ein Maßnahmenpaket vorgestellt: Schließung rechtlicher Lücken im Hassverbrechensrecht, ein Bundessicherheitstraining für Personal jüdischer Einrichtungen und verstärkte Mittel für Holocaust-Bildung. Ende Mai trifft sich der Zentralrat mit Vertreterinnen und Vertretern der Bundesregierung, um über die Umsetzung zu beraten.

Ob aus dem Treffen konkrete Gesetzesvorhaben folgen, ist offen. Die bisherige Praxis zeigt: Symbolische Bekenntnisse zur Bekämpfung von Antisemitismus sind schnell gesetzt, strukturelle Reformen dauern Jahre. Das Lagebild des Zentralrats wird monatlich aktualisiert. Die Frage ist, ob der Trend sich umkehrt oder weiter verfestigt.