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IDF-General: Wir töten wie seit 1967 nicht

IDF-General: Wir töten wie seit 1967 nicht

Geleakte Aussagen des IDF-Generals Avi Bluth zeigen: Israel tötet im Westjordanland so viele Menschen wie seit 1967 nicht. Bluth verteidigte unterschiedliche Schießregeln für Palästinenser und jüdische Siedler. Parallel eskaliert die Gewalt gegen Christen in Jerusalem.

6. Mai 2026, 8:38 Uhr 710 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Ein geleaktes Protokoll einer geschlossenen Sitzung zeigt, was General Avi Bluth, Kommandeur des IDF-Zentralkommandos, intern über die Lage im Westjordanland sagt: Israel töte Palästinenser "wie seit 1967 nicht". Bluth verteidigte zugleich unterschiedliche Schießregeln für Palästinenser und jüdische Siedler. Haaretz veröffentlichte das Dokument, das in Militärkreisen kursierte; Times of Israel und Middle East Eye bestätigten die Echtheit der Aussagen.

Das Protokoll: was Bluth in geschlossener Sitzung sagte

Bluth erklärte nach Angaben des geleakten Dokuments, Israel habe in den vergangenen drei Jahren rund 1.500 "Terroristen" im Westjordanland getötet. Zum Vergleich: Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) zählte von Oktober 2023 bis Oktober 2025 etwa 1.043 getötete Palästinenser im Westjordanland. Die Differenz erklärt sich möglicherweise durch unterschiedliche Zählzeiträume oder Definitionsunterschiede. Bluth sprach von "Terroristen", die UN-Daten erfassen alle Todesopfer unabhängig von ihrer Klassifizierung.

Besonders aufschlussreich: Bluth räumte ein, dass für israelische Siedler andere Schießregeln gelten als für Palästinenser. Wenn ein palästinensischer Jugendlicher Steine wirft, darf die IDF nach seinen Angaben tödliche Gewalt anwenden. Tut dasselbe ein israelischer Siedler, geschieht das nicht, weil ein Todesschuss auf einen Juden "tiefgreifende gesellschaftliche Konsequenzen" hätte. Im Jahr 2025 wurden nach Angaben von Haaretz und Times of Israel 42 palästinensische Steinwerfer von israelischen Sicherheitskräften getötet. Bluth sagte zu dem Unterschied: "Es gibt eine gewisse Diskriminierung."

Siedlergewalt als selbst erkanntes Risiko

Bluth warnte intern vor den Konsequenzen ebendieser Toleranz gegenüber jüdischer Gewalt. Er bezeichnete Übergriffe von Siedlern auf Palästinenser explizit als "jüdischen Terror" und warnte, dass staatliche Tatenlosigkeit gegenüber dieser Gewalt eine palästinensische Intifada auslösen könnte. Die Times of Israel bestätigte, Bluth habe dies in einer separaten Sitzung Anfang Mai geäußert.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Das Militär wendet gegen Palästinenser schärfere Schießregeln an als gegen Siedler, gibt aber intern zu, dass genau diese Asymmetrie die größte Destabilisierungsgefahr ist. Das Dokument legt nahe, dass dieser Zusammenhang in der Führungsebene der IDF bekannt ist, ohne dass daraus politische Konsequenzen gezogen werden.

Angriff auf Nonne in Jerusalem

Parallel zu Bluths geleakten Aussagen wurde in Jerusalem eine französische Ordensschwester angegriffen. Die Nonne, Angehörige der École Biblique und der Biblischen Archäologieschule auf dem Zionsberg, wurde Anfang Mai von einem 36-jährigen israelischen Mann von hinten angegriffen, zu Boden geworfen und getreten. Sie erlitt Gesichtsverletzungen. Die israelische Polizei nahm den Mann noch am selben Tag fest und ermittelt wegen einer rassistisch motivierten Tat.

Abt Nikodemus Schnabel von der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg, die in unmittelbarer Nähe der École Biblique liegt, verurteilte den Angriff öffentlich. Klostermitglieder hätten der Nonne erste Hilfe geleistet. In einem aktuellen Beitrag für die Hilfsorganisation Kirche in Not warnte Schnabel, das Heilige Land riskiere, ein "christliches Disneyland" zu werden, in dem heilige Stätten ohne lebendige christliche Gemeinschaften erhalten blieben. Er bezeichnete die zunehmenden Übergriffe auf Christen als "neue Dimension der Gewalt".

Was das Dokument über Israels Westjordanland-Politik zeigt

Das Protokoll ist kein Dokument einer Reform, sondern einer Selbstbeschreibung. Bluth beschreibt die aktuelle Praxis, nicht eine Ausnahme von ihr. Dass ein hochrangiger General die Ungleichbehandlung offen benennt und gleichzeitig verteidigt, zeigt, dass die Asymmetrie kein Versehen ist, sondern Prinzip.

Auf das geleakte Dokument hat die IDF bis Redaktionsschluss nicht offiziell reagiert. Reaktionen von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und der israelischen Bürgerrechtsorganisation B'Tselem, die Situation im Westjordanland seit Jahren dokumentieren, stehen aus. Wie die US-Regierung und europäische Partner auf die Veröffentlichung reagieren, wird die politische Tragweite des Dokuments bestimmen.

Quellen (6)