Erdbeben 7,5 erschüttert Nordostjapan
Ein Erdbeben der vorläufigen Magnitude 7,5 hat am Sonntag um 16:53 Uhr Ortszeit die Nordostküste Japans erschüttert. Das Epizentrum lag in rund zehn Kilometern Tiefe vor der Sanriku-Küste in der Präfektur Iwate. Die Japanische Meteorologische Behörde JMA gab sofort Tsunami-Warnungen für die Präfekturen Iwate, Aomori und Teile Hokkaidos aus, mit prognostizierten Wellenhöhen von bis zu drei Metern. Die tatsächlich gemessenen Wellen blieben mit 80 Zentimetern in Kuji deutlich darunter. Ob das Beben Todesopfer gefordert hat, war am Sonntagnachmittag noch nicht bekannt.
Dieselbe Küste wie 2011
Die Sanriku-Küste gehört zu den seismisch aktivsten Regionen der Welt. Direkt vor ihr taucht die Pazifische Platte unter die Nordamerikanische Platte ab, was regelmäßig starke Beben erzeugt. Das bekannteste Beispiel: Am 11. März 2011 löste ein Beben der Magnitude 9,0 an dieser Küste einen Tsunami aus, der in manchen Gebieten über 40 Meter hoch wurde und rund 20.000 Menschen tötete. Die Atomkatastrophe von Fukushima war eine direkte Folge. Im Januar 2024 traf ein Beben der Magnitude 7,5 die Noto-Halbinsel im Westen Japans und kostete rund 240 Menschen das Leben.
Die heutigen Messwerte zeigen, wie unterschiedlich ein Beben gleicher Stärke ausfallen kann. Ausschlaggebend sind Tiefe, Richtung der Plattenverschiebung und die Entfernung der Bruchzone zur Küste. Die Behörden gingen auf der sicheren Seite: Eine Warnung für Wellen bis drei Meter ist bei einem 7,5er-Beben in dieser Region nicht ungewöhnlich.
Kleinere Wellen, größere Infrastrukturschäden
In Kuji, einer Küstenstadt in Iwate, wurde eine Welle von 80 Zentimetern gemessen, in Miyako 40 Zentimeter, in Hachinohe 30 Zentimeter. An der Küste Hokkaidos blieben die Wellen bei rund 20 Zentimetern. Damit fiel der maritime Schaden gering aus, die Warnungen wurden schrittweise heruntergestuft.
Schwerer wogen die Infrastrukturfolgen. Der Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszug zwischen Tokio und Shin-Aomori wurde nach einem Stromausfall eingestellt, ebenso die Strecke zwischen Akita und Morioka. Das Beben war bis in die Hauptstadt Tokio spürbar, rund 400 Kilometer südlich des Epizentrums, wo die JMA eine Intensität von 3 auf ihrer zehnstufigen Skala meldete. In mehreren Regionen der betroffenen Präfekturen kam es zu breitflächigen Stromausfällen.
Japans Wette auf Schutzbauten
Seit 2011 hat Japan entlang der Nordostküste rund 800 Kilometer Schutzwälle errichtet, viele davon zwischen 12 und 15 Meter hoch. Das Programm kostete umgerechnet rund zwölf Milliarden Euro. Experten und Anwohner streiten bis heute darüber, ob diese Investition sinnvoll war: Die Wälle verändern das Landschaftsbild, versperren den Meereszugang und geben womöglich eine trügerische Sicherheit, weil ein Beben wie 2011 sie an vielen Stellen überfluten würde.
Was die Wälle leisten, ist vor allem Zeitgewinn. Entscheidend für die Zahl der Überlebenden ist nicht die Wandhöhe, sondern wie schnell Menschen evakuiert werden. Japan hat dafür seit 2011 die Frühwarnanlagen für Mobiltelefone verbessert und Evakuierungsübungen verpflichtend gemacht. Beides scheint am Sonntag funktioniert zu haben: Berichte über Personen, die trotz Warnung in Küstennähe blieben, lagen zunächst nicht vor.
Das Noto-Beben von 2024 hatte gezeigt, dass selbst gute Vorbereitung nicht vollständig vor Schäden schützt: Entlegene Küstengemeinden wurden damals monatelang von der Außenwelt abgeschnitten. Wie es an der Iwate-Küste dieses Mal aussieht, werden die Schadensmeldungen der nächsten Stunden zeigen.
Nachbeben und offene Fragen
Nach einem Beben dieser Stärke rechnet die JMA in den darauffolgenden Stunden und Tagen mit weiteren Erschütterungen. Die Behörde empfahl der Bevölkerung in den betroffenen Küstengebieten, nicht in Gebäude mit sichtbaren Schäden zurückzukehren, bis die Sicherheit überprüft wurde. Für Regionen mit Stromausfall wurde ein Notbetrieb eingerichtet.
Die vollständige Schadensbilanz, insbesondere in entlegenen Küstengemeinden, war am Sonntagabend noch nicht bekannt. In solchen Gebieten können beschädigte Straßen und Brücken die Erstversorgung für Stunden oder Tage erschweren. Die japanische Katastrophenschutzbehörde entsandte Erkundungsteams in die Präfekturen Iwate und Aomori. Ob es Verschüttete oder Verletzte gibt, sollte im Laufe des Abends klarer werden.
Japans Sicherheitssystem unter Beobachtung
Ministerpräsident Sanae Takaichi ließ über das Kabinettsbüro ausrichten, die Regierung beobachte die Lage genau und stelle Mittel für die Notfallversorgung bereit. Eine Sondersitzung des Krisenstabes wurde für den Abend einberufen. Ziel ist, noch am Sonntag eine erste Lagebewertung der betroffenen Präfekturen vorlegen zu können.
Auf internationaler Ebene löste das Beben keine unmittelbaren Hilfsangebote aus. Japan gilt als eines der am besten vorbereiteten Länder weltweit für solche Ereignisse und bittet in der Regel nicht um externe Hilfe, solange keine außergewöhnlichen Schäden vorliegen. Das Beben fiel in eine Phase, in der Japan auch den Wiederaufbau nach dem Noto-Erdbeben 2024 noch nicht abgeschlossen hat. Ein weiterer größerer Schaden würde die ohnehin strapazierten Ressourcen der japanischen Katastrophenschutzbehörden zusätzlich belasten.
Für die Sanriku-Küste gilt als bittere Erfahrung: Auch das Erdbeben vom 11. März 2011 war nicht das erste schwere Beben in dieser Region. Sanriku wurde bereits 1896 und 1933 von verheerenden Tsunamis getroffen. Das kollektive Gedächtnis dieser Küstengemeinden ist entsprechend ausgeprägt. Die schnelle Evakuierungsreaktion am Sonntag ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Vorbereitung.