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Wirtschaft
Kerosinkrise: Rationierung und Flugstreichungen

Kerosinkrise: Rationierung und Flugstreichungen

In vier norditalienischen Flughäfen wird Kerosin seit Anfang April rationiert, die Skandinavische Airline SAS hat mehr als tausend Flüge gestrichen. Was als Sechswochenwarnung der IEA begann, ist für Teile des europäischen Luftverkehrs bereits Realität.

18. April 2026, 8:30 Uhr 721 Wörter · 4 Min. Lesezeit

An vier großen norditalienischen Flughäfen gelten seit Anfang April Kerosinlimits. Flugzeuge auf Kurzstrecken dürfen maximal 2.000 Liter pro Maschine tanken. Ambulanzflüge, Staatsflüge und Langstrecken haben Vorrang. Die Skandinavische Airline SAS hat infolge der gestiegenen Treibstoffkosten mehr als tausend Flüge im April aus dem Programm genommen. Was Fatih Birol, Generaldirektor der Internationalen Energieagentur, Mitte April noch als drohenden Engpass in sechs Wochen beschrieb, ist für tausende Reisende und Logistikbetriebe bereits Gegenwart.

Vier Flughäfen rationieren

Betroffen sind Mailand Linate, Bologna, Venedig Marco Polo und Treviso. Die Einschränkungen griffen ab dem 5. April, ausgelöst durch den dramatischen Rückgang der Kerosinlieferungen aus dem Persischen Golf. Vor dem Ausbruch des Irankrieges am 28. Februar 2026 bezog Europa rund 75 Prozent seiner Nettoimporte an Flugtreibstoff aus dem Nahen Osten. Durch die Blockade der Straße von Hormus brachen diese Lieferungen nahezu vollständig weg. Die USA liefern seitdem als Notfalllieferanten erhebliche Mengen nach Europa und verhindern damit den sofortigen Kollaps, können den Ausfall aber nicht vollständig ausgleichen.

In der europäischen Luftfahrt ist die Verteilung der Auswirkungen ungleich. Flughäfen im Norden und Nordosten Italiens, die stärker auf Kurzstrecken und Ferienreisende ausgerichtet sind, spüren die Knappheit früher als Großdrehkreuze wie Frankfurt oder Paris. Rom Fiumicino und Mailand Malpensa sind bisher nicht von Rationierungsmaßnahmen betroffen. Der Verband des Deutschen Luftverkehrs (BDL) hat staatliche Hilfe bei der Kerosinversorgung gefordert.

Wer zuerst trifft es

Für Billigfluggesellschaften mit niedrigen Margen und ohne langfristige Treibstoffabsicherung ist die Lage besonders schwierig. SAS, die skandinavische Airline, hat mehr als tausend Flüge im April aus dem Programm genommen. Air New Zealand hat ebenfalls Streichungen angekündigt. Die Lufthansa-Gruppe hat inzwischen ihre Regionalfluggesellschaft Cityline komplett eingestellt. Der Lufthansa-Konzern selbst hatte für 2026 einen erheblichen Teil seines Treibstoffbedarfs zu Vorkrisenpreisen abgesichert, ist aber bei dem verbleibenden Anteil auf aktuelle Marktpreise angewiesen, die deutlich höher liegen.

Die Luftfrachtbranche kämpft um Vorzugsrechte. Claus Wagner, Vorsitzender des Verbands der Air Cargo Abfertiger Deutschlands (VACAD), warnte, Deutschland könnte in eine Lage geraten, in der Kerosin zugeteilt werden müsse, wie es in Italien bereits der Fall sei. Christopher Stoller, Präsident des Aircargo Club Germany (ACD), forderte, bei knapper Kerosinzuteilung müsse die Luftfracht Priorität bekommen, weil sie medizinische Güter, Ersatzteile und verderbliche Lebensmittel transportiert. Beide Verbände wandten sich an die EU-Kommission und die Bundesregierung mit der Bitte um koordiniertes Handeln.

Was Reisende spüren

Für Passagiere schlagen sich die Engpässe in zwei Kanälen nieder: Preis und Verfügbarkeit. Kerosinpreise haben sich gegenüber dem Vorkrisenniveau verdoppelt, was sich in höheren Ticketpreisen auf allen Strecken niederschlägt, besonders auf Kurzstrecken, wo der Treibstoff einen größeren Anteil der Gesamtkosten ausmacht. Wer für den Sommer gebuchte Flüge zu Zielen in Norditalien hat, sollte die Flugpläne im Blick behalten.

Die Öffnung der Straße von Hormus am 17. April durch den iranischen Außenminister Abbas Araghchi brachte kurzfristig Erleichterung. Kerosinpreise fielen, Rohöl verlor elf Prozent an einem Tag. Doch die Öffnung gilt ausdrücklich nur für die Dauer der laufenden Waffenruhe. Schiffe müssen die von Iran festgelegten Transitrouten nutzen, die Revolutionsgarden behalten das Überprüfungsrecht. Und: Am 21. April läuft die Waffenruhe zwischen Washington und Teheran aus.

Drei Tage bis zur Entscheidung

Zwei Verhandlungsrunden in Islamabad haben bisher kein Rahmenabkommen gebracht. Washington fordert ein 20-jähriges Moratorium auf Urananreicherung, Teheran bietet maximal fünf Jahre. Sollten die Gespräche am 21. April scheitern und die Waffenruhe auslaufen, ist eine erneute Schließung der Meerenge wahrscheinlich. Kerosinpreise würden auf den Krisenhöchststand zurückschnellen, der Druck auf Europas Flughäfen und Airlines würde sofort wieder steigen.

Kommt es dagegen zu einer Verlängerung der Waffenruhe, gewinnt Europa einige Wochen, in denen sich die Lieferketten stabilisieren könnten. Ein dauerhaftes Abkommen würde mittelfristig eine Normalisierung ermöglichen. Für Airlines, die Sommerflugpläne jetzt noch anpassen müssen, ist die Zeitspanne knapp: Drei Tage bis zur Entscheidung, ein Sommer in sechs Wochen.

Update 20. April, 11:41 Uhr: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche warnte am Sonntag vor Alarmismus, räumte aber ein, dass deutsche Raffinerien unter Druck stünden. Die Bundesregierung hat bereits 50.000 Tonnen Jet-Treibstoff aus strategischen Reserven freigegeben. Der Erdölbevorratungsverband hält knapp 1,1 Millionen Tonnen Kerosin in Reserve, was bei aktuellem Verbrauch theoretisch für mehrere Wochen reicht. Den strukturellen Zusammenhang, den Reiche nicht nannte: Deutschland produziert rund 15,9 Prozent des europäischen Kerosins, importierte aber 2024 gleichzeitig 55,2 Prozent seines eigenen Bedarfs. Über 70 Prozent der europäischen Kerosinimporte stammen aus dem Mittleren Osten und sind durch die Hormus-Blockade gefährdet. Branchenexperten warnen ab Mai 2026 vor spürbaren Engpässen, sofern die Blockade andauert und keine weiteren strategischen Reserven freigegeben werden.

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